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Schulen in der CoronapandemieHybridunterricht braucht gute Konzepte

Ein Virus verändert die Schule. Covid-19 erfordert Kreativität und neue Konzepte von allen Beteiligten, sagt Volkmar Hinz, Leiter des Labors für „Schul-IT-Infrastruktur und digitale Lernwerkzeuge“ an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg.

19.11.2020 - Stephan Lüke, freier Journalist

  • E&W: Kann Hybrid-Unterricht, sprich die Mischung von Präsenz- und Digitalunterricht, überhaupt gleichzeitig funktionieren?

Volkmar Hinz: Es mag sein, dass es Lehrerinnen und Lehrer gibt, die den Spagat schaffen. Sie müssen dann aber im Umgang mit digitalen Medien sehr vertraut sein. Jenseits aller Fragen der Technik glaube ich, dass dies in den überwiegenden Fällen zum Scheitern verurteilt ist. Es kann doch zum Beispiel gar nicht funktionieren, dass sich eine Lehrkraft auf die anwesenden Schülerinnen und Schüler konzentriert und gleichzeitig die Technik checkt oder etwa eine Übertragungspanne behebt. Hybrid klappt eigentlich nur, wenn in jedem Klassenzimmer gleichzeitig ein Regieassistent sitzt. Wobei ich zudem sehr unsicher bin, ob sich eine Lehrkraft parallel intensiv beiden Gruppen, also jener im Klassenraum und jener am Bildschirm, individuell widmen kann.

  • E&W: Was schlagen Sie vor?

Hinz: Es kann meines Erachtens nur ein „entweder oder“ geben. In Finnland baute man im Frühjahr auf den Fernunterricht. Synchron online wird er genannt. Will heißen, wenn um 9 Uhr Mathe auf dem Stundenplan steht, versammeln sich alle um diese Zeit am Bildschirm zu diesem Fachunterricht. Die Variante, die Schülerinnen und Schüler mit „Hausaufgaben“ zu versorgen und ihnen die Möglichkeit zu geben, anschließend in einer wöchentlichen Online-Sprechstunde die eigene Arbeit zu überprüfen, wurde bei uns probiert und von vielen Eltern als nicht sinnvoll eingestuft. Sie wünschten sich eine ähnliche Lösung wie in Finnland.

  • E&W: Sie unterrichten parallel am Stiftungsgymnasium in Magdeburg Naturwissenschaften. Verzichten Sie im Distanzunterricht auf Experimente?

Hinz: Auf keinen Fall. Naturwissenschaftlicher Unterricht lebt von Lebendig- und Anschaulichkeit. Dadurch fesselt und begeistert man die Lernenden. Ich nutze ein Zweibildmanagement. Eine Dokumentenkamera filmt Experimente, die ich auf dem Tisch vorführe und transportiert sie zu den Schülerinnen und Schülern daheim. Auf einem zusätzlich angeschlossenen Monitor habe ich den Blick auf die Klasse.

  • E&W: Stößt die Anschaulichkeit da nicht deutlich an ihre Grenzen, schließlich können die Schülerinnen und Schüler nur zuschauen?

Hinz: Schon richtig. Aber ich kann beispielsweise fragen: „Hast Du das Experiment gesehen und kannst es uns allen erklären.“ Interaktiv ist da vieles möglich.


  • E&W: Eine Ausstattung wie die Ihre ist sicher nicht preiswert. Reichen die geplanten 500 Millionen Euro, die Bund und Länder in die Ausstattung der Lehrkräfte mit Laptops stecken wollen, aus?

Hinz: Ich verfüge über einen Business-Laptop mit all seinen technischen Vorteilen, wie der Möglichkeit, mit einem Spezialstift darauf zu schreiben. Wenn ich solch einen Standard wünsche, reicht die Summe nicht aus. Hinzu kommt, dass meines Wissens Kommunen ein rechtliches Problem darin sehen, Personal, das nicht bei ihnen, sondern beim Land angestellt ist, mit Arbeitsmaterial auszustatten. Sie fürchten, keinen Einfluss darauf zu haben, was die Lehrkräfte mit den Geräten tun, da sie nun einmal nicht ihre Dienstherren sind. Schulen in freier Trägerschaft haben es da deutlich einfacher.

