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GEW in Bildung unterwegsEin Blick in die Zukunft schulischen Lernens

Das Saarland sieht sich bei der Ganztagsschule als Erfolgsmodell. Die Teilnahmequote an ganztätigen Angeboten ist im laufenden Schuljahr erstmals auf mehr als 35 Prozent gestiegen. Marlis Tepe hat sich die Situation aus der Nähe angesehen.

11.09.2018 - Norbert Glaser

„Es ist toll, dass hier nicht alles runtergerattert wird“, antwortet Samuel. Marlis Tepe hat ihn gefragt, was ihn an dieser Schule besonders gefällt. Der neben ihm stehende Tyler sekundiert: „Man ist hier nicht eingeschränkt. Jeder kann machen, was ihn interessiert. Und wenn er es nicht kann, erklärt es ihm jemand.“ Die GEW-Vorsitzende hat die beiden Jungen in einer Ecke des Keramikraums der Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen (GGSNK) entdeckt. Hier verbringen Kinder ihre Freizeitstunden mit Werken. Samuel und Tyler arbeiten an einer Pappmaché-Figur.

„Wir verstehen die Freizeiten als Freiräume, in denen wir den Schülern Neigungsgruppen anbieten, die den unterschiedlichen Interessen Rechnung tragen.“ (Clemens Wilhelm)

Eine Etage höher versuchen sich andere im Jonglieren, üben gemeinsam ein Lied ein, lesen ein Buch in der Bibliothek oder arbeiten an Computern. „In den Freizeiten – von 12.15 bis 12.45 Uhr und von 13.25 bis 14.25 Uhr – können die Schülerinnen und Schüler unter vielfältigen Angeboten wählen“, sagt Schulleiter Clemens Wilhelm. „Wir verstehen die Freizeiten als Freiräume, in denen wir den Schülern Neigungsgruppen anbieten, die den unterschiedlichen Interessen Rechnung tragen.“

Die GGSNK verteilt die Schulstunden- und -fächer über den ganzen Tag. So wechseln sich Arbeits- und Entspannungsphasen für die Jugendlichen ab. Wie das Konzept ankommt, erkundigt sich Tepe. „Wir waren bislang sehr erfolgreich“, sagt Wilhelm. „Unsere Anmeldungen sind in den vergangenen fünf Jahren von 67 auf 154 gestiegen.“

900 Schülerinnen und Schüler aus 40 Nationen besuchen die GGSNK, darunter 100 Flüchtlingskinder. Ein multiprofessionelles Team kümmert sich um sie. „72 Lehrkräfte unterrichten bei uns 27 Klassen plus Oberstufe“, erklärt Wilhelm. „Hinzu kommen 25 Kolleginnen und Kollegen in Teilzeit, die keine Lehrer sind und vielleicht nur zwei AGs anbieten: Sozialarbeiter, Künstler, Sportler, Programmierer, Heilerzieher etc.“ „Wie finanzieren Sie das?“, will die GEW-Vorsitzende wissen. „Gebundene Ganztagsschule erhalten je Klasse 4000 Euro vom Land“, erläutert Wilhelm.

Etwa 50 Arbeitsgemeinschaften informieren an Stellwänden über ihre Aktivitäten. „Die AGs sind ein unverzichtbarer Teil des Ganztagsbetriebs“, erläutert Wilhelm. „Schüler der Unter- und Mittelstufe wählen eine AG, die sie über das gesamte Schuljahr besuchen. Geleitet werden diese von Lehrern, Schulsozialarbeiter und externen Mitarbeitern.“

Weil die Schülerinnen und Schüler einen Großteil des Tages an der Schule verbringen, gibt es neben den AGs – sie sind feste Bestandteile des Stundenplans – verschiedene „Lebensräume“. Dort können sie ihre Freizeit entsprechend den eigenen Bedürfnissen und Interessen individuell gestalten: einen Ruheraum, eine Bibliothek, PC-Räume, Cafeteria, außerdem Sporthallen, ein Zirkusraum sowie ein weitläufiges Außengelände. Musisch-kulturell interessierte Schüler können die Aula, den Musiksaal oder die Zeichensäle nutzen. „Disco“ und „Treff“ sind mit Hilfe von Schülern organisierte Räume und bewusst „lehrerfrei“ gehalten. Sie dienen dem Gespräch der Jugendlichen untereinander sowie mit Sozialarbeitern.

