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Sprachliche Bildung und MehrsprachigkeitDeutsch bleibt dominant

In Deutschland wächst mittlerweile ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen mehrsprachig auf. Sind die Bildungseinrichtungen auf diese Herausforderung vorbereitet?

10.02.2021 - Interview: Jürgen Amendt, Redakteur der „Erziehung und Wissenschaft“

Der Forschungsschwerpunkt Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit hat Antworten auf diese und andere Fragen gesucht. E&W sprach mit Prof. Ingrid Gogolin, die die Koordinierungsstelle KoMBi des Forschungsschwerpunkts leitete.

  • E&W: Sieben Jahre lang – von 2013 bis 2020 – wurden in dem Forschungsschwerpunkt „Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit“ die verschiedenen Aspekte der Bildung im Kontext von Mehrsprachigkeit erforscht. Wie lauten die wichtigsten Ergebnisse?

Prof. Ingrid Gogolin: Ein wichtiges Ergebnis ist, dass Mehrsprachigkeit in unseren Bildungseinrichtungen zum Alltag gehört und dass selbst Kinder der dritten Einwanderergeneration, die mehrsprachig aufwachsen, die Sprache ihrer Eltern oder Großeltern noch nutzen – selbst dann, wenn sie diese Sprache nicht mehr oder kaum noch im außerfamiliären Alltag sprechen.

  • E&W: Wie sicher sind diese Kinder und Jugendlichen in der Sprache ihrer Eltern oder Großeltern?

Gogolin: Das ist ganz unterschiedlich. Viele können sich in der Herkunftssprache unterhalten, andere verstehen sie nur, wiederum andere sind im umfassenderen Sinne bilingual, können sie also sprechen, verstehen und schreiben.

  • E&W: Welchen Einfluss hat das auf die Sprachentwicklung der Kinder und Jugendlichen?

Gogolin: Ein Beispiel: Wenn Kinder gelernt haben, in verschiedenen Sprachen zu hören, dann hören sie ein anderes, vielfältigeres Spektrum an Lauten und Melodien als Mädchen und Jungen, die einsprachig aufwachsen. Das wirkt sich beispielsweise auf das Erlernen der Schriftsprache aus. Diese erfolgt ja in weiten Teilen über das Hören. Wenn mehrsprachig aufwachsende Kinder Wörter aber anders hören als das aufgrund der Referenzsprache Deutsch zu erwarten ist, dann ist dieser Lernprozess ein anderer. Der Prozess ist nicht schwieriger, aber anders.

  • E&W: Gehen Kita und Schule in Deutschland auf diese Unterschiedlichkeit entsprechend ein?

Gogolin: Im Einzelfall ja, aber insgesamt kaum. Das ist eindeutig eine Schwachstelle in unserem Bildungssystem.

  • E&W: Ist das Aufwachsen mit Mehrsprachigkeit deshalb ein Risiko für den Bildungserfolg, wie das Vergleichsstudien wie PISA nahelegen?

Gogolin: Nein, dafür fehlen auch in PISA die Belege. Dass Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien, in denen die Herkunftssprache gesprochen wird, schlechtere Bildungsleistungen erzielen, kann ganz andere Gründe haben. Die Mehrsprachigkeit ist hier unter Umständen nur ein Indikator, etwa für geringe Integration oder sozialen Ausschluss. Die Familien, die zu Hause die Sprache pflegen, die sie am besten beherrschen, helfen damit auch den Bildungskarrieren ihrer Kinder am besten. Das funktioniert auch in eher bildungsarmen Familien, wie zum Beispiel Studien aus den Niederlanden gezeigt haben.

  • E&W: Welchen Vorteil hat das Eingehen auf die Mehrsprachigkeit in den Bildungseinrichtungen für mehrsprachig aufwachsende Kinder und Jugendliche?

