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Bildungsgipfel mit IT-Industrie

Erstmalig fand in der finnischen Hauptstadt Helsinki ein internationaler Bildungsgipfel mit Vertretern von Regierungen und Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie statt. Bildungsgewerkschaften durften als Gäste daran teilnehmen.

27.10.2015 - Manfred Brinkmann

Zu einem ersten ‚Global Education Industry Summit‘ hatten OECD, Europäische Kommission und finnische Regierung am 19./20. Oktober 2015 nach Helsinki eingeladen. Dem waren rund 130 Personen gefolgt: Regierungsvertreter, darunter die Bildungsministerinnen aus Dänemark, Litauen, Finnland und Neuseeland, Repräsentanten von Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie, darunter bekannte Namen wie Intel, Samsung oder Electronic Arts, aber auch kleinere Startups sowie Fachleute der OECD und international bekannter Hochschulen. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter der Bildungsinternationale konnten als Gäste daran teilnehmen.

Erster OECD-Bildungsgipfel mit Privatwirtschaft

Stefan Kapferer, stellvertretender Generalsekretär der OECD, machte gleich in seiner Begrüßung deutlich, dass es sich bei diesem ersten Bildungsgipfel mit der Privatwirtschaft um eine Veranstaltung handelt, die durchaus kontrovers gesehen wird und einigen auch Sorge bereitet. Damit spielte er auf die Bedenken der Bildungsinternationale und ihrer Mitgliedsgewerkschaften an, die seit 2011 jährlich gemeinsam mit der OECD einen Gipfel zum Lehrkräfteberuf  ( ‚International Summit on the teaching profession‘ ) als Dialogveranstaltung von Bildungsministern und Gewerkschaftsvertretern durchführen und einen weiteren OECD-Gipfel mit der Bildungsindustrie, zumal sie nur als Gäste eingeladen waren, skeptisch betrachten. Die OECD hingegen hält den Dialog mit der Bildungsindustrie für wichtig und notwendig. Es bestehe ein gemeinsames Interesse, so Kapferer, die Bildungssysteme des 21. Jahrhunderts zu verbessern.

Schüler, Computer, Lernen

Grundlage der Gespräche während der zweitägigen Veranstaltung bildete eine internationale Vergleichsstudie der OECD mit dem Titel ‚Students, Computers and Learning‘. Die Studie erfasst die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien an Schulen und durch Schüler und Lehrkräfte und untersucht deren Einfluss auf Lernerfolge. Wer einen direkten Zusammenhang zwischen dem Einsatz neuer Technologien im Unterricht und besseren Lernergebnissen der Schüler erwartet hat, wird durch die Studie enttäuscht. So lassen sich keine signifikant besseren PISA-Ergebnisse für Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften bei Schülern in Ländern feststellen, die massiv in die Ausstattung ihres Bildungswesens mit Informations- und Kommunikationstechnologien investiert haben. Auch tragen diese Technologien wenig dazu bei, benachteiligten Kindern zu helfen, ihren Leistungsabstand zu anderen Schülern zu verringern.

Lehrkräfte qualifizieren und einbeziehen


Wichtig für einen erfolgreichen Einsatz sei, die Lehrkräfte im Umgang mit neuen Technologien zu qualifizieren und sie aktiv in deren Entwicklung und Anwendung einzubeziehen. Solche Technologien könnten dazu beitragen, guten Unterricht zu verbessern, seien aber nicht in der Lage, schlechten  Unterricht auszugleichen. Zudem haben Bildungsprogramme oft keine gute Software. „Wie viele Kinder würden wohl ein Computerspiel mit einer Software kaufen,  wie man sie vielfach in den Klassenzimmern dieser Welt vorfindet“, fragte OECD –Bildungsdirekter Andreas Schleicher.

Lernen kann auch zukünftig nicht nur digital erfolgen

Dänemark gehört zu den Ländern mit der weltweit besten Ausstattung von Informations- und Kommunikationstechnologien in Klassenzimmern. Doch auch dort sieht man den Nutzen von Computern und Internet durchaus differenziert: „Wir sind wieder davon abgekommen, dass alles Lernen digital erfolgen soll und schauen jetzt genau hin, wo der Einsatz neuer Technologien im Unterricht wirklich sinnvoll ist“, berichtete die dänische Bildungsministerin Ellen Norby. Fred van Leeuwen, Generalsekretär der Bildungsinternationale, sieht in dem Einsatz neuer Technologien im Unterricht zwar durchaus Chancen zur Verbesserung der Unterrichtsqualität, glaubt aber nicht, dass Lehrkräfte dadurch ersetzt werden können. Er forderte von den Regierungen, nationale Programme für den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien im Bildungswesen zu entwickeln und die Lehrkräfte und ihre Gewerkschaften daran zu beteiligen. Unternehmen müssten die berufliche Integrität und Unabhängigkeit der Bildungseinrichtungen und Lehrkräfte anerkennen und begreifen, dass ihre Aufgabe darin besteht, guten Unterricht und Lernen zu unterstützen.

Wichtige Akteure fehlten


Der ‚Global Education Industry Summit‘ soll im nächsten Jahr in Israel fortgeführt werden. Beim ersten Gipfel in Helsinki waren vor allem Europäer anwesend und viele Staaten nur auf Arbeitsebene repräsentiert. So auch Deutschland, das durch Tobias Funk von der KMK und Kornelia Haugg vom BMBF vertreten wurde. Einzige Vertreterin eines deutschen Unternehmens war Marianne Voigt von Bettermarks aus Berlin, das interaktive Mathebücher für die Klassen 4 bis 10 anbietet. Wichtige staatliche Akteure wie die USA, Australien oder Großbritannien glänzten jedoch durch Abwesenheit und auch große multinationale private Bildungsanbieter wie Pearsons hatten es vorgezogen, dem Gipfel fernzubleiben. Ob das Format eine Zukunft hat, bleibt daher abzuwarten. Unabhängig davon finden jetzt in Deutschland die Vorbereitungen zum nächsten ‚Summit on the teaching profession‘ von OECD und Bildungsinternationale statt, der auf Einladung der KMK am 3./4. März 2016 in Berlin stattfinden wird.

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