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Bildungsgipfel am anderen Ende der Welt

BildungsministerInnen und GewerkschaftsvertreterInnen aus OECD Staaten trafen sich am 28./29. März 2014 in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington zum vierten Gipfel zum LehrerInnenberuf. Für die GEW waren Marlis Tepe und Manfred Brinkmann die lange Reise in den Südpazifik angetreten.

01.04.2014 - Manfred Brinkmann

Fotos: Manfred Brinkmann

Mehr als dreißig Stunden dauert die Anreise von Deutschland nach Neuseeland, nicht weniger lange benötigten auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Nordamerika, um zum Bildungsgipfel nach Wellington zu kommen. Dort fand auf Einladung der neuseeländischen Regierung, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Bildungsinternationale unter dem Titel „Chancengleichheit, Spitzenleistung und Inklusion in der Bildung“ zum vierten Mal ein Gipfeltreffen von BildungsministerInnen und LehrergewerkschafterInnen der 25 OECD-Staaten mit den besten PISA-Testergebnissen statt. Begonnen hatte dies vor drei Jahren in New York, wohin die Obama-Regierung gemeinsam mit OECD und Bildungsinternationale erstmalig zu einem internationalen Gipfel zum LehrerInnenberuf eingeladen hatten. Aus Deutschland nahmen in Wellington KMK-Generalsekretär Udo Michallik, der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann und sein bayrischer Kollege Jürgen Fischer sowie die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe und ihr Referent für Internationales Manfred Brinkmann teil.


Multikulturelles Neuseeland

Wie können die besten Lehrkräfte und SchulleiterInnen dazu gewonnen werden, in den Schulen zu arbeiten, wo sie am dringendsten benötigt werden? Was sind die Hebel, um Chancengleichheit in zunehmend dezentralisierten Schulsystemen zu erreichen? Wie können Lernbedingungen geschaffen werden, die die Bedürfnisse aller Kinder und Jugendlichen berücksichtigen? Dies waren die zentralen Fragen, die anhand konkreter Länderbeispiele und ergänzt durch Expertenbeiträge bei dem Bildungsgipfel diskutiert wurden.

Gastgeber Neuseeland liegt mit seinem Bildungssystem in der Spitzengruppe der PISA-Testergebnisse. Die öffentlichen Schulen in dem 4,5 Millionen EinwohnerInnen zählenden Land besitzen weitgehende Autonomie bei der Gestaltung ihrer Curricula. Die nationale Regierung gibt nur einen Rahmen vor. Sogar die SchulleiterInnen werden von zumeist aus ElternvertreterInnen bestehenden Schulräten ausgewählt. Jedes vierte Schulkind in Neuseeland gehört zur nationalen Minderheit der Maori, deren Kultur und Sprache im Schulsystem Wertschätzung erfahren. Zudem besuchen auch zahlreiche Kinder von Eltern aus pazifischen Inselstaaten neuseeländische Schulen.

In Lehrkräfteausbildung investieren

In ihrer Begrüßung betonte die neuseeländische Bildungsministerin Hekia Parata, selber eine Maori, die besondere Bedeutung der Lehrkräfte für die Bildung der Kinder: „Ein guter Lehrer macht einen Unterschied im Leben eines jeden Kindes.“ Für OECD PISA-Koordinator Andreas Schleicher sind gute Bildung und Chancengleichheit zwei Seiten einer Medaille: „Unsere Studien belegen, das die besten Bildungssysteme Qualität und Chancengleichheit miteinander vereinen. Investitionen in Chancengleichheit sind Investitionen in Leistungsfähigkeit.“

Eine besondere Rolle, darin waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bildungsgipfels einig, komme der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften zu. DozentInnen in der Lehrkräfteausbildung müssten selbst Praxiserfahrungen im Unterrichten vorweisen können. Lehrerinnen und Lehrer sollten dazu befähigt werden, den besonderen Bedürfnissen von Kindern ethnischer Minderheiten und solchen aus sozial schwachen Familien gerecht zu werden.

Der Stadtstaat Singapur geht hier mit gutem Beispiel voran. Durch Investitionen in die Lehrkräfteausbildung und Anstellung zusätzlicher Lehrerinnen und Lehrer trotz sinkender Schülerzahlen ist es Singapur gelungen, die Leistungen schwächerer SchülerInnen zu verbessern und so deren Abstand zu den besten SchülerInnen zu verringern.

