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Jahrestag des ersten Corona-Lockdowns„Bis heute gibt es keine bundesweiten Stufenpläne“

Vor einem Jahr einigten sich Bund und Länder wegen der Ausbreitung des Coronavirus auf eine umfassende Beschränkung sozialer Kontakte. Das hat Schulen, Kitas und Familien besonders getroffen. Eine Bestandsaufnahme.

16.03.2021

Ein Jahr nach dem ersten Corona-Lockdown im März 2020 gibt es für Schulen und Kitas nach wie vor keine Lösung zum Umgang mit der Pandemie. „Bis heute gibt es keine bundesweiten Stufenpläne, in welcher Situation welche Maßnahmen gelten, wann Präsenz-, Wechsel- und Fernunterricht greifen“ sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Lehrkräftemangel verschärft Situation

Zwar gebe es Schulen und Kitas, die den Lockdown durch das Engagement der Pädagoginnen und Pädagogen gemeistert hätten. Es sei jedoch nicht gelungen, bundesweit flächendeckend eine stabile digitale Infrastruktur aufzubauen, um guten Fernunterricht anbieten zu können. „Der Lehrkräftemangel – schon vor Corona ein Riesenproblem - verschärft die Situation.“

„Jetzt müssen so schnell wie möglich Förderprogramme aufgelegt werden, um insbesondere benachteiligte Schülerinnen und Schüler zu unterstützen und zu fördern.“ (Marlis Tepe)

Tepe betonte, das unstete und wenig verlässliche Agieren der Politik im ersten Corona-Jahr habe Schülerinnen und Schüler Schulzeit gekostet und sie sowohl psychisch als auch physisch stark belastet. Besonders betroffen seien Kinder und Jugendlichen aus Elternhäusern, die nicht die notwendige Unterstützung bieten könnten, in denen digitale Endgeräte fehlten und der Wohnraum knapp bemessen sei. „Jetzt müssen so schnell wie möglich Förderprogramme aufgelegt werden, um insbesondere benachteiligte Schülerinnen und Schüler zu unterstützen und zu fördern. Sonst verstärkt sich die soziale Spaltung weiter“, betonte sie.

Am 16. März 2020 waren die Kitas und Schulen wegen der Ausbreitung des Coronavirus geschlossen worden. Am 22. März einigten sich Bund und Länder unter anderem auf eine Beschränkung sozialer Kontakte. Zudem wurde ein Mindestabstand im öffentlichen Raum von mindestens 1,50 Metern eingeführt. Gastronomie und viele weitere Dienstleistungsbetriebe mussten schließen. 

Wer öffnen will, muss testen und impfen

Die GEW-Vorsitzende kritisierte weiter, aktuell halte das Test- und Impftempo von Lehrkräften sowie Erzieherinnen und Erziehern bei weitem nicht mit der Öffnungsgeschwindigkeit von Schulen und Kitas mit – trotz steigender Inzidenzwerte und hochansteckender Virusmutationen: „Das ist verantwortungslos“, sagte Tepe der „Rheinischen Post“. „Wenn Bildungseinrichtungen geöffnet sind oder geöffnet werden sollen, muss den Beschäftigten ein Impfangebot gemacht werden. Lehrende und Lernende müssen zudem regelmäßig getestet werden.“

Viele Länder setzten derweil die Gesundheit der Lehrenden, Lernenden und deren Eltern aufs Spiel, wenn sie selbst bei Inzidenzwerten jenseits der 100 nicht auf Fernunterricht umstellten. Die Folge sei, dass immer mehr Schulen und insbesondere Kitas wieder schließen müssten. „Mit Schulen und Kitas mit On-Off-Modus kann das Recht auf Bildung der Kinder und Jugendlichen nicht gewährleitet werden“, betonte Tepe.

Die Richtschnur für die Maßnahmen in der Schule sollen nach Ansicht der GEW die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sein. Dafür schlägt die GEW ein Fünf-Punkte-Programm vor:

5-Punkte-Programm zum Gesundheitsschutz an Schulen
Ab der 5. Klasse muss das gesellschaftliche Abstandsgebot von 1,5 Metern gelten. Dafür müssen Klassen geteilt und zusätzliche Räume beispielsweise in Jugendherbergen gemietet werden.
Um die Schulräume regelmäßig zu lüften, gilt das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes. Können die Vorgaben nicht umgesetzt werden, müssen sofort entsprechende Filteranlagen eingebaut werden.
Die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler muss endlich beschleunigt werden. Flächendeckend müssen eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur geschaffen und IT-Systemadministratoren eingestellt werden. Zudem müssen die Länder Sofortmaßnahmen zur digitalen Fortbildung der Lehrkräfte anbieten.
Für die Arbeitsplätze in den Schulen müssen Gefährdungsanalysen erstellt werden, um Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler besser zu schützen.
Transparenz schaffen: Kultusministerien und Kultusministerkonferenz müssen zügig ihre Planungen umsetzen, wöchentlich Statistiken auf Bundes-, Landes- und Schulebene über die Zahl der infizierten sowie der in Quarantäne geschickten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen. „Wir brauchen eine realistische Datenbasis, um vor Ort über konkrete Maßnahme zu entscheiden“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.

Auch Giffey für mehr Schnelltests

Angesichts der stark steigenden Zahlen von Corona-Neuinfizierten forderte auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) mehr Schnelltests in Kitas und Schulen. Ziel müsse es sein, den wieder angelaufenen Kita- und Schulbetrieb so weit wie möglich aufrecht zu erhalten, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

„Das geht aber nur, wenn das Testen vor dem Besuch von Kitas und Schulen ausgeweitet wird, um mehr Sicherheit für alle zu gewährleisten, Infektionsketten zu unterbrechen oder gar nicht erst entstehen zu lassen.“ 
Kinder, Jugendliche und das Personal müssten sich ein- bis zweimal pro Woche testen können. 

Für die Kitas verlangt die GEW, die individuellen Gefährdungsbeurteilungen nach Arbeitsschutzgesetz umzusetzen. Jede Kita braucht passgenaue und wirksame Hygienepläne. „Die Regelungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) für Kitas zum Infektionsschutz sind zu beachten und umzusetzen. Weiter müssten alle Kitaträger Betriebsmediziner einsetzen, diese sollten die Risikogruppen bei den Beschäftigten beraten und im Einzelfall von der Arbeit in der Kita freistellen“, sagte GEW-Chefin Marlis Tepe. Sie regte zudem an, freiwillige, kostenfreie Coronatests sowie eine Grippeschutzimpfung für die Beschäftigten anzubieten.

  • Freiwillige, kostenfreie Coronatests sowie eine Grippeschutzimpfung für die Beschäftigten
  • Passgenaue und wirksame Hygienepläne für jede Kita
  • Umsetzung der Empfehlungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) an Kitas
  • Risikogruppen von Betriebsmedizinern beraten lassen und im Einzelfall von der Arbeit an der Kita freistellen

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.