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Schöne neue SchulweltDie digitale Spaltung

Während in der Politik über Flugautos debattiert wird, haben viele Schulen nicht mal WLAN. Auf dem Weg zur digitalen Schule gibt es viele Stolpersteine – von der Technik über pädagogische Konzepte und Fortbildungen bis zur Finanzierung.

04.10.2018 - Nadine Emmerich, freie Journalistin

Im finnischen Tampere unterrichtet ein humanoider Roboter namens Elias Grundschulkinder, in Estland sind seit 1999 alle Schulen ans Internet angeschlossen. Davon kann Deutschland, das schon am Breitbandausbau scheitert, nur träumen – auch wenn an einigen Schulen bereits mit digitalen Medien und Methoden experimentiert wird. Zum Beispiel am Friedrich-Gymnasium (FG) Freiburg: Mathe- und Physiklehrer Patrick Bronner will dort mit seiner 7. Klasse den Erdumfang bestimmen. Das Hintergrundwissen bringen alle mit, Hausaufgabe war die Vorbereitung anhand eines Erklärvideos Bronners. „Die Unterrichtszeit nutze ich dann für Übungsaufgaben“, sagt er.

Um den Erdradius digital zu ermitteln, zeigt Bronner drei Wege auf: die Berechnung mit dem Smartphone auf dem Schulhof über GPS, die Nutzung von Google Maps und eine klassische Internetrecherche. Zuhause müssen die Schülerinnen und Schüler mit ihren Ergebnissen Poster erstellen und in der nächsten Stunde präsentieren. Bronners Unterricht ist immer eine Kombination aus analog und digital. Zwar haben alle Tablets, doch geschrieben wird in Hefte.

Zur Übung konkreter Inhalte nutzt Bronner das Mathe-Lernportal Bettermarks. Damit kann er der ganzen Klasse sowie einzelnen Schülerinnen und Schülern Aufgaben zuweisen. Zu Beginn der Stunde überprüft er, wo jeder steht und differenziert dann individuell. Neulich fiel der Unterricht aus, da verfolgte er aus dem Zug heraus, wie seine Schülerinnen und Schüler die Aufgaben in der Vertretungsstunde bearbeiteten. Nummer drei lösten nur 60 Prozent richtig, „die musste also nochmal besprochen werden“. Ob seine Klassen nun mehr oder besser lernen, kann Bronner noch nicht sicher beurteilen – aber motivierter seien sie. 

„Wir verlangen viel von den Lehrern.“ (Patrick Bronner)

Am FG lotet aktuell jede Lehrkraft für sich aus, welche digitalen Medien sie in ihrem Fach einsetzen könnte. Der Musiklehrer etwa nutzt die App „Garage Band“ und lässt die Klasse eigene Stücke komponieren. „Wir verlangen viel von den Lehrern“, räumt Bronner ein. Das Problem: „Es gibt bundesweit nur sehr wenige spezielle Fachfortbildungen mit guten Praxisbeispielen.“ Passende Angebote für seinen Unterricht entdeckte er bisher weder bei Verlagen oder IT-Konzernen noch unter frei verfügbaren Bildungsmaterialien im Netz, als sogenannte Open Educational Resources (OER).

Das FG wurde seit 2015 mit einem fünfstufigen Medienkonzept zur digitalen Schule weiterentwickelt. Erst zeigten Schülerinnen und Schüler, was mit Smartphones im Unterricht möglich ist, dann wurde nach dem Bring-your-own-device-Prinzip (BYOD) der Einsatz eigener Mobiltelefone und Tablets getestet. Im dritten Schritt bekamen die Klassenzimmer unter anderem Beamer, WLAN-Access-Point, Apple-TV sowie ein Tafel-Anschlussfeld mit HDMI-, LAN- und Audioanschluss. Danach erhielten die Lehrkräfte und zuletzt Schülerinnen und Schüler Tablets. Die Klassen 7 und 8 sind Tablet-Klassen, ab der neunten werden auch eigene Smartphones genutzt. Ein Klassensatz Tablets kostet 15.000 Euro, hinzu kommen 500 Euro für das Lehrergerät und etwa 1.500 Euro für die Raumausstattung. 

Die Stadt Freiburg bezahlte als Schulträger Lehrer-Tablets und Infrastruktur. Als Modellschule bekam das FG 54.000 Euro vom Kultusministerium. Davon wurden zwei Tablet-Klassen eingerichtet, zwei weitere folgen 2019. Anschließend bleibt der Kauf der Geräte wohl „an den Eltern hängen, es gibt kein anderes Finanzierungsmodell“, sagt Bronner, der sich von der Politik konkrete Vorschläge wünscht. Die Bundesregierung will über den Digitalpakt fünf Milliarden Euro für Infrastruktur bereitstellen, aber nicht für Endgeräte. Laut einer Bertelsmann-Studie zur IT-Ausstattung fallen für die Ausrüstung aller Grund- und weiterführenden Schulen pro Jahr 2,8 Milliarden Euro an.

