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KommentarDoing Gender unter Covid-19

Homeoffice ist keine Betreuungsoption – das wissen pädagogische Fachkräfte schon lange. Lehren, erziehen – und dadurch betreuen – ist eine Aufgabe, die in professionelle Hände gehört und echt Arbeit macht! Ein Kommentar.

21.07.2020 - Frauke Gützkow, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands für Frauenpolitik / Janina Glaeser, Referentin für Frauenpolitik

Was auf der familiären Ebene eine Zerreißprobe ist, bringt auf der gesellschaftlichen Ebene einen Rückfall in die Rollenbilder der 1960er-Jahre in Westdeutschland mit sich. Es sind Frauen, die in den Familien die Hauptlast für Kinder, Haushalt, die Betreuung Pflegebedürftiger leisten. Ohnehin sind laut Statistik in der Hälfte der Familien Frauen alleine dafür zuständig, in einem Viertel stemmen das Männer, in einem weiteren Viertel teilen sich Frauen und Männer die Arbeit. GEW-Mitglieder, die selbst Eltern sind, dokumentieren ihre Mehrfachbelastung aktuell mit Fotos im Rahmen der DGB-Familienoffensive:

Die Corona-Krise hat Frauen in die Situation gebracht, ihre Erwerbsarbeit einzuschränken. Sie gehen mit ihren Arbeitsstunden runter, um die unbezahlte Sorgearbeit zu leisten. Mütter kompensieren den Ausfall der öffentlichen Betreuungseinrichtungen, indem sie ihre Arbeitszeit reduzieren, das hat gerade erst die Hans-Böckler-Stiftung belegt.

Welche tatsächlich gelebten Rollenbilder offenbaren sich in der aktuellen Krisensituation? Was scheint typisch „Mann“, was typisch „Frau“, was typisch „Mutter“, was typisch „Kind“, was bleibt typischerweise unbeachtet? In den 1960er Jahren sah es in Westdeutschland noch so aus, dass Männern die Rolle des Haupternährers der Familie zugewiesen wurde und Frauen die Verantwortung für Familie und Haushalt. Frauen arbeiten selten außer Haus, meist in Teilzeit und schlecht bezahlt. In Ostdeutschland waren Frauen wie Männer in Vollzeit beschäftigt, auf den bezahlten Hausarbeitstag hatten aber nur Frauen Anspruch. Wenn jetzt, in den 2020er-Jahren unter der Corona-Krise ein Drittel der Mütter ihre bezahlte Erwerbsarbeit reduzieren, Ist es höchste Zeit, gegenzusteuern und emanzipatorische Visionen für gleichberechtigte und solidarische Lebensweisen zu vertreten.

Doing Gender prägt unseren Alltag

Das Konzept des Doing Gender hilft, das Geschehen rund um aktuelle Inszenierungen von Geschlechtern zu verstehen: Menschen greifen auf tradierte Logiken und gängige Identitätsmuster zurück. Doing Gender beschreibt, dass Geschlecht in alltäglichen Handlungen hergestellt wird – zum Beispiel als Mann oder als Frau, aber auch über diese Kategorien hinaus. Es ist ein Wechselverhältnis: Doing Gender ergibt sich aus den Strukturen und Routinen und wirkt in diese zurück. Es sind Routinen in der Wahrnehmung, der Darstellung, aber auch der Zuschreibung, was angemessen ist in der jeweiligen Geschlechterrolle. Anschaulich wird diese sozialwissenschaftliche Beschreibung der sozialen Konstruktion von Geschlecht, wenn man z.B. Zeitschriftenregale betrachtet: Fast jedes Blatt, das dort ausliegt, enthält Geschlechtercodes: Frauenzeitschriften, Männerzeitschriften, Zeitschriften für Sport, Gartengestaltung, Fotografie oder Pferde. Überall werden Geschlechtsrollenstereotype abgebildet.

