GEW - Die Bildungsgewerkschaft
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Die Bildungsgewerkschaft in der NS-ZeitDie Gefahr unterschätzt

Der Historiker Marcel Bois hat die Geschichte des GEW-Vorläufers „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens (GdF)“ in Hamburg erforscht.

08.03.2021 - Interview: Esther Geißlinger, freie Journalistin

  • E&W: Herr Bois, Sie haben eine Studie über die GdF, die Vorläuferorganisation der GEW Hamburg vor und in der NS-Zeit, geschrieben. Dazu liegen schon einige Veröffentlichungen vor, strittig ist vor allem die Rolle Max Traegers, der in den 1920er-Jahren im Vorstand der GdF saß und nach dem Krieg erster Vorsitzender der GEW wurde. Kann Ihre Studie einen Schlussstrich unter die -Debatte ziehen?

Marcel Bois: Nein, ich ziehe keinen Schlussstrich. Erstens, weil Traeger bewusst nicht im Zentrum meiner Studie steht, zum anderen, weil seine Rolle schwierig zu erforschen ist. In seinem Nachlass gibt es aus der Zeit nach 1933 kaum Dokumente – warum, kann man nicht sagen, das wäre Spekulation. Aber ohne Material weiß man einfach zu wenig darüber, was er getan oder gedacht hat. Generell halte ich aber die Rolle Traegers für überbewertet. Es spielt stark herein, dass er später den Vorsitz der GEW übernahm, aber Anfang der 1930er-Jahre hatte er längst nicht so eine herausgehobene Position. Bei der Gleichschaltung der GdF im April 1933 saß er nicht einmal im Vorstand.

  • E&W: In Hamburg waren die Sozialdemokraten und Liberalen stark, die Stadt galt als reformpädagogische Hochburg, in der GdF waren auch Linkssozialisten und Kommunisten aktiv – nahmen sie die Nazis nicht ernst genug?

Bois: Viele Akteure der Zeit, von bürgerlichen Kräften bis hin zu den Kommunisten, unterschätzten die Gefahr. Da steht die GdF nicht allein da. In Hamburg kam die Stärke der GdF hinzu. Der Nationalsozialistische Lehrerbund spielte vor 1933 keine Rolle in der Stadt, auch andere Vereine waren schwach. Die GdF dagegen hatte Mitglieder in führenden Positionen der Schulverwaltung, man sah sich als den erfahrenen Verband, dessen Platz gesichert war. Diese Haltung ist aus damaligen Texten herauszulesen, in denen man sich über die Nazis lustig machte. Einige Funktionäre sahen eher eine Gefahr von links.

  • E&W: Sie beschreiben in Ihrer Studie Konflikte innerhalb der GdF: So nannte die Hamburger Lehrerzeitung ein Schrei-ben der kommunistischen Gruppen eine „Dolchstoßanweisung“. Es herrschte also keine Einigkeit?

Bois: Genau, die GdF war ein überparteilicher Verein, in dem die große Mehrheit der Volksschullehrer organisiert war, und entsprechend haben sich alle damaligen Strömungen abgebildet. Die Völkischen stellten eine Minderheit dar, es dominierten Linke und Liberale, im Vorstand gab es viele SPD-Mitglieder, aber das rechte Spektrum existierte.

  • E&W: Und wieso wählten Lehrkräfte, gerade die jungen, dann auf einmal die Nazis?

Bois: Bei den Lehrkräften spiegelt sich, was insgesamt passierte: Die Wirtschaftskrise führte zu Massenelend und Massenarbeitslosigkeit. Die Jungen wurden nicht eingestellt, verheiratete Frauen entlassen. Die NSDAP lag bei den Reichstagswahlen im März 1928 bei 2,6 Prozent und wurde während der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er-Jahre stärkste Partei. In Hamburg war der Einfluss der NSDAP aber geringer als im Reichsschnitt. Das hat sicher auch mit der Rolle der GdF zu tun, weil sie junge Lehrkräfte unterstützt und sehr klare Position gegen die Nazis vertreten hat.

