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Personalschlüssel versus Fachkraft-Kind-RelationBrutto und Netto in der Kita

Die jüngste Bertelsmann-Kitastudie meldet Qualitätsverbesserungen - und begründet dies mit einem besseren Personalschlüssel. Dieser berücksichtigt indes weder Urlaubszeiten noch Krankheitsfälle und ist in der Praxis damit kaum relevant.

07.09.2018

Die Debatte um die Qualität in Kindertageseinrichtungen ist in Studien vor allem ein Zahlenspiel. Der jüngste Bertelsmann-Ländermonitor zum Kita-Ausbau meldete einen bundesweiten Positivtrend: 2017 sei eine Fachkraft in Krippen für 4,3 und in Kindergartengruppen für 9,1 ganztagsbetreute Kinder zuständig gewesen. Am besten sieht der Personalschlüssel in Baden-Württemberg aus: 1:3,1 im Krippen- und 1:7,1 im Kindergartenbereich. Schlusslicht bei den jüngeren Kindern ist Sachsen mit 1:6,4, bei den älteren Kindern Mecklenburg-Vorpommern mit 1:13,4.

An diesen Statistiken gibt es derweil Kritik aus der Praxis. „Unser Personalschlüssel ist zwar besser geworden, und trotzdem sehen wir keine Verbesserung“, sagt Erni Schaaf-Peitz, die seit 40 Jahren die Kita Wittlich-Neuerburg in Rheinland-Pfalz leitet. Ihr Bundesland liegt nach Baden-Württemberg und Bremen auf Rang drei: Das Ländermonitoring ermittelte einen Personalschlüssel von 1:8,6 bei Kindergarten- und 1:3,5 bei jüngeren Kindern. „Diese Zahlen sind für mich nicht relevant“, betont die Pädagogin jedoch. „Für mich geht es nur um die Fachkraft-Kind-Relation.“

Bruttoarbeitszeit und Nettobetreuungszeit

Der Unterschied zwischen Personalschlüssel und Fachkraft-Kind-Relation ist für Erzieherinnen und Erzieher in der Praxis ein ganz wesentlicher: Der Personalschlüssel setzt die bezahlte Arbeitszeit einer pädagogischen Fachkraft über den Zeitraum eines Jahres und unter der Annahme einer Vollzeitbeschäftigung ins Verhältnis zu den zu betreuenden Kindern und den jeweiligen Betreuungszeiten. Dieser Wert ist also ein sehr theoretischer – „die Bruttoarbeitszeit“ nennt ihn Schaaf-Peitz. So gesehen ist die Fachkraft-Kind-Relation die Nettozeit, die der Erzieherin oder dem Erzieher tatsächlich für das einzelne Kind bleibt: Sie berücksichtigt Zeiten für Urlaub, Krankheit und Fortbildung sowie die mittelbare pädagogische Arbeit wie die Vor- und Nachbereitung von Elterngesprächen. 

Die Bertelsmann Stiftung berechnet für die mittelbare pädagogische Arbeit inklusive Ausfallzeiten einen Anteil von mindestens 25 Prozent. „Aus meiner Erfahrung ist der Anteil ein Drittel“, sagt Schaaf-Peitz. Doch selbst wenn die direkte pädagogische Arbeit nur mit 75 Prozent kalkuliert wird, ändern sich die Werte aus der aktuellen Bertelsmann-Studie deutlich: „Spitzenreiter Baden-Württemberg mit einem Personalschlüssel von 1:7,1 kommt schnell auf eine Fachkraft-Kind-Relation von 1:9,5. Schlusslicht Mecklenburg-Vorpommern kommt so von 1:13,4 auf 17,8 Kinder pro Fachkraft“, sagt GEW-Experte Björn Köhler. Damit „bewegen wir uns am Rande der Gefährdung des Kindeswohls“ – nicht aber auf dem Weg zu mehr Kita-Qualität.

„Seit 2010 habe ich keinen einzigen Tag erlebt, an dem wir vom Personal vollständig waren.“ (Erni Schaaf-Peitz)

Allen Berechnungsstandards zum Trotz gilt im Arbeitsalltag darüber hinaus: Die reale Fachkraft-Kind-Relation lässt sich oft nur schwer ermitteln, zu viele Faktoren sind zu berücksichtigen – wie sind die Öffnungszeiten, wann die Hauptbetreuungszeiten, wie viele Kinder und wie viele Erzieherinnen und Erzieher sind wann anwesend, wie sollen Fehl- und Urlaubszeiten pauschal kalkuliert werden.

Die Kita Wittlich-Neuerburg besuchen 107 Kinder zwischen null und sechs Jahren zu flexiblen Öffnungszeiten zwischen 7 und 17 Uhr – und das zu stemmen, ist für die Leiterin und ihr Team jeden Tag eine Herausforderung „Ich habe auf dem Papier einen Stellenschlüssel von 18,5 – aber die sind ja nie da“, sagt sie. „Seit 2010 habe ich keinen einzigen Tag erlebt, an dem wir personell vollständig waren.“ Es gibt unbesetzte Stellen, Langzeiterkrankungen, normale Krankheitsphasen im Winter, viel Fluktuation – und grundsätzlich Fachkräftemangel.

„Der Markt ist leer. Und woher sollen wir die Leute nehmen, es herrscht ja überall Fachkräftemangel.“ An die wissenschaftlich empfohlene Fachkraft-Kind-Relation von 1:3 in Krippen und 1:7 oder 1:8 für Kitas „kommen wir bei weitem nicht ran“. Schaaf-Peitz betont: „Dabei wissen wir aus zahlreichen Studien ganz genau, was ein Kind braucht. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsdilemma.“ 

 

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