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Chancen und Risiken der Digitalisierung

Technologien entwickeln sich in rasender Geschwindigkeit: Wearables, digitale Implantate und fahrerlose Autos sind längst keine Science Fiction mehr. Die gesellschaftliche Diskussion über den Wert dieser Innovationen steht derweil erst am Anfang.

05.04.2016 - Kommentar von Reiner Hoffmann, DGB-Vorsitzender

Foto: Colin / Wikimedia Commons / CC BY SA 4.0

Die Arbeit der Zukunft wird heute unter dem Label „Arbeit 4.0“ diskutiert. Gemeint ist damit die Digitalisierung der Arbeitswelt, die uns vor grundlegende Herausforderungen stellt. Dabei geht es nicht nur um Smartphone oder Tablet: Es geht um smarte Maschinen, die lernen, miteinander und mit Menschen zu kommunizieren, um eine neue Generation von Leichtbaurobotern, die mit Menschen kollaborieren, um den 3D-Druck und nicht zuletzt die Entwicklung immer ausgereifterer Algorithmen und künstlicher Intelligenz.

Grundlage ist eine exponenzielle Verbreitung von Daten, kurz Big Data. Dadurch soll das so genannte Internet der Dinge entstehen: Fabriken, ganze Städte, unser Zuhause – alles soll interaktiv vernetzt werden. So auch der Mensch: Wearables oder selbst digitale Implantate sind längst keine Science Fiction mehr. Die Technologien entwickeln sich in rasender Geschwindigkeit. Entscheidend wird jedoch sein, wie wir die technischen Möglichkeiten nutzen: Hat das fahrerlose Auto tatsächlich Zukunft? Wollen wir Pflege- oder Lernroboter? Und wem gehören eigentlich die Daten? Die gesellschaftliche Diskussion über den Wert technologischer Innovationen steht sicher erst am Anfang.

Wir haben erreicht, dass sich die Debatte inzwischen um die Rolle des Menschen in einer digitalisierten Arbeitswelt dreht und nicht nur um technologische Potenziale. Das ist kein Selbstläufer, denn die Digitalisierung ist ein interessengeleiteter Prozess. Sie beschleunigt die Globalisierung, verändert Marktstrukturen, ermöglicht neue Geschäftsmodelle und verspricht vor allem ein hohes Maß an Effizienz und Flexibilität.

Der Wandel ist politisch gestaltbar

Die Debatte zur „Arbeit 4.0“ dreht sich zurzeit um zumeist gegensätzliche Szenarien: Einer evolutionären Entwicklung, bei der das Verhältnis von Mensch und Technik erforscht und neu konfiguriert wird, steht die disruptive Kraft neuer Geschäftsmodelle aus dem Silicon Valley gegenüber. Genauso unterscheiden sich die Prognosen, die entweder vor einer massenhaften Substitution menschlicher Arbeit warnen oder aber von neuen Beschäftigungspotenzialen schwärmen. In der Tat eröffnet die Digitalisierung neue Chancen für eine Humanisierung der Arbeit, während sich gleichzeitig die Risiken der Automatisierung menschlicher Arbeit abzeichnen. Doch mit derartigen Gegenüberstellungen allein kommen wir nicht weiter.

Die Szenarien geben zwar ernstzunehmende Hinweise auf die Bedeutung der Digitalisierung für die Arbeit der Zukunft. Es wird aber kein „Entweder“-„Oder“ geben. Industrie 4.0 funktioniert zum Beispiel nicht per Mausklick. Vieles spricht dafür, dass es sowohl schleichende Entwicklungen geben wird als auch Marktverschiebungen, wie wir sie zum Beispiel aus dem Medienbereich kennen. Entscheidend ist, dass wir am Anfang eines Wandels der Arbeit stehen. Und dieser Wandel ist politisch gestaltbar. Um die Potenziale der Digitalisierung für eine positive wirtschaftliche Entwicklung und gute Arbeit zu heben, brauchen wir ein gemeinsames Leitbild für die Arbeit der Zukunft.

Grundlage eines erfolgreichen Transformationsprozesses in der digitalen Arbeitswelt ist eine gemeinsame Vertrauensbasis. Datenschutz und -sicherheit, Mitbestimmung und Beteiligung sowie Bildung und Qualifizierung kommen dabei eine Schlüsselrolle zu. Gleichzeitig wird es darauf ankommen, die Flexibilitätsspielräume für mehr gute Arbeit zu nutzen und neue Prekarisierungs- oder Entgrenzungstendenzen sowie Wettbewerbsverzerrungen, die durch die Plattformarbeit entstehen, zu unterbinden.

Bislang sind das Internet der Dinge oder Industrie 4.0 noch Visionen. Als das Smartphone im Jahr 2007 auf den Markt kam, haben allerdings die Wenigsten dessen Bedeutung erkannt. Heute sind wir weiter, daher dürfen wir keine Zeit verlieren.

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