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Burkina Faso: Frauenkongress von F-SYNTER

Die GEW unterstützt die Frauenarbeit der burkinischen Bildungsgewerkschaft F-SYNTER in Westafrika. Am 31.1.2015 waren 125 Frauen aus 40 Städten und Dörfern des Landes ins Gymnasium Zinda Kaboré in der Hauptstadt Ouagadougou gereist, um am sechsten Frauenkongress ihrer Gewerkschaft teilzunehmen.

02.02.2015 - Sabine Tölke-Rückert

Fotos: Sabine Tölke-Rückert

Recht auf Bildung durchsetzen

Neben den Frauen der Bildungsgewerkschaft F-SYNTER waren auch 13 Vertreterinnen von vier anderen Gewerkschaften des Erziehungsbereichs eingeladen, mit denen eine enge Zusammenarbeit besteht. Fati Ilboudo, Frauenverantwortliche im Vorstand von F-SYNTER, wies in ihrer Begrüssungsrede auf die sich stetig verschlechternde Bildungssituation in Burkina Faso hin. Sie betonte, dass Bildung die mächtigste Waffe zur Veränderung der Welt ist und bleibt.

Deshalb informiere dieser Kongress über das Recht auf Bildung und über Mittel und Massnahmen, Bildung für alle in Burkina durchzusetzen. Dazu sei eine breite Mobilisierung der Frauen nötig, weshalb sich die Frauen von F-SYNTER mit den Frauen der vier Gewerkschaften aus dem Bereich Sozialarbeit, Grundschule, Sport und berufliche Bildung enger vernetzen wollen. Das erhöhe Druck und Schlagkraft und zwinge die Verantwortlichen im Bildungsbereich zum Handeln.

Bildungssituation in der Transition

Mamadou Barro, Generalsekretär von F-SYNTER, umriss in seinem Referat die aktuelle Lage im Bildungsbereich und die daraus resultierenden Aufgaben der Gewerkschaft. Der Volksaufstand Ende Oktober 2014 , mit dem das alte Regime Compaoré verjagt wurde, hat dem Volk seine Kapazitäten gezeigt. Gleichzeitig werden aber auch die Grenzen der Übergangsregierung klarer: sie beseitigt nicht die wahren Sorgen des Volkes, sondern rangelt um Posten und bereichert sich.

Die Abgeordneten des Parlaments z.B. mussten auf Druck des Volkes ihre Diäten um über die Hälfte kürzen. Im Bildungsbereich hat das Regime Compaoré zwei Reformen hinterlassen, die die Transition jetzt mitträgt. Das betrifft einmal den Universitätsbereich, wo das amerikanische Modell Licence-Master- Doktor (LMD) für ein Studium im Interesse der Wirtschaft durchgeführt werden soll – mit katastrophalen Folgen an den öffentlichen Unis des Landes: Professoren erscheinen nicht zu Vorlesungen, die Studiengänge und –zeiten werden nicht eingehalten, die Studierenden vergeuden ihre Zeit.

Die zweite Reform: Das CONTINUUM

Danach sollen alle Kinder Burkinas von der Vorschule bis zur Mittleren Reife, also von 3 bis 16 Jahren, unentgeltlich und verpflichtend in einem Block gebildet werden. Das wäre auch für die Gewerkschaften akzeptabel, wenn die Reform sinnvoll durchgeführt würde, d.h. unter einem Ministerium für alle Bildungsstufen. Die Reform sieht jedoch vor, die Altergruppen von 3 bis 16 Jahren ( vorher 3 bis 12 Jahre) dem Grundschulministerium MENA zu unterstellen und nur die letzten drei Gymnasialjahre beim MESS ( Ministerium für Höhere Bildung) zu belassen. Dies bedeutet konkret, dass alle bisher MESS unterstellten Lehrer ( Collège und Gymnasialstufe) nur noch die drei Gymnasialklassen unterrichten dürfen, während für die vier Jahre bis zur Mittleren Reife Collège-Lehrer rekrutiert werden müssen, die dann MENA unterstehen sollen.

Momentan nimmt man Studenten mit einem Uniabschluss in Philosophie, Jura o. ä, die dann z.B. Mathe oder Englisch im Collège unterrichten sollen - ohne weitere pädagogische und didaktische Ausbildung. Schon 2012 hatten die Bildungsgewerkschaften klar Stellung gegen diese Art der Durchführung des Continuums bezogen und vor den desaströsen Folgen gewarnt, die jetzt prompt eingetreten sind: zu Beginn des Schuljahres 2014/2015 gab es in Burkina Faso 700 Klassen ohne LehrerIn, 441 Schulklassen ohne Schulräume und rund 30.000 Kinder, die nicht beschult werden konnten und somit ein Jahr verlieren.

