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Fair Childhood - Bildung statt KinderarbeitDer „Grüne Knopf“: neues Siegel, altes Problem

Seit kurzem gibt es das erste staatliche Siegel für nachhaltige Textilien. Unterstützer loben, dass sich endlich auch Discounter bewegten. Kritiker monieren, dass der „Grüne Knopf“ freiwillig sei und einen wesentlichen Teil der Lieferkette ausblende.

19.02.2020 - Martina Hahn, freie Journalistin

Schwarze Schrift, ein grüner Knopf in der Mitte, darunter der Zusatz „Sozial. Ökologisch. Staatlich.“ – so sieht das erste staatliche Siegel für öko-faire Textilien aus: der Grüne Knopf. Der Onlineshop 3Freunde zeichnet seine T-Shirts mit ihm aus, Vaude seine Rucksäcke, Tchibo heftet ihn an Kinderkleidung und Lidl an Bettlaken. Das neue Zeichen solle Verbraucher „schnell und verlässlich“ informieren, welche Mode „vom Baumwollfeld bis zum Bügel“ grün, fair und ohne Kinderarbeit hergestellt wurde, sagt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU).

Müllers Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat den „Grünen Knopf“ ins Leben gerufen – als Reaktion auf die vielerorts miesen Zustände in Textilfabriken. „Das Siegel ist eine passable Mischung aus Anspruch und Erreichbarkeit“, findet BMZ-Sprecher Olaf Deutschbein. Hingegen hält das Gros der deutschen Textilindustrie den „Grünen Knopf“ für überflüssig: Die Kriterien seien kaum zu kontrollieren, wettert Ingeborg Neumann, Chefin des Verbands textil+mode. Müllers Initiative gefährde die Existenz der Branche.

An die 30 Unternehmen machen bislang beim „Grünen Knopf“ mit. Darunter sind Tchibo, Rewe und Kaufland sowie Aldi und Lidl. Auch faire Marken wie Vaude, Hess natur, Manomama, Melawear und 3Freunde sind dabei. Um das Etikett mit dem neuen Siegel einnähen zu dürfen, müssen Hersteller nachweisen, dass sie Mindestlöhne zahlen, Kinderarbeit ausschließen sowie Gesundheits- und Sicherheitsstandards einhalten. Weichmacher und Chemikalien sind verboten. 46 Mindeststandards werden bei einer Bewerbung um den „Grünen Knopf“ abgefragt. „Da wird auf den Zahn gefühlt, was in der Lieferkette los ist“, sagt BMZ-Sprecher Deutschbein.

„Ein Produktsiegel greift immer zu kurz, wenn es um Menschenrechte bei der Arbeit geht.“ (Berndt Hinzmann)

Kritiker bezweifeln das. Vor allem Umweltverbänden wie Greenpeace („zu vage“) und Menschenrechtsorganisationen wie dem Inkota-Netzwerk („noch inkonsequent“) geht das neue Siegel nicht weit genug. Die Kampagne für Saubere Kleidung begrüßt zwar, dass bei seiner Vergabe unternehmens- und produktbezogene Kriterien kombiniert werden. Doch derzeit überwiegen die Schwachpunkte – zumal der „Grüne Knopf“ ein freiwilliges Siegel ist. „Ein Produktsiegel greift immer zu kurz, wenn es um Menschenrechte bei der Arbeit geht“, sagt Inkota-Vertreter Berndt Hinzmann. Der Staat müsse klar definieren, was mit sozial und öko gemeint ist. Entscheidend sei, ob die Kriterien vor Ort eingehalten und unabhängig verifiziert werden. Geschehe das nicht, so Hinzmann, „führt dies zu Missbrauch – und Konsumenten in die Irre“.