  • E&W: Nach der Machtübernahme der NSDAP wurde die GdF gleichgeschaltet. Hätte es andere Optionen gegeben?

Bois: Aus heutiger Perspektive ist leicht zu sagen, sie hätten etwas anders machen sollen, aber es gab Gruppen, die andere Wege wählten. Die Freie Lehrergewerkschaft hat sich im April 1933 aufgelöst, ebenso Lehrervereine in Sachsen und Bremen und der Lehrerinnenverein, der sein Vermögen in eine Stiftung transferierte. Die GdF hat sich länger als andere Organisationen der Gleichschaltung widersetzt, hat auch versucht, über den Deutschen Lehrerverein Widerstand zu organisieren. Erst als die Verbündeten weg waren, die NSDAP in Hamburg die Macht übernommen hatte und es Gewalt auf der Straße gab – erst dann sind sie umgekippt.

  • E&W: Der GdF-Vorstand versuchte einen Kurs „zwischen Anpassung und Opposition“ zu halten, man wollte das gewerkschaftseigene Curiohaus und vor allem die Sozialkasse des Vereins für die Mitglieder erhalten. Ging der Plan auf?

Bois: Da bin ich zu einem überraschenden Ergebnis gekommen: Zwar ging der Plan nicht auf, im Verein ein zweites Machtzentrum zu bilden, stattdessen blieb von der GdF nur noch eine Hülle. Aber es gelang dem Vorstand, den Nazis ein Zugeständnis abzuringen: Während in anderen Vereinen eine „Reinigung“ stattfand, bei der jüdische oder politisch nicht genehme Mitglieder ausgeschlossen wurden, durften diese in der GdF bleiben, sogar nach ihrem Ausscheiden aus dem Dienst. Es geht um circa 250 Menschen, also eine relevante Gruppe. Natürlich blieb das kein langfristiger Erfolg, aber bedeutete einen Zeitgewinn.

  • E&W: In früheren Studien ist die Rede von einem „Untergrund-Vorstand“, also geheimen Treffen der ehemaligen GdF-Vorstände. Haben Sie dazu etwas Neues gefunden?

Bois: Widerstand zu erforschen, ist sehr schwierig, gerade bei Gruppen, die nicht erwischt wurden, weil die einzige Quelle die Erzählungen der Beteiligten sind. Die Forschung ist auch uneinig, welche Taten oder Strukturen als Widerstand zu werten sind. In diesem Fall liegen private Briefe vor, die darauf hindeuten, dass es diese Gruppe der Ex-Vorstandsmitglieder gab. Allerdings sind diese Quellen nach 1945 entstanden, als es von Vorteil sein konnte, sich als Widerständler auszugeben. Die Wege der Akteure sind unterschiedlich: Einer hat ein Marine-Lehrbuch geschrieben, ein anderer war im aktiven Widerstand. Aber belegt sind Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen, daher ist zumindest eine widerständige Haltung anzunehmen.

  • E&W: In Hamburg wird um eine Inschrift am Curiohaus gestritten, die einige Kritiker für geschichtlich ungenau und verharmlosend halten. Wie sehen Sie das?

Bois: Meine Studie soll dem Hamburger GEW-Vorstand helfen, eine Entscheidung zu treffen. Die Gleichschaltung war weder gewaltsam, noch fand sie freiwillig statt, weil es den Druck gab. Dies gilt es, politisch zu bewerten.

  • E&W: Sollten andere Landesverbände folgen und ebenfalls ihre Geschichte aufarbeiten?

Bois: Ich glaube, die Zeit ist ideal dafür.

Marcel Bois: Volksschullehrer zwischen Anpassung und Opposition. Die „Gleichschaltung“ der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens in Hamburg (1933–1937). Beltz Juventa, 2020.