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Doppelter Rückblick auf 30 Jahre EinheitDie Grenzen verwischen

30 Jahre liegt die deutsche Einheit zurück. Wie haben Ältere in Ost und West den Umbruch erlebt? Wie prägten die unterschiedlichen Erfahrungen ihren Lebenslauf? Zwei Frauen antworten - eine aus dem Osten, eine aus dem Westen.

07.10.2020 - Aufgezeichnet von Anja Dilk, freie Journalistin

  • Rückblick OST: „Wir haben halt gelebt“ (Barbara Erdmann, Jahrgang 1962, Sozialpädagogin, Eisenach und Berlin)

„Der Mauerfall hat mich damals total überrascht. Natürlich hatte ich die Proteste beobachtet, seit 1988 waren immer wieder Kollegen abgehauen. Aber im Freundeskreis gab es keine Widerstandskämpfer, eine eigene Meinung hatte ich noch nicht gebildet. Und welche Alternative sollte es zur DDR auch geben? Von meiner Wohnung 1989 konnte ich auf den Grenzübergang Bornholmer Straße schauen. Als ich am 9. November nachts mit der Straßenbahn nach Hause kam, war da der Teufel los. Zwei Nachbarinnen brachten spontan ihre Kinder vorbei und sind rüber. Für mich war alles angstbesetzt. Ich hatte zwei kleine Kinder, schreckliche Angst, nie wieder Arbeit zu finden und unter der Brücke zu landen. Erst zwei Monate später bin ich selbst mal in den Westen.

Später hat mich vieles angewidert: der Konsumrausch der Ossis, die Fixierung auf D-Mark und Bananen. Mensch, wir hatten doch auch ein Leben, auf das wir stolz sein konnten. Etwa zwei Jahre nach der Wende war mein Freundeskreis gepalten. Einige hatten es geschafft, andere waren in Niedriglohnjobs gelandet. Nach meinem Chemiestudium hatte mich der Staat ins Werk für TV-Elektronik nach Berlin geschickt, 1990 wurde ich entlassen. Auf dem West-Arbeitsmarkt war ich chancenlos. Schließlich landete ich in der Sozialarbeit. Nach meinen Zweitstudium in Sozialer Arbeit habe ich in der Familienhilfe Fuß gefasst, erst auf Honorarbasis, später fest. Viele Freunde machten mittlerweile etwas Soziales, das hat mich gereizt. Aber es war ein holpriger Weg.

Und doch kommt immer ein bisschen Wehmut, wenn ich an die Wiedervereinigung denke: Hätten wir es nicht besser machen können?

Dennoch: In der DDR wäre ich in einem öden Job vergammelt, jetzt habe ich ein bunteres, abwechslungsreicheres Leben. Meine Rentenversorgung wird okay sein, weil ich bis auf wenige Lücken immer erwerbstätig war. Ich habe es geschafft, in diesem System zurechtzukommen. Und doch kommt immer ein bisschen Wehmut, wenn ich an die Wiedervereinigung denke: Hätten wir es nicht besser machen können? Der Systembruch war brutal, es hat mich empört, dass alles derart platt gemacht wurde. Gegen Mietwucher und Häuserverkauf habe ich mich nach der Wende in einer Bürgerinitiative engagiert, ohne großen Erfolg. Und warum ist nichts von dem guten Bildungssystem der DDR erhalten geblieben?

Ich habe auch viel dazugelernt, zum Beispiel in den Geisteswissenschaften. Was wussten wir im Osten schon von Adorno und Co.? Oder Eigeninitiative zu entwickeln, mich selbst zu kümmern und schneller zu sagen, wenn mir etwas nicht passt. Wessis beschweren sich eher und laufen zum Anwalt. Ossis müssen nicht immer alles durchkämpfen, sondern warten ab: Gucken wir mal. Heute ist das Miteinander gut, zumindest in Berlin. Die Menschen sind offen, die Grenzen verwischen. Und doch muss ich immer wieder grinsen, wenn mein Mann mir so komische Wessi-Fragen stellt wie: ‚Hast du gelitten in der DDR?‘ ‚Nee‘, sage ich dann, ‚wir haben halt gelebt.‘“

30 Jahre sind eine lange Zeit. Da lohnt es sich, zurückzuschauen und die Sichtachsen zu überprüfen: Welche Wege sind wir gegangen? Was hat diese Zeit mit uns gemacht? Was haben wir gemeinsam erarbeitet, so selbstverständlich es uns heute auch erscheint? Was weist uns den Weg in die Zukunft? Sicher ist: Die GEW hat durch die Kolleginnen und Kollegen aus dem Osten einen gewaltigen Schub bekommen, gerade in der Seniorinnen- und Seniorenarbeit.

