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... das echte Leben in die Schule holen

Erstmals hat eine Berufsschule den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises erhalten. Die Elisabeth-Selbert-Schule in Hameln überzeugte die Jury unter anderem mit passgenauer Förderung jedes Einzelnen und mit ausgeprägtem Teamgeist.

10.10.2017

Die Elisabeth-Selbert-Schule (ESS) im niedersächsischen Halen ist mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden. Die „E&W“ hat sich an der Berufsschule umgesehen und sich erklären lassen, was diese besonders macht.

  • Eigenverantwortliches Lernen: Die ESS-Abteilung für Sozialpädagogik folgt seit 2011 den Regeln des „Dalton“-Unterrichts, einer Methode der US-Reformpädagogin Helen Parkhurst (1887-1974). Wer sich an der ESS zum Erzieher oder zur Sozialassistentin ausbilden lässt, hat sechs Stunden pro Woche „Dalton-Unterricht“: Jeder muss bestimmte Aufgaben erledigen, jeweils mit festem Abgabetermin, vielleicht nach drei, vielleicht nach acht Wochen. In jeder „Dalton“-Stunde können die jungen Leute frei entscheiden, an welchem Auftrag und bei welcher Lehrkraft sie arbeiten möchten, ob lieber allein oder in Kleingruppen.
  • Zweite, dritte, vierte Chance: Schulleiterin Gisela Grimme sagt: „Wir haben hier eine Haltung: ein großes Interesse daran, dass die jungen Menschen weiterkommen.“ Jeder erhalte auch eine zweite, dritte oder vierte Chance. Das gilt nicht zuletzt für die, die ihre allgemeinbildende Schule ohne Abschluss verlassen haben und es nun an der ESS versuchen. „Bei uns können sie noch mal durchstarten und doch noch den Hauptschulabschluss erwerben.“ Oder mehr: Die ESS bietet mit fünf Berufsfeldern und sieben Abteilungen, von der Berufseinstiegsschule bis zum Beruflichen Gymnasium, alle Abschlüsse bis zur allgemeinen Hochschulreife an.
  • Förderkurse und Beratung: Im Unterricht nicht aufgepasst oder zu wenig verstanden? Dann helfen vielleicht Förderkurse, sei es für Lernmethoden, Deutsch als Fremdsprache oder als Crashkurs zur Prüfungsvorbereitung. Ein Drittel der Kurse wird von Schülerinnen und Schülern geleitet. Regelmäßig treffen sie sich mit Lehrkräften zu Teamsitzungen und tauschen sich über Methoden und Materialien aus. An den Infotafeln der ESS hängen nicht nur Hinweise auf die nächsten Fördertermine, sondern auch Aushänge des Beratungsteams. Ob schulische oder private Probleme – jeder kann sich dort Hilfe holen, notfalls auch nach Feierabend per Handy oder Mail.
  • Projektorientierung aller Bildungsgänge: Am Standort Thibautstraße betreiben die jungen Leute einen eigenen Kiosk mit Getränken und Mittagsimbiss. Sie sorgen für alles, was dazugehört: zubereiten, dekorieren, verkaufen, Nachschub beschaffen. Einer der Kiosk-Köche ist Dijwar, Sohn syrischer Eltern, vor 16 Jahren in Deutschland geboren. Ausländerfeindlichkeit, Mobbing oder Gewalt gebe es hier nicht, sagt er. Das bestätigt Ayman, ein 17-Jähriger mit libanesischen Wurzeln. „Hier haben alle Respekt voreinander.“
  • Schule als „lernende Institution“: Seit 20 Jahren sucht die ESS immer wieder systematisch nach Schwachstellen und beteiligt dabei auch die Jugendlichen. Mit der Unterrichtsentwicklung beschäftigt sich eine eigene Steuergruppe. Jedes Bildungsgangteam formuliert seine Ziele für die nächsten zwei Jahre und überprüft nach dieser Frist das Ergebnis. Ein Controllingkalender listet auf, wer wann welche Aufgaben zu erfüllen hat. Feedback erhält das zu 80 Prozent weibliche Kollegium auch durch regelmäßige Schülerbefragungen. Die Lehrkräfte selbst werden ebenfalls nach ihrer Zufriedenheit gefragt.

Die Reportage von Eckhard Stengel ist in voller Länge in der Oktoberausgabe der „E&W“ veröffentlicht.

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