Gutes Lernumfeld schaffen

Der OECD-Experte der Bildungsinternationale John Bangs forderte, dass es von Vorteil für die berufliche Entwicklung von Lehrkräften sein müsse, wenn sie sich dafür entscheiden, in Schulen in Problembezirken zu arbeiten. Wichtig seien attraktive Beschäftigungsbedingungen und Karrierewege für Lehrkräfte sowie eine Unterstützung durch Staat und Gesellschaft: „Auch der beste Lehrer kann nicht erfolgreich unterrichten, wenn die Lern- und Arbeitsbedingungen in der Schule nicht stimmen.“ Es komme darauf an, ein Klima für ein gutes Lernumfeld schaffen.

Auf großes Interesse stieß das positive Abschneiden Deutschland bei den jüngsten PISA-Ergebnissen. KMK-Generalsekretär Udo Michallik wies darauf hin, dass dieser Erfolg in erster Linie auf die besseren Ergebnisse leistungsschwächerer Schülerinnen und Schüler aus unteren sozialen Schichten zurückzuführen sei. Gelungen sei dies durch gezielte Förderstrategien sowie den Ausbau von Ganztagsangeboten an Schulen.

Deutsches Schulsystem behindert Chancengleichheit

Für die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe sind die Gründe der deutschen PISA-Erfolge nicht so eindeutig erkennbar, zumal jedes Bundesland seine eigene Bildungspolitik betreibe. Unter den Lehrkräfte gäbe es dazu zwei Sichtweisen: „Die einen sagen, wir wissen nun, wie wir die Schüler besser auf die PISA-Tests vorbereiten, um gute Ergebnisse zu erzielen. Andere sind der Meinung, dass die Lehrkräfte in Deutschland nach dem ersten PISA-Schock ihren Unterricht umgestellt haben und nun stärker darauf achten, wie man Kompetenzen vermittelt.“ Ohne Zweifel habe aber der Ausbau von Angeboten zur frühkindlichen Bildung sowie eine fortgesetzte Sprachförderung zu den Verbesserungen beigetragen. Dennoch sei das selektiv gegliederte Schulsystem weiterhin ein erhebliches Hindernis bei der Verwirklichung von Chancengleichheit in Deutschland.

Nicht alle Regierungen zum Dialog bereit

Viel wurde beim Bildungsgipfel über Zusammenarbeit gesprochen, doch nur wenig über die notwendigen Ressourcen, um gute Bildung zu ermöglichen. Während in einigen Ländern Dialoge und Kooperationen zwischen Regierungen und Lehrergewerkschaften existieren, sind die Beziehungen in anderen Ländern durch einseitiges Regierungshandeln und Konflikte geprägt. Dies gilt etwa für Kanada, die Niederlande und Dänemark, aber auch für Gastgeber Neuseeland. Einzelne Regierungen stellen sogar in Abrede, dass Lehrergewerkschaften für die Beschäftigten im Bildungswesen sprechen dürfen und würden lieber einzelne Lehrkräfte ohne Gewerkschaftsvertreter zu den Gipfeln einladen.

Nationale Ziele vereinbart

Zum Abschluss des Bildungsgipfels waren die nationalen Delegationen aufgefordert, sich auf drei gemeinsame Ziele zu verständigen, für deren Verwirklichung sie sich nach ihrer Rückkehr in ihre Länder einsetzen sollen. Die deutsche Delegation einigte sich einvernehmlich auf folgende Ziele:
• Jedem Kind die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen, damit es in die Lage versetzt wird, das bestmögliche Bildungsniveau zu erreichen
• Wissenschaftlich fundierte Lehrkräftebildung um individuelle Unterstützung für jedes Kind zu erreichen – Lehrkräfte mit Wissen, Fähigkeiten und Zeit ausstatten
• Verbesserung von Schulentwicklung durch bessere Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Lehrergewerkschaften

Fortsetzung in Kanada und in Deutschland

Für den Vorsitzenden der dänischen Lehrergewerkschaft Anders Bondo Christensen, dessen Mitglieder im letzten Jahr vier Wochen lang von den öffentlichen Arbeitgebern ausgesperrt waren, um längere Arbeitszeiten für Lehrkräfte durchzusetzen, gibt es aktuell jedoch nur ein Ziel: Die Wiederherstellungen des sozialen Dialogs zwischen Regierung und Gewerkschaft in Dänemark. Der Generalsekretär der Bildungsinternationale Fred van Leeuwen betrachtet den internationalen sozialen Dialog beim Bildungsgipfel an sich schon als Erfolg: „Regierungen und Gewerkschaften diskutieren gemeinsam auf Augenhöhe. Es gibt nichts Vergleichbares zu dem, was wir hier machen.“ Im nächsten Jahr soll der Gipfel in Kanada fortgesetzt werden und für 2016 hat die deutsche Kultusministerkonferenz beschlossen, den Gipfel zum LehrerInnenberuf nach Berlin einzuladen.

 

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