  • E&W: Sehen Sie andere Möglichkeiten, Lehrerinnen und Lehrer digital besser auszustatten?

Hinz: Ja. Ich halte persönlich wenig davon, die Lehrkräfte „von oben“ mit Geräten zu versorgen, zumal es Monate dauern wird, bis diese da sind. Sinnvoller wäre, ihnen zu ermöglichen, eigene Geräte zu nutzen oder selbst anzuschaffen und vielleicht steuerlich geltend machen zu können.

  • E&W: Und dann wäre alles gut?

Hinz: Bei weitem nicht. Wir brauchen Lehrkräfte mit viel Kreativität. Solche, die nicht nur handeln, wenn optimale Rahmenbedingungen existieren. Nehmen wir den Einwand, zulange Arbeit am Handy schade den Augen. Stimmt. Aber ich bin sicher, in fast jedem Haushalt steht ein Fernseher, der mit dem Handy gekoppelt werden kann. Schon ist das gesundheitliche Problem erst einmal gelöst. Aber klar, auch dafür muss es wie in der Wirtschaft Bildschirmarbeitsplatzregelungen geben. Und ich möchte eine verständliche Unsicherheit der Lehrkräfte ansprechen. Der Urheberrechtsschutz macht es ihnen schwierig, zu entscheiden, was sie online stellen. Hier wünsche ich mir eine Nivellierung.

  • E&W: Reicht denn das von Schulbuchverlagen „abgesicherte“ Material nicht aus?

Hinz: Kurze und klare Antwort: nein. Deutschland hat da den Anschluss ebenso wie bei der technischen Ausstattung der Schulen verpasst.

  • E&W: Welche Möglichkeiten haben Lehrkräfte, wenn es wieder zu flächendeckenden Schulschließungen kommen sollte?

Hinz: Sie haben zwei Möglichkeiten. Sie bieten ihren Online-Unterricht von zuhause oder aus der Schule an. Wenn viele die Variante Schule wählen, dann sehe ich allerdings Probleme bei der derzeitigen Internetanbindung der Schulen. Da dürfte es zu einer Überlastung kommen, wenn gleichzeitig 30 oder 40 Lehrkräfte streamen. Einfacher ist es dann wahrscheinlich, wenn Lehrende ihren persönlichen Internetzugang daheim nutzen. Das aber erfordert eine völlig neue Kommunikationsstruktur in den Kollegien.

  • E&W: Was halten Sie dafür für geeignet?

Hinz: Aus meiner Erfahrung in der Arbeit am Stiftungsgymnasium setze ich klar auf Microsoft Office 365 (for Education). Dieses Produkt ist speziell für den Business- und Education-Bereich konzipiert und unterliegt daher anderen Datenschutzregeln als die Privatkunden-Version. Ich bin mir der kontroversen Sicht dazu durchaus bewusst, aber die Gebrauchstauglichkeit von Open Source-Produkten reicht derzeit leider nicht im Ansatz an Microsoft- oder Google-Angebote heran. Die Entwicklung europäischer Produkte hat man leider verschlafen.

  • E&W: Wie optimistisch blicken Sie in die Zukunft?

Hinz: Es besteht durchaus Potenzial, durch die bereitgestellten Mittel in Deutschland wirklich etwas voranzubringen. Dafür aber sind ein mit der Basis abgestimmtes Konzept und ein entsprechender Fahrplan erforderlich. Das alleinige Anschaffen von Hardware reicht nicht. Sonst nämlich wird nach Corona ein Aufatmen durch die Republik gehen und viele werden sich auf die „guten alten Tage ohne Digitales“ besinnen. Leider.