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„Die Kinder aus dem Schatten holen“

Rund drei Millionen Kinder in Deutschland haben mindestens einen suchtkranken Elternteil. Für Eltern gibt es zwar viele Hilfsangebote, doch die Kinder müssen mit ihren Problemen meist alleine fertig werden. Lehrkräfte können helfen.

06.06.2018 - Kathrin Hedtke, freie Journalistin

Tagsüber ist sie eine gute Mutter. Bis sie abends zur Flasche greift. „Und dann erkenne ich sie nicht mehr wieder. Das tut so weh“, schreibt Alina auf die Pinnwand des Onlineportals kidkit.de für Kinder suchtkranker Eltern. „Dann sagt sie mir, was für eine schlechte Tochter ich bin“, so die Schülerin weiter, „und dass sie sich wünscht, dass ich nicht da wäre.“ Ein anderes Mädchen schildert, dass seine Mutter immer ausraste und rumschreie wie eine Furie. Der Vater habe sie schon mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen. Die Zwölfjährige beißt sich selbst in den Arm, „um das alles auszuhalten“. Keine Einzelfälle. „Kind suchtkranker Eltern zu sein“, sagt die Drogenbeauftrage der Bundesregierung, Marlene Mortler, „das ist kein Einzel-, es ist ein – oft nicht erkanntes – Alltagsschicksal.“ Rund drei Millionen Kinder in Deutschland haben mindestens einen suchtkranken Elternteil. Das ist jedes fünfte bis sechste Kind.

Viele wissen nicht, was sie nach der Schule zu Hause erwartet: Ist Mama noch nüchtern? Hat Papa schon getrunken und pöbelt rum? Gibt es etwas zu essen? Die meisten Kinder vermeiden, Freunde mit nach Hause zu bringen. Niemand soll mitbekommen, was in der Familie los ist. „Das Problem wird stark tabuisiert“, sagt der Geschäftsführer der Drogenhilfe Köln und des Onlineberatungsportals kidkit.de, Thomas Hambüchen. Hinzu kommt: Für Eltern gibt es zwar viele Hilfsangebote, doch die Kinder müssen mit ihren Problemen meist alleine fertig werden. „Die Kinder in diesen Familien wurden irgendwie vergessen“, sagt der Fachmann. „Sie sind quasi ein Kollateralschaden der Sucht.“ Dabei sei seit Jahrzehnten bekannt, wie dramatisch die Folgen für die betroffenen Mädchen und Jungen sein können: Ein Drittel entwickelt offiziellen Angaben zufolge später selbst eine Suchterkrankung, ein Drittel eine andere psychische Störung.

„Die Kinder müssen gesehen werden.“ (Marlene Mortler)

Die stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz e. V. (BAJ), Gabriele Sauermann, berichtet, dass die Kinder unter der geringen emotionalen Unterstützung im Elternhaus litten. Oft fühlten sie sich verantwortlich für das Unglück ihrer Eltern – und erledigten deren Aufgaben, zum Beispiel im Haushalt oder bei der Erziehung der Geschwister. „Kinder aus suchtbelasteten Familien haben auch häufiger Schulschwierigkeiten, schwänzen öfter die Schule oder brechen sie ab.“ Die Versorgungslücken seien lange bekannt, kritisiert die Kinderschutzexpertin. Bislang habe der politische Wille gefehlt, daran etwas zu ändern. Doch nun tut sich was.

Der Bundestag hat fraktionsübergreifend eine Arbeitsgruppe eingerichtet: In knapp einem Jahr wollen die Experten konkrete Vorschläge vorlegen, wie die Situation der Kinder verbessert werden kann. „Langsam kommt etwas in Bewegung“, sagt Mortler. Sie hat ihre Jahrestagung vergangenen Sommer unter das Motto gestellt: „Die Kinder aus dem Schatten holen.“ Das Thema bekomme jetzt mehr Aufmerksamkeit. „Und genau darum geht es“, betont die Drogenbeauftragte. „Die Kinder müssen gesehen werden.“ Jeder sollte sich fragen, ob das eigene Nachbarskind oder der Klassenkamerad betroffen sein könnte. Es gehe um einen Paradigmenwechsel: nicht mehr nur die Süchtigen selbst, sondern auch das Umfeld in den Blick nehmen.

Die Drogenhilfe Köln wurde als Projektträger von kidkit.de damit beauftragt, eine nationale Datenbank aller Einrichtungen mit Fachkräften auf diesem Gebiet aufzubauen. Damit jeder schnell Hilfe findet. Egal, ob Kinder selbst auf der Suche nach Ansprechpartnern vor Ort sind, Angehörige, Lehrkräfte oder ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Auf der Homepage sind 630 Anlaufstellen gelistet. „Unser Ziel ist auch aufzuzeigen, in welchen Gebieten nur wenige Angebote vorhanden sind und ein Ausbau sinnvoll wäre“, sagt Hambüchen.

„Lehrkräfte sind der erste Schritt im Hilfesystem.“ (Thomas Hambüchen)

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat zudem ein Plakat an 18.000 Grundschulen verschickt, „sozusagen als Soforthilfe“. Darauf finden sich Hinweise, wie Lehrkräfte versteckte Hilferufe erkennen können. Eine Umfrage unter Erzieherinnen und Lehrkräften hat ihren Angaben zufolge ergeben, dass etwa die Hälfte von ihnen jedes Jahr vor der Frage stehe: Handelt es sich um ein Kind suchtkranker Eltern? Und: Was mache ich jetzt?

Für Hambüchen kommt Lehrkräften eine „ganz wichtige und verantwortungsbewusste Rolle“ zu. „Sie sind Bezugspersonen“, betont er. Gerade für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren. In diesem Alter merkten die Mädchen und Jungen allmählich, dass in ihrer Familie etwas nicht stimmt. Lehrkräfte seien wichtige Ansprechpartner, auch für die Eltern. „Sie sind der erste Schritt im Hilfesystem.“ Ihre Aufgabe sei es, zuzuhören. Zur Beratung sollten sie an Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologen verweisen. „Lehrkräfte können einen weichen Übergang schaffen“, sagt Hambüchen. Sprich: die Schülerinnen und Schüler nicht von A nach B schicken, sondern sie begleiten. „Damit kein Kind verloren geht.“

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