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GastkommentarDigitalisierung im Panikmodus

Durch die Coronapandemie findet ein Experiment digitaler Bildung unter Realbedingungen statt, das sich die EdTech-Industrie und viele Digitalisierungsforscherinnen und -forscher in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätten.

01.07.2020 - Sigrid Hartong, Bildungsforscherin und Leiterin des Forschungsschwerpunkts „Digital Education Governance – Datafizierung und Digitalisierung im Bildungssektor“ an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg

Mit Einsetzen der Corona-Pandemie hat sich der ohnehin hochdynamische Diskurs um digitale Bildung nochmals deutlich verschoben: Wurden Learning Analytics, Schulplattformen & Co. bislang als große Hoffnung auf bessere Lehr-Lernprozesse gepriesen, so geht es nun darum, dass mit Hilfe digitaler Technologien überhaupt regelmäßig Unterricht für alle stattfinden kann.

Die Folge: Nie haben sich die Kritikerinnen und Kritiker der bisherigen Bildungsdigitalisierungsstrategie so deplatziert gefühlt. Waren Datenschutzbeauftragte und die meisten Landesministerien vorher extrem skeptisch gegenüber dem Einsatz bestimmter kommerzieller EdTech-Anbieter, so gilt es nun, überhaupt etwas zu haben, das technisch funktioniert.

Erschien es bislang zumindest vernünftig, maximale Bildschirmzeit beim Einsatz digitaler Technologien mit zu berücksichtigen, so bedeutet aktuell jede Stunde digitaler Selbstbeschäftigung im Zwangs-Fernunterricht mehr Zeit fürs parallel laufende Homeoffice. Insgesamt findet ein Experiment digitaler Bildung unter Realbedingungen statt, das sich die EdTech-Industrie und auch viele Digitalisierungsforscherinnen und -forscher in ihren kühnsten Träumen nicht hätten ausmalen können.

Crashkurs-Formate

Und klarer denn je scheint in diesem Szenario Bildungsungleichheit als Problem von Hard- und Softwareausstattung, gegebenenfalls noch ergänzt durch den Verweis auf unfair verteilte Bedienkompetenzen. Während der Bund aktuell also zunehmend Gelder in den Ausbau digitaler Infrastruktur pumpt, werden Bildungseinrichtungen mit Bedienfortbildungen im Crashkurs-Format überschwemmt.

Eine derartige Digitalisierungs- und Ungleichheitsminimierungsstrategie im Panikmodus ist jedoch auch deswegen die unglücklichste und pädagogisch risikoreichste Form der Digitalisierung, weil eine oft unregulierte „Datafizierung“ von Bildung und damit ein wachsender Einfluss algorithmischer Sortiermodelle provoziert werden. Derartige Risiken algorithmischer Diskriminierung sind allerdings deutlich unbequemer zu adressieren als fehlendes WLAN. Denn hier geht es um all die Modellierungen und funktionalen Manipulationsmechanismen, die in Lernsoftware, Konferenztools, Plattformen oder digitalen Materialsammlungen stecken.

Es braucht die Freiheit zu wählen: zwischen analog und digital, zwischen Beobachtung und Nichtbeobachtung oder zwischen unterschiedlichen digitalen Tools/Modellen.

Und paradoxerweise sind diese umso wirkmächtiger, je besser die Tools funktionieren, je einfacher und spaßiger sie sich bedienen lassen, je mehr „auf einen Blick“ zusammengeführt oder automatisch berechnet wird – und je „klarer“ sich daher Entscheidungen ableiten lassen. Und ja, derartige Entscheidungen können sein, dass rot aufleuchtende Schülerprofile besondere pädagogische Aufmerksamkeit bekommen, sie können sich aber auch auf schulische Laufbahnempfehlungen, auf Zuweisung und Ausschluss von Förderressourcen oder auf Studienplatzvergabe beziehen – legitimiert durch den Verweis auf „evidenzbasierte“ und damit scheinbar neutralisierte Entscheidungstechnologie.

Gegen algorithmische Diskriminierung helfen weder Bedienfortbildung noch Infrastrukturinvestition, sondern nur Aufklärung, Transparenz, politische Debatten mit Beteiligung vieler sowie starke Regulierung. Und es braucht die Freiheit zu wählen: zwischen analog und digital, zwischen Beobachtung und Nichtbeobachtung oder zwischen unterschiedlichen digitalen Tools/Modellen. Erodieren wird diese Freiheit, wenn selbst die grundsätzliche Bereitstellung und Verteilung von Bildung als öffentlichem, staatlich garantiertem Gut von nichtstaatlichen Infrastrukturen, dem Funktionieren digitaler Tools und damit der Inkaufnahme algorithmischer Diskriminierung abhängt.

Mit anderen Worten: Das große Corona-Experiment kann nur gelingen, wenn wir auch auf diese Freiheit keinen Moment länger verzichten als unbedingt nötig.

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