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Gesunde Ernährung in Kita, Schule und HochschuleBurger, Cola und Schimmel

Armut und schlechte Ernährung hängen zusammen; das ist eine Binsenweisheit. Wie groß ist aber der Zusammenhang in Deutschland? Und wie können Schule und Kita gegensteuern?

07.09.2020 - Jürgen Amendt, Redakteur der „Erziehung und Wissenschaft“

Wie gut kann man sich mit Hartz IV ernähren? Nicht gut, sagt das Deutsche Kinderhilfswerk (DKHW). Ein Tagessatz in Hartz-IV-Haushalten reiche nicht einmal dann für eine gute Ernährung eines Kindes, wenn die Lebensmittel ausschließlich bei Billig-Discountern eingekauft würden. Sechs Euro am Tag seien nötig, damit ein Kind ein gesundes Frühstück, Mittag- und Abendessen sowie einen kleinen Snack zwischendurch zu sich nehmen kann. Im ALG-2-Regelsatz, so das DHKW, seien für die Ernährung von Kindern aber im Schnitt lediglich 3,49 Euro vorgesehen.

Armut ist kein Randphänomen. Laut einer im Juli vorgestellten Bertelsmann-Studie wachsen derzeit rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche in einer Armutslage auf, das heißt, sie leben entweder in Familien, in denen Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II bezogen werden, oder sind -armutsgefährdet – das ist mehr als ein Fünftel (21,3 Prozent) aller unter 18-Jährigen. Als armutsgefährdet gelten Kinder, wenn sie in Haushalten leben, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des Median-Einkommens aller Haushalte beträgt.

In Armut aufwachsende Kinder sind häufiger übergewichtig

Armut und schlechte Ernährung werden oft mit Kindern assoziiert, die sich ausschließlich von Burger, Pizza und Cola ernähren und daher übergewichtig sind. So kommt das Robert-Koch-Institut 2018 in einer Studie zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit einer ungesunden Ernährung gerade bei Menschen mit geringem Einkommen steige, „wenn in der Nachbarschaft vor allem Fastfood-Restaurants das Angebot bestimmen und deren Produkte auch noch zu geringeren Preisen angeboten werden als unverarbeitete, gesündere Lebensmittel wie Obst und -Gemüse“.

Kinder, die in Armut aufwachsen, sind dementsprechend häufiger übergewichtig als Söhne und Töchter wohlhabender -Eltern. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2015. Demnach sind 5 Prozent aller Sechsjährigen adipös, bei gleichaltrigen armen Kindern liegt diese Quote bei 8,8 Prozent. Für die Untersuchung wurden die Daten von 4.802 Kindern ausgewertet, die in den Jahren 2010 bis 2013 in Mühlheim an der Ruhr eingeschult worden sind.

Die Ökotrophologin Larissa Kessner kritisiert jedoch, dass es bislang keine repräsentativen bundesweiten Erhebungen über Ernährung in Armut oder armutsnahen Einkommenslagen gibt. Das liege, so die Ernährungsexpertin, daran, dass an den großen Querschnittsstudien wie der Nationalen Verzehrstudie, einkommensarme Haushalte häufig nicht teilnähmen. Auch besagte Bertelsmann-Studie von 2015 hat nicht untersucht, wie viele der armen Kinder untergewichtig sind; sie nennt lediglich einen Anteil von 6,4 Prozent Untergewichtiger unter allen Kindern.

„Hunger kann richtig wehtun und beeinflusst die Gedanken wie kaum etwas anderes.“ (DKHW)

Zurückgreifen kann man aber auf Erfahrungswissen. Der Verband der Kinder- und Jugendärzte berichtete bereits 2011, dass rund 500.000 Kinder in Deutschland regelmäßig nicht ausreichend ernährt sind und immer wieder Hunger leiden. Ihr Alltag werde nicht vom Konsum von Lebens- und Genussmitteln bestimmt, sondern davon, überhaupt etwas zu essen zu bekommen. „Hunger kann richtig wehtun und beeinflusst die Gedanken wie kaum etwas anderes“, so das DKHW. Die gesundheitlichen Folgen seien gravierend: Eiweißmangel führe zur Unterentwicklung des Gehirns und behindere den Muskelaufbau. Schädigungen, die – wenn überhaupt – nur schwer behoben werden können.

Auch in der Belletristik ist der Zusammenhang zwischen Armut und Hunger bislang kaum Thema. Eine Ausnahme ist das viel beachtete Romandebüt des Politikwissenschaftlers und Journalisten Christian Baron („Ein Mann seiner Klasse“, Claassen, Berlin 2020). Barons autobiografisch angelegter Roman beschreibt eine Kindheit in einer Hilfsarbeiterfamilie in Kaiserslautern Anfang der 1990er-Jahre. Als dem Vater gekündigt wird, weil er geklaut hat, und sein Stolz es verbietet, sich Hilfe vom Amt zu holen, muss die Familie wochenlang hungern. Aus lauter Verzweiflung kratzt der achtjährige Sohn schließlich den Schimmel von den Wänden, weil im Fernsehen jemand gesagt hat, dass man Pilze essen kann. Seinen ersten Burger nach Wochen des Hungers verschlingt er, bis der Teller leer und blank geleckt ist.

Der Autor hat nie eine Kita von innen gesehen. Hätte es vor 30 Jahren in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz und eine flächendeckende Essensversorgung in der Schule gegeben, der kleine Christian hätte niemals Schimmel von der Wand kratzen müssen.