Ortswechsel: Die Friedrich-Staedtler-Grundschule in Nürnberg, dort baute Verena Knoblauch mit einer Kollegin zwei Tablet-Klassen auf. Die Geräte – inklusive Zubehör und Support – spendierte nach Absprache mit dem Schulamt eine örtliche Softwarefirma. Die Stadt richtete das WLAN ein. Im Unterricht werden die Tablets ab der 1. Klasse fächerübergreifend eingesetzt. Mit den Klassenstufen 3 und 4 arbeitet die Lehrerin und Medienpädagogin ein Referat zu Waldtieren aus. Die Kinder recherchieren mit der Suchmaschine fragfinn.de, mit der App „Book Creator“ erstellen sie multimediale Präsentationen. „Typische Lernprogramme verwende ich gar nicht“, sagt Knoblauch. „Das Tablet nur so zu nutzen wie früher ein Arbeitsblatt, macht keinen Sinn.“

Bei ihr kommen die Geräte dann zum Zuge, wenn das Kreativität, Teamarbeit oder kritisches Denken fördert. Die Kinder bearbeiten etwa Fotos, tauschen Hintergründe aus und lernen dabei auch: „Man darf nicht alles glauben, was man im Internet sieht.“ Viele Viertklässler hätten bereits ein Smartphone und nutzten soziale Medien. Da sei es wichtig, schon in der Grundschule über Gefahren aufzuklären: „Wir wollen die Kinder auf das echte Leben vorbereiten. In einer digitalen Welt kann Schule nicht analog arbeiten.“

Das Kollegium wird intern fortgebildet: Knoblauch stellt dabei eine digitale Unterrichtsidee vor – angepasst an individuelle Bedürfnisse und die Ausstattung der Schule. Sie selbst ist bei Twitter gut vernetzt, wo sich etliche Pädagoginnen und Pädagogen unter Hashtags wie #bildungspunks oder #bayernedu austauschen. Die häufige Kritik an fehlenden Konzepten teilt Knoblauch daher so nicht: „Es gibt sie nur nicht auf dem Silbertablett.“

 Alarmierende Studien

Die Beispiele aus Freiburg und Nürnberg zeigen: Wie digital Schule ist, steht und fällt nicht nur mit der IT-Infrastruktur und -ausstattung. Es hängt auch ab von der Technikaffinität der Lehrenden – und den Schulleitungen, die entsprechende Prioritäten setzen sowie Geld und Personal einplanen müssen. Ein grundlegendes Problem ist der stockende Breitbandausbau. Rund 90 Prozent der 33.000 allgemeinbildenden Schulen kommen für eine Förderung infrage. Bisher erhielten jedoch erst 5.100 Schulen einen Förderbescheid, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hervorgeht. Nur in 983 Fällen ist das Vergabeverfahren abgeschlossen. Das Prozedere ist kompliziert: Schulen und Schulträger können keine eigenen Anträge stellen, sondern müssen in bestehende, größere Projekte integriert werden.

Und so gibt es neben einzelnen geförderten Modellschulen viele abgehängte, an denen ständig das WLAN ausfällt und für 1.500 Schülerinnen und Schüler nur ein Computerraum zur Verfügung steht. Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn sowie Leiterin der ICILS-Studien 2013 und 2018, stellt in der Untersuchung „Kompetenzen in der digitalen Welt“ für die Friedrich-Ebert-Stiftung bereits eine herkunftsbezogene „digitale Spaltung“ fest. Die gilt nicht nur für einzelne Schülerinnen und Schüler, sondern für ganze Regionen: Eine reiche Kommune bedeutet technisch gut ausgestattete Schulen, eine arme das Gegenteil.

Die ICILS-Studie 2013 bilanzierte, 30 Prozent der Digital Natives hierzulande seien gerade mal in der Lage, einen Link oder eine E-Mail anzuklicken und mit Hilfe Texte zu verändern. Dem Monitor Digitale Bildung 2017 der Bertelsmann Stiftung zufolge nutzen 48 Prozent der Lehrenden kaum digitale Lernformen – 74 Prozent bemängeln unzuverlässige Technik, 62 Prozent vermissen professionellen Support. Jeder Fünfte sagt, an seiner Schule gebe es gar kein WLAN. Kein Wunder: Nur 8 Prozent der Schulleitungen messen der Digitalisierung eine hohe Bedeutung für ihre Schule bei. Dabei sollten laut der Kultusministerkonferenz-Strategie „Kompetenzen in der digitalen Welt“ alle Schülerinnen und Schüler seit dem Schuljahr 2018/19 fächerübergreifend in digitalen Lernumgebungen unterrichtet werden.