Statt förmlich gekleideter Männer gab es in den 1990er-Jahren plötzlich viel mehr Frauen mit bunter Kleidung, voller neuer Gedanken und anderer Themen – Rente zum Beispiel. Ich erinnere mich an das betretene Schweigen auf einer Veranstaltung, als eine Lehrerin aus dem Osten sagte: „Ich bekomme 900 Euro Rente, das ist sicher weniger als die im Westen üblichen Pensionen.“ Der Kampf um die Angleichung der Ostrenten wurde gewerkschaftliche Aufgabe, der Blick aller erweiterte sich.

Bei den Ost-West-Dialogen der GEW haben wir gelernt, genauer hinzuschauen, Unkenntnis, aber auch Vorurteile wahrzunehmen und abzubauen. Wir haben die pädagogische Praxis verglichen und Lebenserfahrungen ausgetauscht. Ja, es gab Ost-West-Unterschiede, manche gibt es vielleicht noch heute.

Aber wir haben gelernt, gemeinsam daran zu arbeiten, konstruktiv um Positionen zu ringen und etwas auf die Beine zu stellen. Dass sich die Seniorenarbeit in allen Landesverbänden der GEW etabliert hat und heute aus einem selbstbewussten Mix von Sozialpolitik, aktiver Beteiligung in der GEW, im DGB, in Seniorinnenverbänden und Gemeinschaft besteht, haben wir zusammen erreicht – die Mitglieder aus Ost und West.

Frauke Gützkow, GEW-Vorstandsmitglied Frauenpolitik, verantwortlich für Seniorinnen- und Seniorenpolitik

  • Rückblick WEST: „Der Westen dominierte erschreckend“ (Christin Grohn-Menard, Jahrgang 1944, ehemalige Geschichtslehrerin, Berlin)

„Meine Schule lag direkt an der Grenze zwischen Reinickendorf und Pankow, in den Wochen nach dem Mauerfall bekamen wir viele Anmeldungen von Schülerinnen – es waren vor allem Mädchen – aus dem Osten. Sie waren unglaublich gut, aber den Klassenkameraden im Westen zu leistungsorientiert.

Ich bin Westdeutsche, aufgewachsen vor allem in Niedersachsen und Hessen. Als ich später in Westberlin Geschichte auf Lehramt studierte, gehörte die Teilung zum Alltag. Am Grenzübergang Schlange stehen, Zwangsumtausch, Straßen, die im Nichts enden. 1970 wurde ich an einer der ersten Berliner Gesamtschulen eingestellt. Gesamtschule ist ein Herzensthema für mich. Als Tochter aus dem gehobenen Bürgertum habe ich früh gemerkt, wie sehr Bildungschancen mit Herkunft verknüpft sind. Das wollte ich ändern. Wir gehörten auch zu den Ersten, die mit Mädchenarbeit experimentierten.

1990 ordnete der Senat dann Kontakte zu Ostschulen an. Wir mussten mit in den Abiturprüfungen sitzen und gucken, ob im Osten alles richtig läuft. Mir war das furchtbar unangenehm. Die Kolleginnen und Kollegen im Osten waren sichtbar gestresst und fühlten sich gegängelt. Überhaupt dominierte der Westen erschreckend, es war schwierig, persönlich in Kontakt zu kommen. Erschreckt hat mich auch, dass sich die Ostfrauen nach der Wende völlig überrollen ließen. Die meisten überließen ihren männlichen Kollegen tatenlos das Feld.

Wie konfliktreich das Verhältnis zwischen Ost- und West-Lehrkräften in den 1990ern war, ist mir bei den ersten GEW-Treffen klargeworden.

Sie bewarben sich fast nie auf all die Stellen, die damals im Schuldienst frei wurden, weil politisch belastete Lehrkräfte gehen mussten. ‚Wir lassen das mal auf uns zukommen, ergibt sich schon‘, sagten viele Ostkolleginnen stattdessen. Für uns, feministisch geprägt, war das unfassbar blauäugig. Ein Jahr nach der Wiedervereinigung wurden die ersten Lehrkräfte aus dem Osten an unsere Schule versetzt. Manche Fachbereiche organisierten Austauschrunden zu pädagogischen Erfahrungen, im Unterricht aber veränderte sich nichts.