Die geänderte Rhythmisierung war auch ein zentrales Motiv, um die Grundschule in Saarbrücken-Scheidt in eine Gebundene Ganztagsgrundschule umzuwandeln. Die besondere Atmosphäre der Schule empfängt den Besucher bereits beim Eintritt: Der Eingangsbereich ist lichtdurchflutet, mit Wimpeln, Bändern, Fähnchen bunt geschmückt. In der Regel können die Kinder in den ersten drei Stunden an selbstgewählten Schwerpunkten in Deutsch und Mathematik arbeiten. Allein, zu zweit oder zu dritt sitzen sie auf Kunststoffmatten auf dem Boden, malen oder schreiben, die Türen der Klassenzimmer stehen offen. Es herrscht eine ruhige, fast feierliche Stille.

„Die Arbeit in multiprofessionellen Teams ermöglicht uns einen ganzheitlichen Blick auf jedes einzelne Kind.“ (Jessica Krebs)

„Wir können die Tagesstruktur jetzt viel besser auf die kindlichen Bedürfnisse abstimmen“, erklärt Schulleiterin Jessica Krebs. „Phasen der Anspannung und Entspannung wechseln sich nun ab und beeinflussen die Konzentrationsfähigkeit positiv.“ Zudem wird das Lernen am Vor- und Nachmittag inhaltlich und personell enger verzahnt. „Die Arbeit in multiprofessionellen Teams ermöglicht uns gleichzeitig einen ganzheitlichen Blick auf jedes einzelne Kind.“ Und die Eltern, fragt Tepe, wie haben sie auf das neue Konzept reagiert. Krebs: „Die Anmeldezahlen sind sehr erfreulich. Wir konnten alle Plätze für die erste Klasse besetzen.“

Unter Einbezug von Montessori- und anderen Freiarbeitsmaterialien wird seit 2016/2017 das neue Konzept implementiert. „Drei Jahrgänge sind bereits gebunden, die 4. Klassen befinden sich noch im freiwilligen Ganztag.“ Nachfrage von Tepe: „Was ist nötig, damit so ein Konzept erfolgreich realisiert werden kann?“ Krebs dazu: Das Schulamt unterstützt uns. Wir haben bisher immer Kolleginnen und Kollegen geschickt bekommen, die hinter unserem Konzept stehen. Anders ginge es nicht.“

Realisiert werden konnte das neue Konzept nur mit mehr Personal und zusätzlichen Räumen. Mit Beginn des neuen Schuljahres hat die Schule einen Anbau dazu bekommen. „Die Klassenräume eines Jahrgangs liegen nebeneinander. Sie sind durch einen Zwischenraum miteinander verbunden. Dieser Raum wird von beiden Klassen als Förder- bzw. Differenzierungsraum genutzt. Im zweiten Stock liegen die Räume der Nachmittagsbetreuung, Aufenthaltsräume, Küche, Ruheraum.

15 Lehrerinnen, inklusive einer Förderschullehrerin, betreuen 165 Kinder in acht Klassen. Sie werden dabei unterstützt von elf Erzieherinnen und Erziehern plus einem Sozialpädagogen. Eine 50-Minuten-Pause am Vormittag und eine lange Mittagspause von 90 Minuten sorgen für neuen Schwung bei den Kindern. Im Lerntagebuch dokumentieren sie ihr tägliches Lernpensum selbstständig. Die Eltern müssen diese Einträge wöchentlich abzeichnen.

„Wie ließe sich die vorhandene Situation noch optimieren?“, erkundigt sich Tepe bei der neben ihr stehenden Grundschullehrerin. Antwort: „Ohne Geld funktioniert nichts.“ Einen festen prozentualen Anteil am Haushalt für Bildung zu reservieren fände die Lehrerin eine gute Idee. „Vor allem aber braucht es Menschen, die auf die Kinder und ihre Probleme eingehen.“

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