Nichtregierungsorganisationen kritisieren, dass der „Grüne Knopf“ nicht die gesamte Lieferkette im Blick hat. Bislang bezieht er sich nur auf die Konfektion, also die Arbeitsbedingungen beim Nähen, Zuschneiden, Färben und Bleichen. Über die Zustände und Gifte in den Webereien oder Spinnereien sowie auf dem Baumwollfeld sagt das Siegel nichts aus. Damit werde ein wesentlicher Teil der Lieferkette ausgeblendet. Ein Anbieter könne auch dann ein T-Shirt mit dem „Grünen Knopf“ schmücken, wenn die Baumwolle darin auf dem Feld mit Pestiziden überschüttet worden ist und die Farmer sich vergiftet haben.

Auch das Versprechen, faire Löhne zu bezahlen, löse der „Grüne Knopf“ nicht ein, kritisiert Bettina Musiolek vom Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen. Zwar müssten die Nutzer des Siegels nachweisen, dass sie den vor Ort gültigen Mindestlohn bezahlen. Doch sei dieser weder in Ländern des Globalen Südens noch in Osteuropa existenzsichernd: „In Bangladesch oder der Ukraine verdienen die Näherinnen 100 Euro – davon können sie und ihre Familien nicht leben.“ Auch BMZ-Sprecher Deutschbein räumt ein: „Momentan können wir keine existenzsichernden Einkommen garantieren.“

„Firmen haben erkannt, dass Verbraucher gerne mit gutem Gewissen einkaufen, und das vermarkten sie jetzt.“ (Bettina Musiolek)

Externe Prüfer wie TÜV oder Dekra kontrollieren, ob die Unternehmen die 46 Kriterien einhalten. Als Metasiegel akzeptiert der „Grüne Knopf“ bereits vorhandene Zertifizierungen wie den Global Organic Textile Standard (GOTS), die Fair Wear Foundation oder Fairtrade Textile Production. Wer diese vorweisen kann, wird ins Programm aufgenommen. Doch wer in Europa fertigen lässt, wird gar nicht kontrolliert. „Das BMZ geht leider davon aus, dass die Kontrollen in Osteuropa funktionieren – aber das ist nicht so“, sagt Musiolek.

In der Modeindustrie Bulgariens und Rumäniens bekämen die wenigsten Beschäftigten den Mindestlohn. Auch deswegen nennt sie das neue Siegel „scheinheilig“ und bezeichnet es als Fairwashing: „Firmen haben erkannt, dass Verbraucher gerne mit gutem Gewissen einkaufen, und das vermarkten sie jetzt.“ Ein Siegel müsse für alle Textilien des Unternehmens gelten, nicht nur für einzelne Kollektionen oder Hemden. Anders als die gänzlich öko-fair produzierenden Anbieter wie 3Freunde, Brands, Melawear und Manomama lässt Aldi Süd nur jedes siebte Textil, das im Laden ausliegt, zertifizieren.

Dass öko-faire Anbieter bei Verbrauchern an Glaubwürdigkeit verlieren, weil sie mit demselben Siegel werben wie Billigheimer, glaubt Stefan Niethammer nicht. „Unsere Kunden können da differenzieren“, so der Chef des Labels 3Freunde. Vor allem für die öffentliche Vergabe sei das neue Siegel wichtig. Schulen, Kitas, Krankenhäuser, Rathäuser oder Mensen ordern Uniformen, Schürzen, Arztkittel, Bettwäsche – bislang selten in öko-fairer Qualität. Das könnte sich ändern, ist Niethammer überzeugt: „Sie haben durch das staatliche Siegel mehr Klarheit.“ Zwingend teurer seien zertifizierte Shirts nicht, sagt Minister Müller: „Eine Jeans mit dem ‚Grünen Knopf‘ kostet in der Produktion einen Dollar mehr. Das reicht, um den Frauen in Bangladesch einen Lohn zu zahlen, von dem sie leben können.“

Das Bildungs- und Förderungswerk der GEW unterstützt die Stiftung Fair Childhood – Bildung statt Kinderarbeit.

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