Wie konfliktreich das Verhältnis zwischen Ost- und West-Lehrkräften in den 1990ern war, ist mir bei den ersten GEW-Treffen klargeworden. Die Ostfrauen beschwerten sich massiv, dass sie zu Unrecht permanent kritisiert würden, der Unterricht im Osten sei autoritär und so weiter. Wir Wessis haben die Empfindlichkeit der Kolleginnen aus dem Osten einfach zu wenig gesehen, das wiederum war westliche Blauäugigkeit. Sie hing auch mit der unterschiedlichen Sozialisation zusammen. Die Westfrauen wollten klare Kritik, wollten Tacheles reden. Frauen aus dem Osten nahmen das persönlich, fanden es schroff, beleidigend. Zweite Konfliktlinie: Das unterschiedliche Verhältnis zu Autoritäten – in der Gewerkschaft zum Beispiel haben wir die Ostkolleginnen als obrigkeitshörig empfunden. Manchmal drohte die Zusammenarbeit daran zu zerbrechen.

Trotzdem haben wir voneinander gelernt. Mit der Zeit dämmerte uns, wo die Ostkolleginnen und -kollegen etwas voraus haben: Es gab gute Elternarbeit im Osten und viel mehr Erfahrungen mit einem Modell ähnlich der Gesamtschule. Heute nehme ich die Unterschiede nicht mehr so wahr. Schlimm finde ich, dass viele Schülereltern aus dem Osten Jahre später nicht auf die Wendezeit angesprochen werden wollten. Man muss doch über so wichtige Phasen reden, um gemeinsam Zukunft gestalten zu können. Erinnerungsarbeit halte ich für unverzichtbar. In Ost und West.“

  • Dialog: Frau Frey, inwieweit unterscheiden sich die Lebensläufe von Frauen aus Ost und West, die heute kurz vor oder im Ruhestand sind?

Regina Frey: Ihr Leben wurde von vollkommen unterschiedlichen Leitbildern geprägt. Nach dem Staatsverständnis der DDR sollten Frauen und Männer gleichermaßen in der Produktion tätig sein, Erwerbstätigkeit war für Frauen eine Selbstverständlichkeit. Im Westen dagegen war in dieser Generation die Frau erstmal Mutter und Hausfrau, der Mann Alleinernährer der Familie. „Meine Frau muss nicht arbeiten gehen“, gehörte zum Leitbild im bürgerlichen Milieu. Die Realitäten allerdings sahen in beiden Teilen des Landes oft anders aus.

  • Dialog: Inwiefern?

Frey: Auch im Westen waren Frauen immer erwerbstätig, ärmere Schichten brauchten schlicht zwei Einkommen. Vollzeit war die Ausnahme, kleine „Zuverdienst-Jobs“ waren die Regel. Umgekehrt gab es in der DDR durchaus Frauen, die gerade in der Kinderphase weniger gearbeitet haben. Ohnehin war Care-Arbeit – Kinder, Pflege, Haushalt, Ehrenamt – Frauensache, die sogenannte zweite Schicht. Von Gleichheit in der Arbeitswelt konnte also auch in der DDR keine Rede sein.

  • Dialog: Welche Konsequenzen haben diese unterschiedlichen Arbeitsbiografien für das Leben im Alter von Frauen dieser Generationen?

Frey: Weil sie mehr und länger gearbeitet haben, können Frauen im Osten noch eher von ihrer eigenen Rente leben, Westfrauen hingegen sind gerade im Alter von den Einkünften ihres Partners abhängig. Der Gender Pension Gap ist in Westdeutschland viel größer als in Ostdeutschland: Er liegt hier bei 58 Prozent, im Osten nur bei 28 Prozent, Frauen der Generation 65+ im Westen bekommen durchschnittlich 773 Euro Rente im Monat (Männer 1.825), Frauen im Osten 967 Euro (Männer 1.341). Allerdings profitieren Frauen in den westdeutschen Bundesländern natürlich von den vergleichsweise hohen Alterseinkünften ihrer Partner.

  • Dialog: Inwieweit haben sich Vorstellungen von Arbeit und Familie in Ost und West seit der Wiedervereinigung angeglichen?

Frey: Erstaunlich wenig – obwohl westdeutsche Instrumente wie das Ehegattensplitting das westliche Leitbild in Gesetze gegossen haben und heute Frauen deutschlandweit Anreize geben, weniger zu arbeiten. Frauen im Osten allerdings wurden nach 1990 aus den technischen und naturwissenschaftlichen Berufen herausgedrängt. Und leider wurden Anreize aus der DDR, die egalitäre Lebensmodelle belohnen, nicht übernommen. Ein besserer Mutterschutz, längere Väterzeiten für Kinder oder die gute Betreuungsinfrastruktur etwa. Allerdings werden sich wohl langfristig Ost und West zunehmend angleichen: in Richtung egalitärer Aufteilung. Die kritischen Diskussionen derzeit über die Abschaffung des Ehegattensplittings weisen in diese Richtung.

Interview: Anja Dilk, freie Journalistin