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So trifft Corona die Auslandslehrkräfte"Den Unterrichtsbetrieb möglichst perfekt aufrechterhalten“

Lehrkräfte an Deutschen Auslandsschulen (DAS) in der Türkei, in Chile, Peru, China und auf Teneriffa berichten über ihre Erfahrungen in Zeiten der Corona-Pandemie. Viele setzen auf Online-Kurse.

01.04.2020 - Matthias Holland-Letz

Türkei: Einige Lehrkräfte möchten nach Hause

Die Informationslage zur Corona-Krise sei „sehr dünn“, erklärt eine Lehrerin, die in der Türkei an einer DAS unterrichtet. „Es gibt die Verlautbarungen der türkischen Regierung, und es gibt Presseberichte, die anderes behaupten.“ Seit dem 16. März sei die Schule geschlossen. Für die türkische Schulleitung stehe im Vordergrund, "den Unterrichtsbetrieb möglichst perfekt aufrechtzuerhalten“, berichtet die Auslandsdienstlehrkraft. Und zwar durch „Online-Unterricht, Online-Klausuren und die Feststellung der Anwesenheit der Schüler“. Manche unterrichteten via Skype, Zoom oder WhatsApp - dem Datenschutz werde „seitens der Schulleitung keine Beachtung gegeben.“

Die GEW-Kollegin, die anonym bleiben möchte, berichtet, dass „großer Druck“ auf die Lehrkräfte ausgeübt werde. „Unsicherheiten und Befürchtungen des Kollegiums werden kaum wahrgenommen.“ Einige Lehrkräfte „möchten gerne nach Deutschland, zumal schon mehrfach von einem drohenden Kollaps des Gesundheitssystems berichtet wurde“.

Chile: Aufklärung, zusätzliche Hygiene, Home Office

„Die Stimmung ist natürlich beeinträchtigt.“ Man müsse sich neu strukturieren, sowohl beruflich als auch privat. „Das ist anstrengend“, erklärt Thomas Mittelstrass, Auslandsdienstlehrkraft (ADLK) und Leiter des Berufsschulzweigs der Deutschen Schule in Santiago de Chile. „Aber grundsätzlich sehe ich eine große Bereitschaft und Fähigkeit, der Krise zu begegnen“, so Mittelstrass.

Seit zwei Wochen befinde sich die Schule in Quarantäne, eine Schülerin hatte sich mit dem Corona-Virus infiziert. Inzwischen seien alle Schulen in Chile geschlossen. Zum Schutz der Lehrkräfte am Berufsschulzweig der DAS habe es gesundheitliche Aufklärung gegeben, im Gebäude werde für zusätzliche Hygiene gesorgt, viele arbeiteten im Home Office. Der Online-Unterricht funktioniere „sehr gut, auch wenn es beim Übergang kleine Schwierigkeiten gab“, betont der Schulleiter.

Noch offen sei, „wie fragen wir Lerninhalte ab? Wie bewerten wir Leistungen?“ Bei einigen Familienangehörigen von Lehrkräften bestehe der Wunsch, heimzureisen. Grund sei „die Sorge um die Angehörigen zuhause“. Auch wisse man nicht, wie es in Chile jetzt weitergehe. „Wir hatten ja Ende vergangenen Jahres heftige soziale Unruhen“, erklärt Mittelstrass. „Man fragt sich: Wie viel kann dieses Land noch aushalten?“

Lima: Jeder, der will, kann heimreisen  

An der Deutschen Schule Alexander von Humboldt in Lima in Peru sei die Stimmung unter den Lehrkräften „noch gut“. Das berichtet Alf Buddecke, der dort als ADLK tätig ist. Doch wie entwickele sich das Land, wo Millionen Menschen arm sind? Problem sei „der informelle Sektor, der von Tageseinnahmen lebt, die es nun nicht mehr gibt“. Das könnte „ein großes Konfliktpotenzial werden“, vermutet GEW-Mitglied Buddecke. ADLK und Bundesprogrammlehrkräfte (BPLK) hätten einen Fonds eingerichtet, um Beschäftigte der Schule, die auf Stundenbasis arbeiten, zu unterstützen. Eine Lehrkraft mit Ehepartner fliege wegen Vorerkrankungen zurück nach Deutschland. Auch zwei Ortslehrkräfte reisten nun aus. „Alle anderen bleiben.“ Jeder, der wolle, könne gehen, „so wurde es kommuniziert“. Auch hier gebe es nun Online-Unterricht – mit Hilfe von Videokonferenzen, einer elektronischen Pinnwand und der Schulcloud.

Teneriffa: Ortslehrkräfte fürchten Gehaltskürzung

„Wir wissen von zwei Personen, die heimreisen möchten“, berichtet Tanja Frei, die an der Deutschen Schule Santa Cruz de Tenerife unterrichtet. Davon abgesehen bleibe das Kollegium „geschlossen auf Teneriffa“. Die Situation sei, trotz Ausgangssperre, „noch recht entspannt“, erklärt Frei, deren Ehemann ebenfalls an der DAS tätig ist. Viele Lehrkräfte arbeiteten „zur Zeit weit über ihr normales Stundenkontigent hinaus“, so das GEW-Mitglied.

Von der Schulleitung fühle sie sich „gut informiert“, Informationen von spanischen und deutschen Behörden kämen an. Einige Ortslehrkräfte äußerten die Sorge, dass das Gehalt gekürzt werden könnte. „Auch vor Kündigungen haben einige Leute Angst.“ Noch deute aber nichts auf Entlassungen hin, erklärt Tanja Frei.

Shanghai: „Derzeit kaum ein sicherer Ort als China“

Bereits acht Wochen dauert die Schließung der Deutschen Schule Shanghai (DSS), die zwei Standorte unterhält. Die Schulleitung stellte auf E-Learning um, die Lehrkräfte arbeiten im Home Office. Nur in Ausnahmefällen dürfen Lehrerinnen und Lehrer das Schulgebäude betreten. Die Schulleitung berichtet, dass die DSS den chinesischen Behörden täglich zu melden habe, ob es unter Lehrkräften, Schülern oder Eltern Krankheitsfälle gebe. „Bislang wurden uns keine Krankheitsfälle gemeldet“, erklärt Susanne Heß, Schulleiterin am Standort Hongqiao, in einem Interview Anfang März.

„Wir fühlen uns in Shanghai wohl und sicher“, erklärt die mitgereiste Ehepartnerin einer Lehrkraft. „Wir haben die vergangen acht Wochen in unseren vier Wänden in Shanghai verbracht.“ Nun blühe in Shanghai das Leben wieder auf, „während das Virus in großen Teilen der Welt erst so richtig seine Wirkung entfaltet“. Angesichts dieser Situation gebe es derzeit „wohl kaum einen sichereren Ort als China - hier ist alles unter Kontrolle oder besser: kontrolliert“.

Die Gebäude der DSS wurden inzwischen gründlich gereinigt und desinfiziert. Zudem gab es intensive Kontrollen der Hygiene in Lager-, Küchen- und Kantinenräumen durch chinesische Dienstleister. Die Schulverantwortlichen demonstrieren Zuversicht – und erinnern per Schulhomepage an eine ähnliche Situation vor 17 Jahren, als in China das SARS-Virus ausbrach: „Damals ist die Schulgemeinschaft zusammengerückt und hat diese schwierige Zeit gemeinsam gemeistert.“