Gogolin: Einen sehr großen. In unserem Forschungsverbund hat beispielsweise eine Studie den Mathematik-Unterricht in der Sekundarstufe untersucht. Hier wurden mehrsprachig aufwachsende Jugendliche mit mathematischen Konzepten sowohl in Deutsch als auch in ihrer Herkunftssprache bzw. in der Herkunftssprache ihrer Eltern oder Großeltern bekanntgemacht. Es zeigte sich, dass dies positive Auswirkungen auf den mathematischen Lernerfolg hat. Eine andere Studie kam zu dem Schluss, dass sich das Erarbeiten von Lerninhalten in beiden Sprachen in naturwissenschaftlichen Fächern günstig auf die Produktion von fachsprachlichen Texten auswirkt.

  • E&W: Wurde im Rahmen des Forschungsverbunds auch untersucht, welche Auswirkungen die Mehrsprachigkeit in den Bildungseinrichtungen auf alle Kinder und Jugendlichen hat, also nicht nur auf jene, die mehrsprachig aufwachsen?

Gogolin: Ja, es wurde zum Beispiel festgestellt, dass sich Mehrsprachigkeit generell positiv auf das Klassenklima und die Lernfortschritte auswirkt. Untersucht wurde in dem betreffenden Projekt der Deutsch-Unterricht an einer Grundschule. Wichtig ist allerdings, dass die Mehrsprachigkeit nicht nur als etwas Außergewöhnliches betrachtet wird, das beispielsweise nur bei Projekttagen oder Schulfesten eine Rolle spielt, sondern Teil des alltäglichen Lernkonzeptes ist. In dem von uns untersuchten wurden beispielsweise in bestimmten Phasen des Unterrichts die Sprachen, die die Kinder von zu Hause aus mitbringen, integriert.

  • E&W: Mehrsprachig wachsen genau genommen nicht nur jene Kinder auf, die ein Elternteil haben, dessen Herkunftssprache nicht Deutsch ist. Schülerinnen und Schüler in Deutschland lernen heute mindestens eine Fremdsprache. Meist ist das Englisch, das durch die Populärkultur Eingang in die Alltagssprache vieler Jugendlicher gefunden hat. Wurde auch das im Rahmen des Forschungsschwerpunkts untersucht, und wenn ja, wie lauten die Ergebnisse?

Gogolin: Ja, auch das war Gegenstand der Forschung. Wir haben in dem Projekt eine Definition von Mehrsprachigkeit zugrunde gelegt, die über die Dichotomie Deutsch-Fremdsprache hinausgeht. Unter Mehrsprachigkeit fassen wir auch das Vorhandensein verschiedener Varietäten der deutschen Sprache, also Dialekte, Jargons oder sogenannte Ethnolekte, die durch den Einfluss von Migranten entstanden sind, bis hin zu den Einflüssen von Fremdsprachen, etwa des Englischen. In Deutschland gibt es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Kinder und Jugendlichen, die einsprachig aufwachsen bzw. deren Alltag von Einsprachigkeit geprägt ist.

  • E&W: Tritt bei Kindern aus Einwandererfamilien die Herkunftssprache irgendwann hinter die „lingua franca“, die englische Sprache, zurück?

Gogolin: Nein. Eine Studie, an der rund 2.000 Schülerinnen und Schüler von Klasse 7 bis 11 teilnahmen, legt einen anderen Schluss nahe. Bei allen Kindern und Jugendlichen war Deutsch sowohl im Lesen als auch im Schreiben die dominante Sprache. Bei Schülerinnen und Schülern, die in ihrer Herkunftssprache lesen und schreiben können, steht diese an zweiter Stelle, die drittbeste Sprache war Englisch. Das ist deshalb interessant, weil an den meisten Schulen die Herkunftssprache der Migranten offiziell nicht gelehrt wird. Das heißt, diese Kinder und Jugendlichen lernen die Sprache ihrer Eltern oder Großeltern abseits der Schule, etwa im familiären Umfeld. Aus der Dominanz des Deutschen folgt aber auch, dass das Deutsche, anders als manche Politikerinnen und Politiker meinen, nicht gefährdet ist, wenn Kinder aus Migrantenfamilien ihre Herkunftssprache beibehalten.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat den Forschungsschwerpunkt „Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit“ von 2013 bis 2020 gefördert. Zum Schwerpunkt gehörten an 21 Universitäten in Deutschland angesiedelte Forschungsprojekte sowie eine Koordinierungsstelle (Koordinierungsstelle Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung, KoMBi).