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Bildungsnotstand in Griechenland

Welche Folgen haben Krise und Sparpolitik für das Bildungswesen und die Lehrkräfte in Griechenland und wie verhält sich ihre Gewerkschaft? Antworten darauf gab Themis Kotsifakis von der griechischen Sekundarschullehrergewerkschaft OLME beim Besuch der GEW Ende November in Frankfurt.

30.11.2011 - Manfred Brinkmann

Foto: Manfred Brinkmann

Über die verheerenden Auswirkungen der Krise auf das griechische Bildungswesen berichtete der Generalsekretär der Lehrergewerkschaft OLME, Themis Kotsifakis, bei seinem jüngsten Besuch in Frankfurt. Die GEW hatte ihn vom 23. – 26. November nach Deutschland eingeladen, um aus erster Hand über die Situation in Griechenland zu informieren. Massive Einkommenskürzungen, Privatisierungen, Demokratieverlust und Einschränkung staatlicher Souveranität kennzeichnen die Situation in dem Land, das einst Wiege der europäischen Demokratie war. Viele Griechen haben in jüngster Zeit ihre Arbeit verloren. Innerhalb von nur zwei Jahren hat sich die Arbeitslosigkeit auf achtzehn Prozent verdoppelt. Besonders schlimm trifft es junge Menschen unter 24 Jahren, von denen fast jeder zweite arbeitslos ist. „Die Armut nimmt rasant zu. Wir müssen erleben, dass Kinder hungrig zur Schule kommen, weil die Familien kein Geld mehr haben, ihnen Essen zu kaufen“, berichtet Kotsifakis über die Zustände in seinem Land. Das griechische Bildungsministerium steht faktisch unter der Kontrolle der Troika von EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfond. Die verordnet dem Land eisernes Sparen. Obwohl die griechischen Bildungsausgaben mit 2,7 Prozent des BIP schon jetzt nicht einmal die Hälfte des OECD-Durchschnitts von 5,7 Prozent erreichen, soll weiter gekürzt werden. Schulen werden geschlossen oder zusammengelegt. Die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer ist seit 2010 um zehn Prozent auf 160.000 gesunken. Viele Ältere sind in den Ruhestand gedrängt worden und neue Lehrkräfte werden kaum noch eingestellt.

„Unsere Mitglieder müssen größere Klassen unterrichten und Einkommenskürzungen von bis zu vierzig Prozent verkraften“, klagt Kotisifakis und fügt hinzu: „Mit Lehrergehältern von monatlich 680 Euro für Berufsanfänger und 1.371 Euro nach 35 Dienstjahren kann auch in Griechenland niemand leben.“ Doch damit nicht genug: Das Rentenalter wird angehoben und bis zum Jahr 2013 sollen weitere 120.000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst entlassen werden. Griechenland hat elf Millionen Einwohner. Auf Deutschland übertragen würde dies mehr als eine Million Entlassungen im öffentlichen Dienst bedeuten. Gegen diese Politik setzen die griechischen Gewerkschaften sich zur Wehr. Seit Anfang des Jahres hat OLME bereits zwölf Streiks organisiert. Am 1. Dezember findet ein weiterer nationaler Streiktag in Griechenland statt. „Die arbeitenden Menschen sind für diese Schulden nicht verantwortlich. Sie sollten auch nicht dafür bezahlen“, fordert Themis Kotsifakis. Er tritt für gemeinsame und koordinierte Aktionen der Gewerkschaften in Europa ein um zu verhindern, dass die Lasten der Krise auf die abhängig Beschäftigten abgewälzt werden. „Deutsche und griechische Arbeitnehmer sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern einig sein und gemeinsam gegen neoliberale Politiken in Europa auftreten.“

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