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E&W-Pro-und-Kontra Die Not mit den Noten

Sind Noten eine kompakte und gut vergleichbare Form der Rückmeldung - oder in Zeiten von Inklusion überholt? In der neuen „E&W“ debattieren die Gymnasiallehrerin Martin Hagemann und GEW-Schulexpertin Ilka Hoffmann die Frage.

15.03.2019

  • Pro: Notwendiges Übel

„Noten sind eine sehr kompakte – und damit gut vergleichbare – Form der Rückmeldung“, sagt Gymnasiallehrerin Martina Hagemann. Sie eigneten sich am besten, um Schüler und Eltern über Leistungsstand und Lernfortschritte zu informieren. 

„Kriegen wir die Mathearbeit wieder?“ Meine Schüler blicken sorgenvoll auf den Stapel korrigierter Klassenarbeiten auf meinem Tisch, deren Noten darüber entscheiden, welches Kind heute Nachmittag ein Eis mit drei Kugeln und welches nur einen enttäuschten Blick oder gar einen Haufen Ärger bekommt. Muss das wirklich sein? Eigentlich hasse ich Benoten! Bei einer Mathearbeit gelingt es noch recht gut, die Notengebung transparent und fair zu gestalten. Doch selbst da kommen Proteste der Schüler: „In der Parallelklasse waren die Aufgaben leichter, und es gab auch keine einzige ‚5‘“!

Und mit den Noten für Klassenarbeiten ist es nicht getan, die Schüler erhalten auch Rückmeldungen über ihre mündliche Beteiligung. Bekommt dabei ein sehr guter Rechner, der ständig Papierkugeln durch die Gegend schnipst, eine mündliche „1“? „Nein“, urteile ich. „Warum nicht?“, ärgert sich der Schüler. Verdient eine Schülerin, die alle Hausaufgaben erledigt und brav am Platz sitzt, eine „4“, auch wenn die Ergebnisse alle falsch sind? „Nein!“, finde ich. „Warum nicht?“, beschwert sich die Mutter. Unmut auf beiden Seiten.

Schüler und Eltern haben ein Recht darauf, über den Leistungsstand informiert zu werden. Meine Schwester, deren Sohn in der Grundschule keine Noten erhielt und seine Aufgaben fast alle in der Schule erledigte, wusste jahrelang nicht, dass ihr Kind kaum Rechtschreibregeln beherrschte. Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule kam das böse Erwachen. Im Nachhinein hätten Mutter und Sohn sich eine deutlichere Rückmeldung als „Jannes macht Fortschritte im Schreiben“ sehr gewünscht. Noten helfen Kindern einzuschätzen, wo sie stehen und wo sie Schwächen haben. Nur so können Defizite in Angriff genommen werden. Wenn die Eltern am Ende der Grundschulzeit das Zeugnis ihres Kindes lesen, sollten sie anhand der Noten eine Orientierung erhalten, welche weiterführenden Schulen in Frage kommen. Und spätestens in der Oberstufe oder Ausbildung wird benotet – ein früher Umgang mit Noten hilft Kindern, damit zurecht zu kommen.

 

Vergleichbare Rückmeldung

Noten sind eine sehr kompakte – und damit gut vergleichbare – Form der Rückmeldung. Die Kunst beim Notengeben besteht darin, die Note zu begründen und gegebenenfalls Vorschläge zu machen, wie es besser laufen kann. Kürzlich habe ich einem sehr guten Schüler in Mathe eine „2“ statt der sonst für ihn üblichen „1“ gegeben mit der Begründung, er sei zwar ein sehr guter Rechner, lenke aber häufig andere ab. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er sich einfach langweilte. Nun bearbeitet er nach dem Pflichtteil Aufgaben einer höheren Klassenstufe, ist wieder gefordert und lenkt niemanden mehr ab. Die Note und das Gespräch haben mir und dem Schüler geholfen, seine Bedürfnisse besser zu erkennen.

Schlechte Noten können – trotz ausführlicher Erklärung – die Motivation bremsen, gute Noten spornen an. Nur: Wie kann man möglichst viele motivierende Noten vergeben? Vor einigen Jahren habe ich einen tollen Ratschlag erhalten: „Erwisch sie, wenn sie gut sind.“ Seitdem können meine Schüler neben den Pflichtaufgaben zusätzlich Aufgaben abgeben – etwa eine freiwillige Hausaufgabe – und so eine positive Note bekommen. Nicht selten sagen die Schüler nach der Bearbeitung: „Jetzt hab ich es wirklich verstanden.“ Ziel erreicht!

