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Coronapandemie„Die Lehrkräfte haben es gewuppt“

Wie, gab es Homeschooling auch an den berufsbildenden Schulen? Die Frage zeigt, wie gering die Aufmerksamkeit ist, die diese Schule in der Öffentlichkeit erfährt. Jetzt gibt es erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt, das genauer hinschaut.

03.12.2020 - Klaus Heimann, freier Journalist

Das war wirklich alles andere als ein normales Schuljahr, das die beruflichen Schulen oder Berufskollegs, wie sie in NRW heißen, erlebt haben. Vieles war anders, aber eigentlich dann doch wieder nicht: Als der Lockdown am 16. März 2020 an Rhein und Ruhr begann, spielten die rund 370 Berufskollegs in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Nicht viel anders war es als die knapp 28.000 Lehrkräfte eigenverantwortlich, mit Improvisationstalent und kreativen Ideen Homeschooling organisierten.

Dass ihre Arbeit wenig öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, das kennen Berufsschullehrkräfte schon. Richtig viel Unterstützung und Aufmerksamkeit, einen Hype um die Berufskollegs, den gab es eigentlich noch nie. Und trotzdem haben die Lehrer und Lehrerinnen aus einer schwierigen Situation für ihre 540.000 Schülerinnen und Schüler das Beste gemacht. Das bestätigt ihnen jetzt eine Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen („Berufskollegs im Ruhrgebiet in Zeiten von Digitalisierung und Corona: Einflüsse auf Organisation und Bildungsarbeit“).

Das hat alle eiskalt erwischt

Monique Ratermann-Busse, Projektleiterin beim IAQ, hat an acht Berufskollegs im Ruhrgebiet die Bildungsarbeit in Zeiten von Digitalisierung und Corona untersucht. Im ersten Step ging es um die Arbeit des Bildungspersonals, später kamen dann auch die Schülerinnen und Schüler sowie die kooperierenden Betriebe zu Wort. Von der Arbeit der Pädagogen ist die Forscherin beeindruckt: „Die Herausforderungen des Lockdowns haben die Lehrkräfte getragen, ob und was passierte, war abhängig von ihrem Engagement. Ja, sie haben den Unterricht gewuppt“. Sie haben Strategien entwickelt, damit Lernen auf Distanz überhaupt möglich wurde. „An Homeschooling hat im Vorfeld niemand gedacht, war ja auch nicht vorgesehen im Programm der Berufskollegs. Das hat alle eiskalt erwischt.“

Es gab eine „starke Dynamik an den Berufskollegs“ in der Zeit des Shutdowns, auch bei den nicht so technikaffinen Lehrkräften. Auch sie haben sich dann mit digitalen Medien auseinandergesetzt. Anleitung gab es von den Computerfreaks im Kollegium, so das Ergebnis der Studie. „Es sind einfach vielmehr ins Boot der schulischen Digitalisierung eingestiegen“, resümiert Ratermann-Busse.

Schuleigene Endgeräte

Es gab Lehrkräfte, die haben angefangen, eigene Lernvideos zu produzieren, um so ihre Inhalte zu präsentieren. An Berufskollegs, wo die Informatik ein Schwerpunkt ist, waren die Voraussetzungen dafür besonders gut. Unabdingbar ist natürlich, dass Schüler zuhause oder im Betrieb überhaupt erreichbar sind. Smartphones haben zwar alle, aber Notebooks oder PCs sind eher rar gesät. Aufgaben, Erklärtexte gab es zwar auch per Mail und wenn es gar nicht anders ging, auch mit der Post. Das soll sich aber ändern: Helfen soll ein Sofortausstattungsprogramm, wodurch Schüler und Lehrkräfte schuleigene Laptops, Notebooks und Tablets erhalten.

Bildungsbenachteiligungen verstärkten sich

Bislang sind häufig Jugendliche in ausbildungsvorbereitenden Bildungsgängen mit schlechten Chancen und aus sozial schwierigen Verhältnissen, am schlechtesten durch Distanzunterricht zu erreichen. Das zeigen die IAQ-Forschungsergebnisse. Und zwar schlicht deshalb, weil oftmals keine Endgeräte vorhanden sind. „Für diese Klassen war es fast unmöglich Fernunterricht erfolgreich anzubieten. Vorhandene Bildungsbenachteiligungen verstärkten sich deshalb nochmals“, berichtet die Forscherin aus Duisburg.

Viel Unsicherheit gab es lange Zeit bei den Lehrkräften darüber, mit welchen Videokonferenztools sie überhaupt arbeiten durften. Erst mit Schuljahresbeginn 2020/21 können die Schulleitungen, auf Grundlage eines Beschlusses der Schulkonferenzen, den Messenger des  landeseigenen LOGINEO NRW, das auf der Moodle-Basis läuft, zur digitalen Kommunikation nutzen.

Querschläger beim Engagement der Kolleg-Lehrer gab es auch noch: So war die Verordnung des Schulministeriums NRW zur gesicherten Versetzung ausgesprochen kontraproduktiv. Das hätte dazu geführt, dass eine Reihe von  Schülerinnen und Schüler „abgetaucht seien“, erklärt Ratermann-Busse. Aber auch die Landesregierung lernt aus Fehlern: Mit der seit September 2020 vorliegenden 48-seitigen „Handreichung zur chancengerechten Verknüpfung von Präsenz- und Distanzunterricht im Berufskolleg“, ist eine Leistungsbewertung bei Fernunterricht wieder möglich. 

Nur 45 Euro für die Weiterbildung

Einen wunden Punkt hat das Forschungsteam des IAQ bei der digitalen Weiterbildung der Lehrkräfte ausgemacht. Zwar heißt es vollmundig bei Ministerin Yvonne Gebauer: „Alle Lehrkräfte erhalten sowohl Angebote zur pädagogischen und technischen Nutzung der neuen LOGINEO als auch Online-Seminare zur Gestaltung von Distanzunterricht.“ Im Alltag der acht Lehrerkollegien ist davon allerdings noch nicht viel zu spüren.

Wie auch, wenn man bedenkt, dass für jede Lehrkraft gerade mal im Jahr 45 Euro für Weiterbildung zur Verfügung stehen, wie die Recherche von Monique Ratermann-Busse zeigt. Auch für den Support gibt es kein eigenes Personal, das macht das Bildungspersonal auch noch nebenbei. „Digitalisierung des Unterrichts braucht aber ein hohes Maß an Fortbildung und die gibt es bislang nicht. Notwendig ist ein gut strukturiertes Fortbildungssystem“, so die Forderung des IAQ.

Aber, und auch das zeigt die Studie der IAQ, bei aller Notwendigkeit, für mehr und guten digitalen Unterricht auf Distanz, Schülerinnen, Schüler, sowie Lehrerinnen und Lehrer sind froh, wenn sie in die reale Welt der Berufskollegs wieder eintauchen können. Schließlich kann man so am besten seine Kumpels treffen.