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Gesundheitsschutz in BildungseinrichtungenEchte Medizin statt Placebos

Stress, Lärm und zu lange Arbeitszeiten gefährden die Gesundheit der Beschäftigten in Bildungseinrichtungen. Als belastend empfinden pädagogische Fachkräfte auch das zu geringe Ansehen ihrer Tätigkeit. Ändern müsste sich strukturell etwas.

08.01.2020 - Esther Geißlinger, freie Journalistin

Schulen und Kitas sind gefährliche Orte, zumindest entsteht dieser Eindruck nach Lektüre der Branchenregeln der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Die Broschüren mit den Nummern 102 bis 601 für Schulen und 102 bis 602 für Kindertageseinrichtungen listen detailliert Risiken auf – vom Straßenverkehr bei der Ankunft der Kinder über Explosionen im Chemieraum bis zu fliegenden Bällen im Außenbereich. Doch die größten Gesundheitsrisiken für Lehr- und Erziehungskräfte fehlen: Stress, Lärm, lange Arbeitszeiten und psychische Belastungen.

Ein Jahr lang, in Unterrichts- wie Ferienwochen, schrieben rund 3.000 Lehrkräfte weiterführender Schulen in Niedersachsen täglich ihre Arbeitsstunden auf. Der Leiter der Niedersächsischen Arbeitsbelastungsstudie, der Soziologe Frank Mußmann von der Göttinger Georg-August-Universität, stellte die Ergebnisse im Jahr 2016 vor. Das Fazit: Die Mehrheit der Lehrkräfte tut mehr, als sie müsste, und manche arbeiten mehr, als sie dürfen. Knapp 17 Prozent der Vollzeitkräfte widmen ihrem Beruf während der Schulwochen mehr als 48 Stunden und überschreiten damit die EU-rechtlich zulässige Wochen-Höchstarbeitszeit. Und zwar „freiwillig“, so erklären es die Beschäftigten. Das sieht auch die Politik so: Die richtige Mischung aus Unterricht, festgelegten und selbst gewählten Aufgaben „liegt in der Eigenverantwortung der Lehrkraft“, zitiert die Studie, die im Auftrag der GEW Niedersachsen entstand, die damalige niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD).

Hohe emotionale Belastung

Also ist das Problem selbst verschuldet und damit nicht zu lösen? Zur Wahrheit gehört, dass viele Menschen, die in sozialen Berufen arbeiten, nicht so sehr äußerem Druck, sondern inneren Motiven gehorchen. Dennoch hat der Arbeitgeber darauf zu achten, dass die Beschäftigten die Obergrenzen einhalten. Im Mai 2019 urteilte der Europäische Gerichtshof (EuGH), dass Arbeitgeber verpflichtet sind, die Stunden der Beschäftigten zu dokumentieren – genau und täglich. Die Umsetzung ist allerdings in vielen Branchen schwierig, auch bei Lehrkräften. Schließlich findet ein Teil der Arbeitszeit nicht in der Schule statt. Diese Stunden genau zu erfassen, ist für viele schwer vorstellbar.

Wie unter einem Brennglas zeigt ein Report des DGB vom April 2019 die Probleme und Besonderheiten der Gesundheits-, Sozial-, Erziehungs- und Bildungsberufe. Laut der Sonderauswertung Interaktionsarbeit des DGB-Index Gute Arbeit sind Beschäftigte im Bildungs- und Erziehungsbereich zu 93 Prozent vom Sinn ihrer Arbeit überzeugt. Sie tragen aber eine hohe emotionale Belastung. Für Stress sorgen Zeitmangel, ein zu hoher Aufwand für Bürokratie, die von der „eigentlichen“ Arbeit abhält, und „unrealistische Erwartungen“ von Eltern und Kindern. Hinzu kommt Lärm: 61 Prozent der Befragten klagen darüber, das sind fast so viele wie bei Beschäftigten in Fabriken oder Werkstätten.

Als belastend empfinden Bildungs- und Erziehungsfachkräfte auch das zu geringe Ansehen ihrer Tätigkeit. Die Aufstiegschancen in der Branche sind eher unattraktiv – jede Stufe auf der Karriereleiter bedeutet mehr Arbeit, aber nur unwesentlich mehr Gehalt. Und es herrschen klassische Muster: In den Lehr- und Erziehungsberufen arbeiten überwiegend Frauen, viele kümmern sich darüber hinaus um eigene Kinder oder Angehörige und arbeiten (deshalb) in Teilzeit. Doch je geringer die individuelle Arbeitszeit, desto größer die Mehrarbeit, lautet ein Ergebnis der niedersächsischen Studie.

