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Deutsche Auslandsschulen in der PandemieDigitalisierung, Datenschutz und Corona-Regeln

Die 23. Fachtagung der GEW-Arbeitsgruppe Auslandslehrerinnen und –lehrer (AGAL) fand erstmals virtuell statt. Rund 50 Lehrkräfte und Bildungsfachleute diskutierten über Digitalisierung, Datenschutz und Corona-Regeln.

04.12.2020 - Matthias Holland-Letz

Unterrichtskontrolle durch die Hintertür

Was ein ehemaliger Lehrer einer Deutschen Auslandsschule (DAS), der nicht genannt werden möchte, aus Südamerika berichtete, klingt gruselig: „Die Eltern wollten, dass in den Unterrichtsräumen Kameras installiert werden.“ Deren Überlegung sei gewesen, dem Kind in der vierten Klasse von zu Hause zuzusehen. Darauf habe es an der DAS einen Aufstand gegeben, die Schulleitung stoppte das Vorhaben. Nun unterrichte man mit dem Videokonferenz-Tool Teams, der Unterricht werde aufgezeichnet und gespeichert. „Schulleitung und Eltern haben die Möglichkeit, die Aufzeichnungen anzuschauen“, sagte der Pädagoge. Die Lehrkräfte der DAS hätten zustimmen müssen, dass die Schule die Mitschnitte nutzt, nach seinen Angaben auch für Marketing in den sozialen Netzwerke“. Das habe allerdings zu großer Unruhe geführt. Er habe die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) informiert, nach eigener Aussage aber keine befriedigende Antwort erhalten. Die Kontrolle des Unterrichts sei seiner Ansicht nach „jetzt durch die Hintertür eingeführt worden“.

„Auslandsschulen in der digitalen Welt: Voneinander lernen“, so hieß das Motto der 23. Fachtagung der AGAL. Drei Tage lang gab es Diskussionen, Workshops und Erfahrungsberichte. Kolleginnen und Kollegen meldeten sich live aus Ländern wie Dubai, Hongkong, Uruguay oder Peru. Vertreten waren ZfA, Auswärtiges Amt, Kultusministerkonferenz und der Weltverband Deutscher Auslandsschulen (WDA).

Tipps für digitale Unterrichtskonzepte

Tag 2 beschäftigte sich mit Unterrichtskonzepten in Zeiten von Corona und Digitalisierung. „Die Frage ist, wie ich grundsätzlich Lernen gestalte“, betonte Richard Heinen, Geschäftsführer der Kölner Beratungsfirma learninglab GmbH. Er plädierte für kollaborative Konzepte, für Lernbüros, Werkstattunterricht und Projektunterricht. „Und dann kommt das Digitale und hilft mir dabei.“ Wo Lehrkräfte lediglich per Videokonferenz unterrichteten, werde „die Frontal-Situation enorm verschärft“, warnte Heinen. Er plädierte für Gelassenheit im Umgang mit digitaler Technologie. Es sei ratsam, mit diversen Anbietern und Systemen Erfahrungen zu sammeln. Wichtig sei, „dass wir gut voneinander lernen.“ Und: „Ich muss eine Software nicht in Gänze verstehen.“

ZfA für Schulcloud und Vernetzung

Heike Toledo, Leiterin der ZfA, betonte: „Unterrichten per Videokonferenz hat nichts mit Neuem Lernen im digitalen Zeitalter zu tun.“ Es gehe darum, „Unterricht zu personalisieren, Wissen zu teilen und sich zu vernetzen“. Schülerinnen und Schüler benötigten „neue Kompetenzen“. Sie starteten in eine Welt, „wo ein Großteil der klassischen Berufe wegfallen wird“, so Toledo. Dank der Unterstützung des Auswärtigen Amtes habe man den DAS kostenlos ein leistungsfähiges Lernmanagement-System zur Verfügung stellen können – die Schulcloud des Hasso-Plattner-Instituts (HPI). „Die brauchen wir unabhängig von der Pandemie“, erklärte die ZfA-Chefin.

Ein Teilnehmer fragte, wie sich Bedingungen schaffen ließen, damit sich Lehrkräfte an den DAS weltweit vernetzten. Dann könnten sich zum Beispiel Mathematik-Fachleitungen virtuell treffen und austauschen. Heike Toledo griff die Anregung auf. Die HPI-Cloud werde allen 140 Auslandsschulen zur Verfügung stehen. „Damit können wir auch Fachbereiche der einzelnen Schulen vernetzen“. Auch DAS, die das Gemischtsprachige Internationale Baccalaureate (GIB) anbieten, könnten via HPI-Cloud besser kooperieren.

Technische Ausstattung: Eltern mussten helfen

Thilo Klingebiel, Geschäftsführer des WDA, pries die gute technische Ausstattung der DAS: Im Durchschnitt seien je fünf Schülerinnen und Schüler mit einem Computer ausgestattet. An deutschen Schulen teilten sich 11,5 Schüler einen Computer. Eine Lehrerin, die an einer DAS im südlichen Afrika tätig war, berichtete hingegen, dass es an Endgeräten gefehlt habe. Erst die Elternvertretung habe dafür gesorgt, dass die Schule Geräte und Datenvolumen bekommen habe. Einzelne Schülerinnen und Schüler hätten zu Hause keine Möglichkeit gehabt, am Computer zu arbeiten. Ihnen sei erlaubt worden, in der Schule zu lernen.

GEW fordert Datenschutz und Fortbildung

Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe forderte, auf   Datenschutz an Auslandsschulen zu achten. Für Lehrkräfte sei das Vertrauen wichtig, dass sie sich in digitalen Räumen „gut austauschen können“. Fortbildungsangebote dürften „nicht abhängig sein von Microsoft, Apple und den anderen großen digitalen Playern“.

„Wie wird in den Schulen Abstand, Hygiene und Lüften kontrolliert?“ (Marlis Tepe)

Marlis Tepe verwies auf die extremen Arbeitsbedingungen und gesundheitlichen Risiken, denen die Lehrkräfte während der Corona-Pandemie ausgesetzt sind. „Wie setzt sich die ZfA für unsere Kolleginnen und Kollegen ein?“ Heike Toledo antwortete: Von den 1.500 vermittelten Lehrkräften aus Deutschland seien 80 Prozent „vor Ort geblieben“. Wer aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nach Hause reisen musste, dessen Reisekosten habe die ZfA übernommen. Zusätzlich seien Pauschalen für die Lehrkraft und ihre Angehörigen gezahlt worden, wenn diese nach der Rückkehr eine Zwischenunterbringung finanzieren mussten. Weitere Kosten habe man nicht ausgleichen können

„Wie wird in den Schulen Abstand, Hygiene und Lüften kontrolliert?“, hakte Marlis Tepe nach. Die 140 DAS hätten eine „Blaupause“ erhalten, in der stehe, welche Vorschriften an deutschen Schulen einzuhalten sind, antwortete Toledo. Sie verwies darauf, dass in vielen Gastländern weit strengere Corona-Regeln gelten als in Deutschland. „In Peru dürfen die Kinder seit acht Monaten nicht aus dem Haus.“ Die Schulleitungen der DAS hätten die Möglichkeit, noch rigidere Maßnahmen einzuführen. „Nur laschere Vorschriften dürfen sie nicht erlassen.“ Toledo versicherte, dass an den Deutschen Auslandsschulen „beim Arbeitsschutz gute Bedingungen gegeben sind“.