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Braune Schatten über Jena

In mehreren Städten Deutschlands gab es in den vergangenen Jahren rege Diskussionen über die Rolle des Reformpädagogen Peter Petersen während des Faschismus. Meist endete die Debatte schnell, indem man Schulen und Straßen, für die Petersen den Namenspatron gab, umbenannt hat. Anders im thüringischen Jena.

01.03.2011

Anfangs stellten sich mehrere Wissenschaftler und der Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) quer, am Ende griff die Neonaziszene das Thema auf und bedrohte Petersen-Kritiker mit dem Tod. Nirgends wurde so hitzig debattiert wie in der 100.000-Einwohner-Stadt. Schließlich hatte Petersen hier 1927 seinen „Kleinen Jena-Plan“ vorgelegt und eine Universitätsschule geleitet. Erst nach knapp zwei Jahren zähen Streits entschied der Stadtrat in Jena, dem Petersen-Platz einen anderen Namen zu geben.

Morddrohung

Er sei ein „Agent der Judenmafia“, „Ungeziefer“ und solle „ab ins gelobte Land“; andere Kommentatoren forderten, ihn „im Wald abzuladen“ und einen „Davidstern für sein Grab zu spenden“. Was der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Benjamin Ortmeyer seit Ende Dezember 2010 auf einschlägigen Neonaziwebsites über sich zu lesen bekommt, zeigt den ganzen Hass der rechtsextremen Szene. Auch ein Foto und die E-Mail-Adresse Ortmeyers sind auf rechten Websites veröffentlicht worden. Sein Kollege, der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, wird als „Ostjude“ und „Parasit“ beschimpft. Genüsslich zitieren die Neonazis anschließend aus Petersens Veröffentlichungen von 1933: „Weil es dem Juden unmöglich wird, unsere Art innerlich mitzuerleben, so wirkt er in allem, das er angreift, für uns zersetzend, verflachend, ja vergiftend und tritt alles in den Dienst seines Machtstrebens.“ Ortmeyer erstattete Anzeige, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Rassistische Haltung

Grund für die Bedrohungen und Hasstiraden sind Ortmeyers Forschungen an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. zur NS-Vergangenheit von vier führenden deutschen Erziehungswissenschaftlern. Zu seiner Forschungsarbeit gehören auch die Veröffentlichungen von Petersen, in denen dessen antisemitische und rassistische Haltung deutlich wird. Zudem wurde bekannt, dass Petersen unter anderem während einer von der Waffen-SS initiierten Kampagne zur „Germanisierung“ norwegischer Studenten, die die Nazis in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppten, im KZ Vorträge gehalten hat.

Nachdem Ortmeyer im Sommer 2009 seine 640 Seiten starke Untersuchung „Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“ veröffentlicht hatte (s. E &W 11/2010), begann auch in Jena die Diskussion um den zentralen Peter-Petersen-Platz, der von 1933 bis 1945 Adolf-Hitler-Platz und bis 1991 Karl-Marx-Platz hieß.

„Anfangs war es eine sehr positive Diskussion“, sagt Ortmeyer. „Aber dann hat sich eine Gruppe von Wissenschaftlern in den Konflikt eingeschaltet, die eine absurde Auffassung vertritt.“ Die Jenaer Uni-Professoren hätten versucht, das „gute“ Wirken Petersens gegen das „schlechte“ in der NS-Zeit aufzuwiegen. Für Ortmeyer eine unmögliche Vorgehensweise. „Wenn eine bestimmte Grenze überschritten wird, geht das einfach nicht mehr.“ Mit Petersens SS-Vortrag im KZ Buchenwald sei dieser Punkt erreicht worden. Unterstützung bekam der Wissenschaftler von GEW-Studis aus Jena (s. Leserforum). „Uns ist wichtig zu zeigen, dass es nicht angeht, mit dem Jenaplan, der zweifellos gute Aspekte enthält, Petersens Vergangenheit zuzudecken“, begründete Mike Niederstraßer, der auch Mitglied der Linksfraktion im Stadtrat ist, das Engagement.

Zur gleichen Zeit begann die lokale Neonaziszene, den Streit um Petersen für ihre Zwecke zu missbrauchen. Mitte Dezember 2010 entschied sich der Kulturausschuss dagegen, den Peter-Petersen-Platz umzubenennen. Viele hielten den Fall damit für erledigt. Doch vier Wochen später bot Oberbürgermeister Schröter überraschend an, den Namen des Platzes zu ändern. Am 16. Februar stimmte eine große Mehrheit im Stadtrat seinem Vorschlag zu. Der Kulturausschuss soll jetzt einen neuen Namen beschließen.

„Mir wäre es trotzdem lieber gewesen, den alten zu behalten und eine kritische Erklärung zu Petersen unter das Schild zu setzen“, sagt Schröter. „Wenn der Name einfach verschwindet, wird auch über das Thema nicht mehr diskutiert“, befürchtet er. Eine kritische Informationstafel zu Petersen soll es dennoch geben. „Natürlich freue ich mich darüber, dass der Platz umbenannt wird“, sagt Ortmeyer. Trotzdem bleibe bei ihm der Eindruck, dass es sich mehr um eine taktische Entscheidung handele, damit das Ansehen der Stadt nicht weiter Schaden nehme.

Johannes Radke,
freier Journalist und Rechtsextremismusexperte
in E&W 03/2011

Kommentar des GEW-Vorsitzenden Ulrich Thöne

Morddrohung unerträglich – Nazis vor Gericht stellen

Seit Dezember 2010 verbreitet die von Nazis betriebene Homepage Altermedia eine systematische Hetze gegen den Frankfurter Erziehungswissenschaftler, GEW-Mitglied Prof. Benjamin Ortmeyer.

Die schon länger im Visier der Staatsanwaltschaft Rostock stehende Homepage bezeichnet den Autor der Studie „Mythos und Pathos statt Logos und Ethos“, in der es auch um antisemitische und rassistische Publikationen des Reformpädagogen Peter Petersen in der NS-Zeit geht (s. E&W 11/2010), als „Ungeziefer“. Weiter heißt es: „Es besteht keine Gefahr für Sie, ermordet zu werden. Schweine werden geschlachtet.“

Auch der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Prof. Micha Brumlik wird auf Altermedia diffamiert. Anlass für diese Äußerungen ist der Streit um die Umbenennung des Petersen-Platzes in Jena (s. Beitrag oben).

Es ist unerträglich, dass Nazis auch heute noch unbehelligt über eine lange Zeit Aufrufe zu Mord und antisemitischer Hetze betreiben können. Die GEW erklärt sich nicht nur angesichts der Nazi-Drohung solidarisch mit Benjamin Ortmeyer und Micha Brumlik. Sie fordert, dass die für die Homepage Altermedia Verantwortlichen endlich vor Gericht gestellt werden.

Ulrich Thöne,
Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

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