GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Bildungsindustriegipfel in Luxemburg

Wie kann Bildung dazu beitragen, Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern? Dies war eine der Kernfragen des dritten „Global Education Industry Summit“ in Luxemburg. Private Bildungsanbieter und Gewerkschaften kamen zu unterschiedlichen Antworten.

28.09.2017 - Manfred Brinkmann

Beschäftigungsfähigkeit verbessern
„Wie kann Bildung dazu beitragen, Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern?“  Mit dieser Frage begrüßte Tibor Navracsics, EU-Kommissar für Bildung, die rund hundert internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 23 Ländern, die zum dritten Bildungsindustriegipfel nach Luxemburg angereist waren. Beschäftigungsfähigkeit ist das Schlüsselwort für die EU-Kommission, wenn es darum geht, zu begründen, warum die EU sich in Bildungsfragen einmischt. Denn  dafür sind eigentlich die Mitgliedsstaaten zuständig. Die EU-Kommission will die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen verbessern und setzt dabei auf Innovation. Für Navracsics sind Bildung und Innovation zwei Seiten einer Medaille.

Lernende Bildungsökosysteme
OECD Direktor für Bildung, Andreas Schleicher, berichtete von den Ergebnissen der jüngsten TALIS Studie, nach der drei Viertel aller Lehrkräfte ihren Arbeitsplatz als innovationsfeindlich erleben. Staatliche Bildungssysteme täten sich oft schwer mit den Anforderungen einer sich schnell verändernden Welt. Lehrkräfte benötigten mehr Freiräume und Eigenverantwortung für ihre pädagogische Praxis. Schulen müssten sich öffnen und zu lernenden Ökosystem werden. Innovative Bildungssystem würden Lehrkräfte nicht ersetzen, sondern benötigten im Gegenteil hochqualifiziertes Personal. Nach Meinung von Schleicher, der für die PISA-Studien der OECD verantwortlich ist, sei die Welt bereit, sich an Schulen zu beteiligen und sich dort einzubringen.

Wirtschaftsvertreter fordern mehr öffentlich-private Partnerschaften
Vertreter der Bildungsindustrie drängten zur Eile. Künstliche Intelligenz werde die Arbeitsplätze der Zukunft stark verändern. Die heutigen Bildungssysteme seien oft nicht gut vorbereitet auf die Herausforderungen der Zukunft. Die Politik laufe der Entwicklung hinterher. Regierungen müssten Steuerung und Verwaltung der Bildungssysteme überdenken. Standardisierung und zentral e Leitung seien Feinde von Innovation. Schulen sollten sich mehr öffnen. Die Wirtschaft sei bereit zur Zusammenarbeit und zu mehr öffentlich-privaten Partnerschaften im Bildungswesen.  Ein Manager aus dem Silicon Valley forderte dazu auf, junge Menschen zu mehr Risikobereitschaft zu motivieren. Er wisse, dass dies vielen Menschen Angst bereite. Aber es sei noch riskanter, Kinder und Jugendliche in einem Schulsystem auszubilden, das sich nicht verändert.

Innovation kann gut oder schlecht sein
Demgegenüber standen mahnende Stimmen von Regierungs- und Gewerkschaftsvertretern, die auf Gefahren zu schneller Veränderungen hinwiesen. Innovation mache auch deshalb Angst, weil man nicht weiß, was am Ende herauskommt. Es besteht die Befürchtung, dass Innovation auf Kosten von traditionellen Wissen und Erfahrungen erfolge.  Auch zukünftig müssten Kinder noch Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Innovation könne gut, aber auch schlecht sein, so ein Ministeriumsvertreter aus einem osteuropäischen Land. Nachdem man nun jahrelang den Forderungen nach Deregulierung und Dezentralisierung gefolgt wäre, sei es seiner Regierung heute kaum noch möglich, auf nationaler Ebene Veränderungen zu initiieren.

Bildung ist ein lukratives Geschäft
Fazit: Mit Unterstützung von OECD und EU-Kommission drängen private Unternehmen mit Macht in bisher staatlich regulierte Bildungssysteme und bieten sich als Partner für Innovation an. Veranstaltungen wie den Global Education Industry Summit benötigen sie dafür nicht. Denn die wirklich großen Player des internationalen Bildungsbusiness wie Apple, Microsoft, Facebook und Pearson glänzten in Luxemburg durch Abwesenheit. Estland hat sich bereit erklärt, den Global Education Industry Summit im kommenden Jahr 2018 auszurichten. Doch ob das Format eine Zukunft hat, ist mehr als fraglich. Nur fünf Bildungsminister aus Luxemburg, Rumänien, Bulgarien, Estland und Portugal waren nach Luxemburg gekommen. OECD Direktor Bildung, Andreas Schleicher, blieb nur einen Vormittag. Global sieht anders aus. ‚Education Industry Summit‘ hin oder her: Bildung ist ein lukratives Geschäft für multinationale Konzerne und die Privatisierung von öffentlicher Bildung schreitet mit großen Schritten voran, wie man in den USA, Großbritannien  und den anglophonen Ländern Afrikas derzeit beobachten kann.

Info:
Der Globale Bildungsindustriegipfel versteht sich als Plattform von Bildungsministern und Privatwirtschaft zur Diskussion von Bildungsfragen und zur Entwicklung von Innovationsstrategien. Er soll Innovationen für Lehren und Lernen vorantreiben und  will Ökosysteme der Bildung fördern,  um Qualität und Chancengerechtigkeit  in der Bildung zu verbessern. Nach Helsinki (2015) und Jerusalem (2016) fand der ‚Global Education Industry Summit‘ in diesem Jahr in Luxemburg statt.

Zurück