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Brasilien: Kongress der CNTE

Die brasilianische CNTE ist die größte Lehrergewerkschaft in Südamerika. Mehr als zweitausend Delegierte nahmen an ihrem Kongress vom 16. – 19. Januar 2014 in Brasilia teil. Für die GEW war Barbara Geier als Gast dabei.

21.01.2014 - Barbara Geier

Foto: CNTE

Im heißen Sommerferienmonat Januar trafen sich über 2000 Delegierte der Konföderation der brasilianischen Lehrergewerkschaften CNTE zu ihrer im Dreijahresturnus stattfindenden Konferenz in der Landeshauptstadt Brasília. Die Delegationen aus den 27 Bundesstaaten unterschieden sich nicht nur durch ihre geographische Entfernung von der venezuelanischen bis zur argentinischen Grenze, sondern auch lautstark durch ihre Zugehörigkeit zu den politischen Lagern, die von den Anhängern der regierenden Arbeiterpartei PT bis zu den Trotzkisten reichten. Letztere forderten gleich bei der Eröffnungsveranstaltung des Kongresses die Delegierten auf, sich nicht als Regierungstreue 'governistas' , sondern als kampfbereite Gewerkschafter, als 'combatistas' aufzustellen.

Grundgehalt für Lehrkräfte
In den in den Folgetagen sachbezogenen Diskussionen und Abstimmungen ging es jedoch um aktuell politische Forderungen im Bildungsbereich. Das Grundgehalt 'piso salarial' für Lehrerinnen und Lehrer, das mittlerweile nationales, d.h. für alle Bundesstaaten bindendes Gesetz ist, ist noch längst nicht überall eingeführt. Nach diesem Grundgehalt, dem der Erzieherinnen, werden alle weiteren Gehaltsstufen von den Grundschullehrerinnen bis staatlichen Universitätsdozenten berechnet. Hier gibt es jedoch landesweit erhebliche Unterschiede, da diese nicht der nationalen, sondern der jeweils städtischen oder bundesstaatlichen Gesetzgebung unterliegen. Das Grundgehalt liegt derzeit bei umgerechnet ca. 500€ und dies bei Lebenshaltungskosten, die in vielen Bereichen durchaus mit deutschen vergleichbar sind. Sollte das Grundgehalt bis Mitte März nicht in ganz Brasilien eingeführt sein, wird die CNTE zu einem landesweiten dreitägigen Streik aufrufen.

Mehr Geld für Lehrerausbildung
Um das große Defizit in der Qualität der Lehreraus- und Weiterbildung zu finanzieren fordert die CNTE zehn Prozent von den Gewinnen aus der Ölförderung in diesen Bereich zu investieren. Hier wird mit den erhofften Gewinnen aus der vor allem von internationalen Umweltorganisationen sehr umstrittenen offshore Tiefseeölförderung gerechnet. Zum dreißigsten Jahrestag der Abschaffung der Militärdiktatur am 31. März plant die CNTE eine Veranstaltung in Brasília, bei der die Namen aller Lehrerinnen und Lehrer, die Opfer der Militärdiktatur waren, öffentlich gemacht werden. Zugleich werden Gewerkschafter aufgefordert dafür Sorge zu tragen, dass Schulen, deren Namensgeber Führer in der Militärdiktatur waren, umbenannt werden in Namen verfolgter Lehrerinnen oder Lehrer der Region.

Internationale Gäste aus zwanzig Ländern
Als internationaler Gast war es sehr spannend zu hören und mitzuerleben wie stark Aktuelles und Aufarbeitung von Vergangenheit im Zentrum des Kongresses standen. Das wachsende internationale Engagement der CNTE wurde zum einen durch die Teilnahme von 32 Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern aus zwanzig Ländern sowie Vertretern der Bildungsinternationalen deutlich, zum anderen unterstrichen durch ein eintägiges internationales Seminar mit großer brasilianischer Beteiligung. Hier wurden sehr wohl die nationalen Unterschiede von Guinea Bissau, Argentinien oder Frankreich offenbar, aber doch auch eine große Gemeinsamkeit: die Sorge um die Qualität der Bildung, die Qualität der Lehrerausbildung. Viel Gesprächsstoff lieferte auch der deutsche Beitrag zur Rolle der Bundeswehr in den Schulen.

Besonders hervorgehoben wurde auf dem Gewerkschaftskongress das Engagement der CNTE beim Aufbau der Gewerkschaftszentrale in Port-au-Prince, Haiti, die nach dem Erdbeben völlig zerstört worden war. Lourdes Joseph, die Vorsitzende der haitianischen Lehrergewerkschaft CNEH berichtete sehr eindringlich von der immer noch katastrophalen Situation im Lande und vor allem im Bildungsbereich.

Roberto de Leão als CNTE-Präsident bestätigt
Als am Ende des Kongresses das neue Präsidium gewählt wurde gab es keine Überraschungen. Mit einer Mehrheit von über 83% wurde die Liste des alten und neuen Präsidiums gewählt. Roberto Franklin de Leão bleibt Präsident und Fátima da Silva Referentin für Internationale Beziehungen. So wird die Zusammenarbeit der GEW mit der CNTE in Vertrautheit und Vertrauen in den nächsten Jahren weitergeführt werden. Die Teilnahme an einem Kongress in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent lebt von den vielen Begegnungen und Gesprächen. Zuhören, austauschen, erklären, einander verstehen. Das Interesse an Deutschland, der Rolle der deutschen Gewerkschaften, der Rolle der GEW in der BI, dem Alltag in deutschen Schulen ist sehr groß.

Brasilien 2014: Fußball-WM und Präsidentschaftswahlen
Von Deutschland aus schauen wir aufmerksam auf Brasilien im Jahre 2014. Die Fußballweltmeisterschaft ist Auslöser, soziale Spannungen auf die Straße zu bringen. Die Wahlen in wichtigen brasilianischen Bundesstaaten und die Präsidentschaftswahlen Ende des Jahres haben nach augenblicklichen Einschätzungen einen offenen Ausgang. Für die CNTE, aber natürlich auch für den brasilianischen Gewerkschaftsbund CUT bedeutet dies eine große Herausforderung, geht es doch um die Fortsetzung der Politik der gewerkschaftsfreundlichen PT-Regierung.

 

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