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Die unsichtbare Gewalt

06.09.2017 - Wilfried Schubarth, Professor für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam

Gewalt verlagert sich zunehmend von der physischen zur psychischen: Laut PISA-Sonderauswertung der OECD wird jeder sechste 15-Jährige in Deutschland regelmäßig Opfer von Mobbing.

Ob rechts oder links begründet, islamistisch motiviert oder ohne erkennbaren Hintergrund aus „Spaß“ verübt: Einerseits scheint Jugendgewalt allgegenwärtig zu sein. Andererseits verweisen Statistiken auf sinkende Zahlen. Unsere aktuellen Erkenntnisse zur Gewalt an Schulen* bestätigen einen Rückgang – allerdings nur bei körperlicher Gewalt. Psychische Gewalt wird immer häufiger ausgeübt.

Eine Verlagerung von der physischen zur psychischen – „unsichtbaren“ – Gewalt lässt sich international beobachten. Laut einer im April veröffentlichten PISA-Sonderauswertung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird jeder sechste 15-Jährige in Deutschland regelmäßig Opfer von Mobbing. Im Vergleich der Industriestaaten ist das Mittelfeld – eine Nachricht, die im Gegensatz zu früheren Studien keinen „PISA-Schock“ auslöste.

„Unsichtbare Gewalt“ umfasst mehreres: Erstens neue Formen von Jugendgewalt wie Online-Gewalt oder Hate Speech, zweitens von Lehrkräften ausgeübte Gewalt wie Bloßstellen, Demütigen, unfaire Benotung oder unterlassene Hilfeleistung. Mit letzterer sind Fälle gemeint, in denen Lehrkräfte von Mobbing erfahren und untätig bleiben. In sieben von zehn Fällen, die ihnen zugetragen werden, werden sie unterstützend tätig – in dreien nicht. Ist Schülergewalt also auch eine Folge „unsichtbarer Lehrkräftegewalt“ in Form unterlassener Hilfeleistung?

Lehrkräfte sind nicht nur „Täter“, sondern auch „Opfer“ – nicht nur der Schülerschaft, sondern auch von Eltern, Vorgesetzten und der Behördenbürokratie.

Oder: Ist eine ausbleibende Intervention von Lehrkräften drittens Ausdruck unsichtbarer Gewaltverhältnisse – der Gewalt seitens der Institution? Bereits in den 1970er Jahren wurden strukturelle „Schulgewalt“ sowie die Beeinträchtigung der Identitätsbildung von Kindern durch „Lernfabriken“ heftig kritisiert, unter anderem von dem schwedischen Friedensforscher Johan Galtung. Angesichts des immensen Leistungsdrucks, der Kluft zwischen Arm und Reich, der Vielzahl benachteiligter Kinder sowie der Unterausstattung von Schulen ist es an der Zeit, diese unsichtbaren Gewaltverhältnisse wieder transparenter zu machen. Oder was hat sich seit der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 an der herkunftsbedingten Benachteiligung von Kindern, an der Personalsituation an Schulen oder an der Lehrkräftebildung wirklich geändert?

Damit sind wir viertens bei der unsichtbaren Gewalt gegenüber Lehrkräften. Lehrkräfte sind nicht nur „Täter“, sondern auch „Opfer“ – nicht nur der Schülerschaft, sondern auch von Eltern, Vorgesetzten und der Behördenbürokratie. Über manch unsichtbare Wunde, die das schlägt, gibt die Krankenstatistik Auskunft. Da Schule fünftens aber bekanntlich nur die Welt um sie herum spiegelt, dürfen auch die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht außer Acht gelassen werden. Damit sind nicht nur in Familien verübte oder medial vermittelte Gewalt gemeint – sondern auch der rasante soziale Wandel. Dieser kann überfordern, Angst auslösen und in Wut und Aggression münden.

Gibt es einen Ausweg aus diesen Gewaltverhältnissen? Eine „gewaltfreie Schule“ klingt nach einer schönen Utopie – Ansätze im Kleinen gibt es durchaus. So hat die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln gezeigt, wie aus einer Brennpunktschule mit hohem Gewaltpotenzial eine Vorzeigeeinrichtung werden kann. Das Rezept: eine Schulentwicklung hin zu einer Kultur der Anerkennung und Wertschätzung, Geld, ein professionelles Kollegium und die nötigen Partner. Ob unsere Politik, unsere Hochschulen, unsere Gesellschaft dafür bereit sind? Wenn nicht, gilt: Die unsichtbare kann jederzeit in offene Gewalt umschlagen.

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