Ach ja: Drei Kugeln Eis gebühren auch denen, die eine Arbeit „verhauen“ haben. Als Trost und als Zeichen, dass die Note nichts mit der Wertschätzung für das Kind zu tun hat – weder auf Lehrer-, noch auf Elternseite!

Martina Hagemann, freie Autorin und Gymnasiallehrerin

  • Kontra: Veraltete Vorstellung von Schule

„Ziffernnoten geben weder eindeutig noch objektiv den Kompetenzstand der Lernenden wider“, sagt Ilka Hoffmann, im Vorstand der GEW für den Bereich Schule verantwortlich. Noten seien in Zeiten der Inklusion überholt und sollten durch lernfördernde Leistungsrückmeldungen ersetzt werden.

Obwohl Ziffernnoten sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus pädagogischer Sicht seit vielen Jahrzehnten in der Kritik stehen, wird unvermindert an ihnen festgehalten. Die meisten Eltern sprechen sich für Ziffernnoten aus, weil sie es so kennen und wenig Vorstellung von den Alternativen haben. Dabei wird meist behauptet, Zensuren seien eindeutig, objektiv und wirkten leistungssteigernd. Dem muss entschieden widersprochen werden. Ziffernnoten geben weder eindeutig noch objektiv den Kompetenzstand der Lernenden wider. Sie zeigen nur den Rang innerhalb einer spezifischen Lerngruppe.

So kann ein und dieselbe Leistung in einer schwächeren Lerngruppe mit „2“ und in einer sehr starken mit „5“ bewertet werden. Häufig bekommen Kinder aus sozial benachteiligten Familien oder mit nicht deutscher Muttersprache schlechte Noten. Allzu oft beschämen und demotivieren Zensuren Kinder schon in der Grundschule. Schlechtere Zensuren führen auch zu Stress und Streit in den Familien. Gelernt wird oft nur aus Angst vor schlechten Noten. Der Lerninhalt verliert nach der Klassenarbeit rasch an Bedeutung und wird vergessen.

Ziffernnoten sind auch nicht objektiv. Zahlreiche Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass subjektive Faktoren die Noten beeinflussen. So ergaben Studien zur Aufsatzbewertung eine Streuung über vier Notenstufen für den selben Schüleraufsatz. Bei mündlichen Bewertungen spielt auch das Auftreten der Lernenden eine Rolle. Kinder aus akademischen Haushalten wirken oft selbstsicherer, was zu einer besseren Bewertung führt.

 

Kompetenzorientiert

Als Argument für Zensuren wird häufig angeführt, dass Verbalbeurteilungen den Leistungsstand eher verschleiern, außerdem schwer verständlich und arbeitsaufwändig seien. In der Tat sind kompetente und lernfördernde Leistungsrückmeldungen nicht einfach. Zeitgemäß sind kompetenzorientierte Rückmeldungen, die wiedergeben, welche Fähigkeiten die Schülerin, der Schüler bereits erworben hat und was als nächstes zu lernen ist. Hier sollten gute, praktikable Modelle verbreitet werden und Lehrkräfte entsprechende Unterstützung sowie Fortbildungen erhalten.

Nicht zuletzt: Ziffernnoten sind in Zeiten der Inklusion nicht mehr sinnvoll, denn sie gehen von weitgehend homogenen Lerngruppen aus. Sie sind fester Bestandteil eines gegliederten Schulwesens, dessen Hauptziel in der Platzierung der Schülerinnen und Schüler und der Zuweisung von Bildungs- und Arbeitsplatzchancen gesehen wird. Über die individuellen Lernfortschritte und Anstrengungen geben sie kaum Auskunft. Genau dies ist aber in heterogenen, inklusiven Lerngruppen notwendig. In der inklusiven Schule lernen Kinder am gleichen Unterrichtsgegenstand mit verschiedenen Materialien und auf verschiedenen Niveaus. Der Zwang, dennoch vergleichende Zensuren zu geben, ist für Lehrkräfte eine sehr große Herausforderung und führt regelmäßig zu Konflikten.

Leistung heißt im inklusiven Setting individuelle Anstrengungsbereitschaft, individuelle Lernfortschritte und die Fähigkeit, mit anderen zu kooperieren. Letzteres ist auch eine wichtige Kompetenz für das Berufsleben. Fazit: Ziffernnoten sind in Zeiten der Inklusion nicht mehr zeitgemäß. Sie gehen von einer veralteten Vorstellung von Schule aus und steigern weder die Lernmotivation noch geben sie eine objektive Kompetenzrückmeldung. Anstatt die Teamfähigkeit zu fördern, tragen sie zum Konkurrenzdenken und zur Beschämung einzelner Lernender bei.

Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule

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