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"Der Frust in den Lehrerzimmern ist groß"

11.01.2017 - Sven Heitkamp, freier Journalist

Jörg Becker ist seit 30 Jahren Mathelehrer an einer Oberschule in Leipzig. Seine Aufgaben wachsen ständig. An die kommende Tarifrunde gehen er und seine sächsischen KollegInnen offensiv heran.

Raum 02 im Erdgeschoss der 125. Oberschule im Leipziger Stadtteil Reudnitz, 17 Bildschirme stehen in Reih und Glied, in einer Ecke stapeln sich alte Computer von 2003. Fünft- und Sechstklässler schrauben einen der verstaubten Rechner auseinander, andere surfen im Netz. Becker, Lehrer für Mathe, Physik und Informatik, hilft den Schülerinnen und Schülern bei ihren Aufgaben mit viel Geduld und einem Lächeln. Er betreut die AG Computer, Foto, Video mit "viel Herzblut", ebenso wie ein Filmprojekt und eine Spiele-AG. Becker ist an seiner Schule so eine Art Mädchen für alles. Er pflegt das IT-Netzwerk und richtet den Jugendlichen ihre Profile ein, er unterstützt die 28 Kolleginnen und Kollegen beim Einsatz von Medientechnik und leitet den Personalrat des Kollegiums.

Der 52-Jährige ist eine der 30 000 Lehrkräfte in Sachsen, die fast alle als Angestellte arbeiten. Der Freistaat verbeamtet nur Schulleiter und ihre Stellvertreter. Dafür ist die gewerkschaftliche Macht im größten östlichen Bundesland für die kommende Tarifrunde umso stärker. Die Lehrerinnen und Lehrer sind motiviert, auf die Straße zu gehen. "Der Frust in den Lehrerzimmern ist groß", berichtet Becker, "die Kampfbereitschaft aber auch. Wir wissen, dass wir nichts geschenkt kriegen". Gerade in Sachsen.

"Statt eines ordentlichen Entgelts bekommen wir immer noch mehr Aufgaben übergestülpt."

 

"Bei der Pflichtstundenzahl liegen wir im Bundesvergleich immer am oberen Ende – aber beim Gehalt ganz unten", beschreibt Becker die sächsische Misere. In westdeutschen Ländern würde er mit seinen 31 Dienstjahren wesentlich mehr Geld mit nach Hause bringen, rechnet Becker, der im GEW-Kreisvorstand für Finanzen zuständig ist, vor. "Aber statt eines ordentlichen Entgelts bekommen wir immer noch mehr Aufgaben übergestülpt – ohne finanziellen Ausgleich oder mehr Ermäßigungsstunden."

Angesichts ständiger Mehrbelastungen sei jetzt ein deutliches Gehaltsplus überfällig. "Wir sollten nicht nur die Teuerungsraten in der Lohntasche haben, sondern auch einen Ausgleich für neue Zusatzaufgaben", verlangt Becker. "Die letzte Tarifrunde ist fast zwei Jahre her, doch die Preissteigerungen machen im täglichen Leben nicht halt." Becker ist kein Heißsporn und kein Typ, der sich schnell in Rage redet. Er spricht eher ruhig und bedächtig. Aber er benennt klar die Haltung der Kolleginnen und Kollegen: "Wir wollen für unsere viele Arbeit mehr verdienen."

Auch Ost-West-Unterschiede müssen verschwinden

Die Lohnforderung begründet Becker auch mit den wachsenden Mehrbelastungen: "Bildungsempfehlungen in höheren Klassen schreiben und Kompetenztests durchführen, zunehmende Inklusion begleiten, Flüchtlinge integrieren, immer mehr Seiteneinsteiger anleiten." Hinzu kommt Beckers Verantwortung für die Schulcomputer. "Allein, wenn ich auf unseren 14 Laptops das Betriebssystem aktualisiere, sind die Ermäßigungsstunden fürs ganze Schuljahr schon aufgebraucht", bemängelt er.

Becker ist ein alter Hase im Schulgeschäft. "Ich stand bereits mit 21 Jahren als Klassenleiter vor einer 9. Klasse", erzählt er. Das war 1985 in Leipzig. Damals konnte er das Abitur nach der 10. Klasse im sogenannten Vorkurs an der Uni binnen eines Jahres per Vorlesungen absolvieren. Die DDR brauchte seinerzeit dringend neue Lehrkräfte für bestimmte Fächerkombinationen. Mit 17 begann Becker sein Studium und war nach vier Jahren fertig. Seither hat er an verschiedenen Oberschulen in Leipzig gearbeitet, unterbrochen nur von seiner Wehrdienstzeit. "Eine gefühlte Ewigkeit", sagt Becker. Seit 2005 unterrichtet er an der 125. Oberschule.

Gewerkschaftlich engagiert er sich seit Beginn seiner Lehrtätigkeit, zunächst in der DDR-Lehrergewerkschaft Unterricht und Erziehung (GUE). Mit der Deutschen Einheit und der Auflösung der GUE wechselte er mit vielen anderen Pädagoginnen und Pädagogen in die GEW und war bald im Kreisvorstand aktiv. Ostdeutsche Lehrkräfte haben seither viel mitgemacht: mehr als zehn Jahre Zwangsteilzeit und mehr als 20 Jahre Wartezeit bis zur Angleichung an bundesdeutsche Gehälter. Erst seit wenigen Jahren arbeitet Becker wieder in Vollzeit und verdient 100 Prozent West.

"Die Tariferhöhungen sind für uns ein wichtiger Punkt", betont er. "Im Grunde wünschen wir uns aber auch, endlich bundesweit vergleichbare Entgelt-Eingruppierungen zu bekommen, damit die Ost-West-Unterschiede verschwinden." Doch dieses Thema steht erst in künftigen Auseinandersetzungen auf der gewerkschaftlichen Agenda.

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