Rolle von Weltbank und WWF

Zur Durchführung des Continuums haben Weltbank, WWF und andere Geldgeber 118 Millionen Euro bereit gestellt und eine (Schmalspur)Grundbildung der Massen gefordert. Es sollten z.B. statt 50 Proznet jetzt 75 Prozent der Kinder in die Grundschule eingeschult werden und die Schule bis zur Mittleren Reife durchlaufen. Höhere Bildungsgänge werden nicht unterstützt. Da nicht gleichzeitig in Schulneubauten und Lehrerausbildung investiert wurde, bleiben für viele Kinder die Türen von Grundschule und Collège jetzt geschlossen. Dazu kommt: Die Weltbank verlangt eine Senkung der Gehälter von Junglehrern auf ca 20 Euro im Monat! Angesichts dieser chaotischen Situation fordern F-SYNTER und andere Bildungsgewerkschaften signifikant höhere Investitionen in die Bildung.

Nationale Koalition will ‚Bildung für alle‘

In seinem Referat umriss der Verantwortliche der nationalen burkinischen Koalition ‘Bildung für alle’ (CN-EPT), Tahirou Traoré, die Entstehung, Entwicklung und Zielsetzung der Bildungskampagne. Nach dem Weltbildungsforum im Jahr 2000 in Dakar hatten sich in vielen Ländern des Südens und des Nordens nationale Koalitionen aus Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen gebildet , um gemeinsam in einer Globalen Bildungskampagne die gesetzten Bildungsziele durchzusetzen.
Die CN-EPT in Burkina besteht aus 35 zivilen Organisationen und Gewerkschaften und arbeitet mit internationalen Organisationen wie UNICEF und OXFAM und auch mit den jeweiligen Bildungsministerien zusammen. Ihre wichtigsten Ziele sind:

- Schutz und Bildung der Kinder im Vorschulalter
- Für alle Kinder, insbesondere auch für Mädchen, eine kostenfreie, verpflichtende und qualitativ hochwertige Grundschulbildung
- Eine fünzig prozentige Erhöhung der Alphabetisierungsquote der Erwachsenen
- Erhöhung der Qualität von Bildung

Gravierende Mängel im Bildungssystem

Traoré wies wie M. Barro zuvor auf die gleichen gravierenden Mängel im Bildungssystem hin. Er beklagte, dass die von der internationalen Gemeinschaft geforderten zwanzig Prozent Investition in Bildung bei weitem nicht erreicht sind und dass das wenige Geld für Bildung in den Ministerien auch noch schlecht verwaltet wird. Von 2002 bis 2010 ist das Budget für Bildung gleich geblieben. Da in dem Zeitraum mehr Lehrer ausgebildet und bezahlt werden mussten, blieb kaum noch Geld für andere nötige Aufgaben übrig.

Nur drei Prozent aller Kinder im Vorschulalter besuchen eine “Maternelle” , von denen die meisten privat sind! Und die per Gesetz angeordnete Schulgeldfreiheit ist eine Farce, weil die Eltern viele andere Aufgaben übernehmen müssen für die Aufrechterhaltung des Schulbetriebs, wie z.B. die Bezahlung von Vertretungslehrern.

Volksaufstand setzt sich fort

In grossen Gruppen erarbeiteten die Frauen anschliessend an Hand eines fiktiven Fallbeispiels, inwieweit und wodurch dem 13-jährigen Mädchen im Text sein Recht auf Bildung streitig gemacht wird, wer die dafür Verantwortlichen sind und wie die Frauen von F-SYNTER und EPT als Gewerkschafterinnen das Recht auf Bildung durchsetzen können. Zurzeit herrscht in der Bevölkerung Burkinas Desillusionierung und Misstrauen gegenüber der Transitionsregierung.

In mehreren Berufszweigen wird momentan gestreikt. Für den 17. / 18. Februar hat der Zusammenschluss der Gewerkschaften UAS zu einem landesweiten Streik aufgerufen, um verschiedenen gewerkschaftlichen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Viele der anwesenden Frauen äusserten sich dahingehend, dass sie nicht mehr zuhause mit gekreuzten Armen auf Besserung warten dürfen, sondern sich aktiv an den gewerkschaftlichen Kämpfen beteiligen müssen für eine Verbesserung der Lebens- und Bildungssituation in Burkina Faso.

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