„Schulen könnten viel mehr von anderen Schulen lernen, nicht überall müsste das Rad neu erfunden werden.“ (Birgit Eickelmann)

Eickelmann sagt, zwar gebe es in fast allen Bundesländern inzwischen Konzepte. Diese würden aber nur langsam umgesetzt und seien daher oft noch nicht in den Schulen angekommen. Statt pädagogischer Fragen werde „viel zu lange und zu langatmig noch die Ausstattungsfrage diskutiert“ – und wer was bezahle. Die Finanzierung notwendiger Technik „kann doch ein Land wie unseres nicht wirklich vor ein Problem stellen“, betont die Expertin. „Ich kann nicht optimale Arbeitsergebnisse fordern und Lehrerinnen und Lehrern nicht die benötigten Geräte und Werkzeuge zur Verfügung stellen.“

Für die Ausrüstung von Schülerinnen und Schülern schlägt sie vor, das „Bring your rented device“ (BYRD)-Konzept weiterzudenken. Dabei wählt die Schule einheitliche Tablets oder Smartphones aus, die Eltern bei einem Händler mieten und am Ende der Laufzeit kaufen können. Anders als bei BYOD gibt es technischen Support, und Schullizenzen können auf die Geräte geladen werden. Die GEW lehnt BYOD ab. Mit Blick auf Sicherheit, Datenschutz, Prüfungsrichtlinien, Lernmittelfreiheit sowie soziale Unterschiede sind viele Fragen offen. Das Projekt „BYOD – Start in die nächste Generation“ der Universität Hamburg stellte zudem eine Überforderung vieler Lehrkräfte fest.

Die müssen nun lehren, was sie mehrheitlich nie selbst gelernt haben. Thomas Knaus, Leiter der Abteilung Medienpädagogik der PH Ludwigsburg und Wissenschaftlicher Direktor des Frankfurter Technologiezentrums (FTzM), fordert vor allem mehr Ausbildungsmöglichkeiten. „Derzeit haben Pädagoginnen, Pädagogen, Lehrerinnen und Lehrer lediglich an 51 von 426 Hochschulen die Gelegenheit, sich in ihrem Studium mit medienpädagogischen Inhalten zu befassen – oft auch nur als freiwilliges Wahlpflichtangebot.“ Bei Fortbildungen sei es ähnlich: „Es gibt zwar geeignete Konzepte und Angebote, aber noch nicht in der nötigen Anzahl.“ Viele Lehrerinnen und Lehrer „reproduzieren daher den Unterricht, den sie selbst erlebten“.

Eickelmann fordert einen engeren Austausch. „Schulen könnten viel mehr von anderen Schulen lernen, nicht überall müsste das Rad neu erfunden werden.“ Trotz des Bildungsföderalismus habe es keinen Sinn, „Konzepte und Materialien 16 Mal zu entwickeln“. Mit der Studie „Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien“ der Robert-Bosch-Stiftung gibt es für Lehrende zumindest einen ersten wissenschaftlichen Leitfaden, der rund 30 digitale Lernwerkzeuge bewertet. Auch die GEW wird ihre Mitglieder mit Expertisen, Fachtagungen, Diskussionen und Handreichungen unterstützen.

„Schule muss die neuen Verhältnisse einer durch Technologie gestalteten, vernetzten und datengetriebenen Welt hinterfragen.“ (Harald Gapski)

Lehrkräfte müssen derweil nicht nur die Nutzung digitaler Medien beherrschen und vermitteln, sondern auch die Medienkompetenz ihrer Schülerschaft fördern – Stichworte Fake News und Big Data. Harald Gapski, Forschungsleiter und früherer Leiter Medienbildung/Medienkompetenz am Grimme-Institut in Marl, spricht von „digitaler Aufklärung“: Wie funktioniert und verändert sich die digitale Gesellschaft, wie positioniere ich mich privat darin, wie kann ich sie mitgestalten? Und was bedeutet es, wenn meine Bewerbung zuerst von Algorithmen analysiert wird? „Schule muss die neuen Verhältnisse einer durch Technologie gestalteten, vernetzten und datengetriebenen Welt hinterfragen.“

GEW-Schulexpertin Ilka Hoffmann ergänzt, auch Themen wie Cybermobbing, Datenschutz und die Auswirkungen auf das Lernen und Arbeiten müssten bedacht werden. „Die Kolleginnen und Kollegen fühlen sich oft alleingelassen, ein medienpädagogisches Konzept zu erarbeiten und auf alle Fragen zur Digitalisierung eine Antwort zu haben.“

Niels Brüggen, Leiter der Abteilung Forschung am JFF – Institut für Medienpädagogik in München, rät Schulen, sich dazu außerschulische Partner zu suchen und etwa mit Trägern der Kinder- und Jugendhilfe zusammenzuarbeiten, die medienpädagogische Angebote hätten. Der JFF-Experte vermisst noch immer ein umfassendes Verständnis, was Digitalisierung bedeute. Meist gehe es vorrangig um Technik und „wie viele Laptopklassen eine Schule hat“. „Wir erleben aber eine umfassende Mediatisierung unserer Gesellschaft, die nicht nur das Lernen in der Schule, sondern vielfältige Facetten des Zusammenlebens betrifft.“ Brüggen plädiert auch für mehr Beteiligung von Schülerinnen und Schülern – nach dem Vorbild der Münchner Aktion „hack your school“, bei der Jugendliche mit digitalen Tools Lösungen für Probleme an Schulen entwickeln.

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