Geschlechterbewusste Pädagogik – ein wichtiger Baustein, um gegenzusteuern

Diese Beobachtungen zu Doing Gender sind ein Thema für Bildungsarbeiter*innen in Kita, Schule, Berufsbildung, Weiterbildung und Hochschule und für die Bildungsgewerkschaft GEW. In einer geschlechterbewussten Pädagogik liegt ein Schlüssel Doing Gender-Prozesse bewusst zu machen und gegenzusteuern. Dazu können Bildungsarbeiter*innen einen Beitrag leisten, indem sie ihre Bildungsarbeit geschlechtergerecht gestalten und Bildungseinrichtungen als demokratische und geschlechtergerechte Institutionen weiterentwickeln. Auch wenn hier zunächst an die Bildungsarbeiter*innen appelliert wird, ihr Geschlechtsrollenverständnis zu überdenken: Die Verantwortung liegt auch bei der Politik, die Vorgaben für Bildungsstandards und Ausbildungsordnungen macht und es in der Hand hat, geschlechter- und auch diversitätsbewusste inklusive Pädagogik voran zu bringen.

Was hat das mit der GEW zu tun?

Warum beschäftigen uns Rollenbilder, was haben wir in der Bildungsgewerkschaft mit Doing Gender zu tun? Wir erleben durch Corona ein Aufweichen von Geschlechtergerechtigkeit. Zu den bisherigen Fortschritten gehören die gestiegene Erwerbsbeteiligung von Müttern, Elterngeld, Ausbau der Kleinkindbetreuung, Ganztagsgrundschulen. Mehr als Dreiviertel der Mütter, die in einer Partnerschaft leben und mindestens ein Kind zwischen sechs und 18 Jahren haben sind mittlerweile erwerbstätig. Bildungsarbeiter*innen haben in den vergangenen Jahren mit ihrem Engagement in Kita und Ganztagsschule einen erheblichen Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf geleistet. Mit der zunehmenden gesellschaftlichen Anerkennung ihrer professionellen pädagogischen Arbeit gehören auch sie zu denjenigen, die dazu beitragen, traditionelle Rollenbilder aufzubrechen.

Die GEW fordert einen Gleichstellungscheck bei allen gesetzlichen Maßnahmen – vom Kurzarbeiter*innengeld bis zum Konjunkturpaket. Die Gleichstellunsstrategie der Bundesregierung wird nun endlich angegangen. Wir vernetzen uns mit anderen gleichstellungspolitischen Akteur*innen, um die unbezahlte Sorgearbeit sichtbar zu machen und dafür Geld, Zeit und Infrastruktur einzufordern – zum Beispiel, indem die GEW das Equal Care Manifest unterzeichnet hat.

Fazit

Gegensteuern, damit veraltete Geschlechterverhältnisse nicht zurückkehren und Frauen in der Corona-Krise Rückenwind bekommen: Es beginnt damit, die Mechanismen zu verstehen, die dahinterstecken. Deshalb die Beschäftigung mit Doing Gender. Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnis heißt es, die Politik in die Pflicht zu nehmen!

Um gegenzusteuern ist es jetzt wichtig, dass diese kurzfristigen „Lösungen“ zur Absicherung der Sorgearbeit in der Familie nicht zur Dauereinrichtung werden. In der Politik gibt es eine Reihe von Stellschrauben um Anreize zu einer geschlechtergerechten Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Müttern und Vätern zu unterstützen. Das Ehegattensplitting abzuschaffen gehört genauso dazu wie die Elterngeldmonate stärker auf Männer bzw. das zweite Elternteil zu verteilen. Auch mit der Gesetzesinitiative zur Familienarbeitszeit, in der vom Staat Teile des Verdienstausfalls ersetzt werden, wenn beide Elternteile weniger arbeiten und sich um ihre Kinder kümmern, werden die richtigen Impulse gesetzt.

Für uns als Gewerkschafter*innen ist die Arbeitszeitdebatte zentral. Kürzere Arbeitszeiten für alle, die Sichtbarkeit der unbezahlten Sorgearbeit, Lebensverlaufsorientierung und Zeitsouveränität im Sinne der Beschäftigten sind die Eckpfeiler für zukunftsweisende Arbeitszeitmodelle.

Geschlechtsrollenstereotype sind nach wie vor wirksam, sie zu hinterfragen und zu verändern braucht einen langen Atem und engagierte Mitstreiter*innen in der GEW. Die Auseinandersetzung lohnt sich, denn diese Rollenstereotype geben gewisse Leitbilder vor, die Menschen in ihrer Entfaltung einengen.

Um der Gefahr einer Rolle rückwärts in Geschlechterverhältnissen entgegen zu wirken braucht es geschlechterbewusste Antworten der GEW!

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