„Man hat einen Beruf, für den man brennt, und man trägt Verantwortung für Kinder. Die wenigsten zählen da die Minuten.“ (Daniel Merbitz)

„Besonders drastisch ist das Missverhältnis im Wissenschaftsbereich, wo für 50 Prozent Teilzeit bezahlt, aber Arbeit wie in Vollzeit geleistet wird“, sagt Daniel Merbitz, Leiter des GEW-Vorstandsbereichs Tarif- und Beamtenpolitik. „Und nebenbei wird bis spät in die Nacht an der eigenen Doktorarbeit geschrieben.“ Nicht nur dort, sondern bei fast allen Beschäftigten im Bildungsbereich gebe es „Selbstausbeutung“, weiß Merbitz: „Man hat einen Beruf, für den man brennt, und man trägt Verantwortung für Kinder. Die wenigsten zählen da die Minuten.“ Doch gerade wer die Arbeit besonders gut machen will, stößt an zeitliche Grenzen. Das erzeugt neuen Leidensdruck, so ein Ergebnis der niedersächsischen Arbeitszeitstudie.

Müssen sich die Menschen ändern – oder die Umstände? Beides, sagen Fachleute. Die Gesundheitsforschung spricht von der Verhaltens- und der Verhältnisprävention. Um etwas zu bewirken, sollten beide Maßnahmen zusammenkommen. Ein klassisches Beispiel für die betriebliche Gesundheitsvorsorge ist der Verzicht auf Zigarettenkonsum. Um die Belegschaft vom Glimmstängel wegzubringen, sollte es nicht nur den individuellen Rauchentwöhnungskursus geben, sondern auch die strukturelle Änderung wie ein Rauchverbot auf dem Betriebsgelände.

Doch gegen chronischen Stress und Arbeitsüberlastung in den Bildungsberufen helfen solche Maßnahmen nur bedingt: „Organisiert die Schulleitung Yogakurse, hat sie zwar etwas getan, aber sie verschiebt die Verantwortung zurück auf die Einzelpersonen“, sagt Merbitz. „Dabei müsste sich strukturell etwas ändern. Sprich, es müsste echte Medizin anstelle von Placebos eingesetzt werden.“ In Niedersachsen hatte eine Kommission aus den Ergebnissen der Studie von 2016 abgeleitet, dass die Pflichtstundenzahl sinken sollte. Doch diese Maßnahme erfordert mehr Personal. Da dieser Wunsch in Zeiten des Fachkräftemangels nicht schnell umgesetzt werden kann, gilt es, die internen Verhältnisse zu verändern.

„Wir wollen unsere Personalräte bei diesen Themen fit machen und sie stärker vernetzen.“

Der wichtigste Hebel ist die Gefährdungsbeurteilung, die seit 2013 gesetzlich verpflichtend auch für die psychische Gesundheit erstellt werden muss. „Arbeits- und Gesundheitsschutz ist ein zentrales Element der Mitbestimmung“, sagt Merbitz. „Hier können die Personalräte viel bewirken.“ Schwierig ist im Schulbereich, dass gleich zwei „Unternehmer“, wie es in der Branchenregel der Unfallversicherung heißt, für verschiedene Teilbereiche zuständig sind. Die Kultusministerien oder Senate der Länder regeln den „inneren Schulbereich“, also Inhalte, Methoden und Organisation, und sind als Arbeitgeber und Dienstherren verantwortlich für Sicherheit und Gesundheit aller Beschäftigten, sowohl der angestellten wie der verbeamteten. Für die Einrichtung und Ausstattung von Gebäuden und Freiflächen sowie organisatorische Aufgaben sind die Schulträger, in der Regel die Kommunen, zuständig.

Um die Sache noch komplizierter zu machen, gibt es darüber hinaus die Schulleitungen, die vor Ort die ersten Ansprechpartnerinnen und -partner für die Personal- und Betriebsräte sind. Deren Mitglieder sind aufgefordert, auf die Einhaltung der Schutzregeln zu achten, um Kolleginnen und Kollegen „auch vor sich selbst zu schützen“, sagt Merbitz. „Selbstausbeutung darf nicht die Antwort auf die desolaten Zustände sein.“ Nach Einschätzung des GEW-Vorstands wird das Instrument der Gefährdungsbeurteilung im Schul- oder Kita-Alltag oft nicht konsequent genug ein- und umgesetzt. Zwar werden die Gefahrenpotenziale von Treppenneigungen oder Sportgeräten betrachtet, nicht aber die psychischen Belastungen durch Lärm oder immer neue Aufgaben.

Ein weiterer Hebel, mit dem Personalräte Verbesserungen erreichen können, ist die Arbeitszeitverordnung. So gelten die Minuten zwischen zwei Unterrichtsstunden offiziell als frei. Tatsächlich aber erledigen viele Lehrkräfte nach dem Klingelzeichen Anrufe, kümmern sich um die Organisation der nächsten Stunde oder besprechen sich schnell im Team. Um hier echte Pausen zu schaffen, könnte sich das Kollegium zum Beispiel auf Phasen ohne Besprechungen einigen und Ruheräume schaffen. „Wir wollen unsere Personalräte bei diesen Themen fit machen und sie stärker vernetzen“, sagt Merbitz. Die Bildungsgewerkschaft bietet daher sowohl auf Hauptvorstands- wie auch auf Landesebene regelmäßig Seminare an.

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