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Bildungschancen“Die Milieus werden immer homogener“

Kinder aus armen Elternhäusern haben nach wie vor schlechtere Bildungschancen als Kinder aus Akademikerhaushalten und finanziell besser gestellten Familien. Das Schulsystem verfestigt diese Spaltung. Ein Gespräch mit dem Journalisten Christian Baron.

30.11.2020 - Christoph Ruf, freier Journalist

Ein Gespräch mit Christian Baron, Redakteur bei der linken Wochenzeitung „Der Freitag“. Anfang 2020 erschien sein autobiographischer Roman „Ein Mann seiner Klasse“, in dem Baron seine Kindheit in armen Verhältnissen und das Leben mit seinem gewalttätigen Vater thematisiert. Es wurde mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis als bestes deutschsprachiges Romandebüt des Jahres ausgezeichnet.

E&W: Herr Baron, hatten Sie als junger Mensch mal den Wunsch, Lehrer zu werden?

Christian Baron: Nein, das kam für mich keine Sekunde in Frage. Ich hatte schon recht früh das sichere Gefühl, dass dieser Job mich überfordern würde. Das liegt auch daran, dass ich in meiner eigenen Schullaufbahn sehr starke Lehrer- und Lehrerinnenpersönlichkeiten kennenlernen durfte, zu denen ich aufgeblickt habe. Mir war klar, dass ich mit Mitte 30 kaputt wäre, wenn ich den Job so machen würde wie sie.

E&W: Wie haben Sie diese Lehrkräfte erlebt?

Baron: Einer hatte in der Oberstufe einen veritablen Burnout, der sechs Monate dauerte. Das war ein Mann, der seine Ermessensspielräume ausgenutzt hat, der mit aller Kraft versucht hat, Kindern, die es nicht so leicht hatten, eine gute Zukunft zu ermöglichen. Welchen Preis dieser Kampf gegen Windmühlen haben kann, ist vielen nicht im Geringsten bewusst.

E&W: Womit hat sich Ihr Lehrer denn so aufgerieben?

Baron: Wenn es darum geht, wer denn nun in die elfte Klasse darf, gibt es formal klare Regeln. Aber welche Noten jemand kriegt, ob das Pendel Richtung 4 oder 5 ausschlägt, hängt dann von der jeweiligen Lehrkraft ab. Der Lehrer hat damals zum Beispiel bei einem Mitschüler alles dafür getan, dass der in einem Fach auf eine vier kommt.

E&W: Aber das System war stärker?

Baron: Es war nichts zu machen, weil die Kollegen und Kolleginnen knallhart formalistisch waren. Das mehrmals hintereinander in einer Schulform – ich war auf einer Gesamtschule – zu erleben, die man ja mal bewusst gewählt hat, weil sie einen anderen pädagogischen Ansatz hat, muss sehr frustrierend sein.

E&W: Kann das System Schule helfen oder können das nur einzelne Lehrer?

Baron: Es gibt immer wieder Lehrerinnen und Lehrer, die ihren Ermessensspielraum ausreizen, manchmal bis an die Grenze des Legalen. Die muss es auch geben, weil es sonst keine Fälle wie mich gäbe. Das Schulsystem ist darauf ausgerichtet, dass Menschen wie ich nicht Abitur machen können.

E&W: Ein harter Satz.

Baron: Ich habe gerade den Roman „Fehlstart“ von Marion Messina gelesen. Darin vergleicht sie unser Bildungssystem damit, dass Hase und Schildkröte an der gleichen Startlinie stehen und einen 100-Meter-Lauf machen sollen. Ein ungleiches Rennen, weil die finanzielle und intellektuelle Ausstattung der Elternhäuser maßgeblich darüber entscheidet, wie weit ein Kind in der Schule kommt.

E&W: Ihre früh verstorbene Mutter hatte einen Lehrer, der eines ihrer Gedichte laut der Klasse vorlas und in schallendes Gelächter ausbrach.

Baron: Ich habe mich schon oft gefragt, wie viele Lehrerinnen und Lehrer wohl wirklich wissen, wie viel Macht sie haben. Dieser Deutschlehrer war ein alter Nazi, der wegen einer Disziplinarmaßnahme das Gymnasium verlassen musste. Auf die Gesamtschule gingen für ihn die Kinder, die nicht wissen, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist. Meine Mutter wurde ausgelacht, weil sie den Mut hatte, ihre Gefühle in Verse zu fassen.

E&W: War Ihr Bruder, der im Gegensatz zu Ihnen nicht in die Oberstufe ging, ein „Kind seiner Klasse“?

Baron: Er hatte zumindest in der neunten Klasse Noten, die ihm erlaubt hätten, in die zehnte zu gehen. Es gab aber einen Lehrer, der ihm geraten hat, das nicht zu tun.

E&W: Wieso das denn?

Baron: Weil die Noten dann ja eh schlechter würden, und er schlechtere Chancen auf einen Ausbildungsplatz hätte. Wären wir in einem Akademikerhaushalt aufgewachsen, hätten unsere Eltern ihm die verdiente Standpauke gehalten. Bei uns hieß es stattdessen: „Der wird schon Recht haben.“ Genau das ist die Tendenz, die auch ich als Kind früh verinnerlicht habe: Bloß nicht auffallen, gerade, wenn man in Armut aufwächst, will man das ja nicht. Dann zieht man sich zurück und wirkt verkrampfter als andere.

E&W: Finden Sie den offiziellen Diskurs so elitär? Die Politik überschlägt sich doch derzeit mit Lobliedern auf Krankenschwestern, Krankenpfleger, Erzieherinnen und Erzieher.


Baron: Stimmt, es heißt dann: „Diese Gesellschaft braucht auch Leute, die die Straße putzen.“ Fragt sich nur, warum die dann so wenig verdienen, oder warum die gleichen Politiker, die den Straßenkehrer hochleben lassen, mit aller Macht verhindern würden, dass ihre Kinder diese Arbeit machen.

E&W: „Mit jedem Schuljahr mehr geriet ich zu Hause stärker ins Abseits“, schreiben Sie. Noch heute unterstellt Ihnen ein Teil Ihrer Familie, Sie hielten sich für etwas Besseres.

Baron: Das ist ja auch nicht verwunderlich. Es gibt eine gut orchestrierte Beschämung von Armut. Man schreibt den Menschen die Schuld selbst zu, indem man behauptet, sie hätten sich nicht genügend angestrengt. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist weit ins linke Milieu verinnerlicht. Ich höre oft, es gäbe doch Leihbüchereien und jeder habe das Recht zu wählen.

E&W: Was ist daran falsch?

Baron: Es blendet aus, dass Bildung nicht nur das ist, was man in der Schule lernt. Wer spielerisch mit Büchern und Kultur in Kontakt kommt, für den ist ein Buch keine Anstrengung. Die anderen müssen sich das Lesen aneignen wie eine Fremdsprache.

E&W: Ihr Vater, „ein Mann seiner Klasse“, hat die herrschenden Verhältnisse nicht kritisiert, hatte aber Ressentiments gegen Ausländer.

Baron: Wenn ich unter meinen linken Freunden bin, sage ich: Mein Vater hatte Klassenbewusstsein und Proletarierstolz, aber nicht so, wie wir uns das vorstellen, dass er den Kapitalismus überwinden wollte. Stattdessen fügte er sich in die Konkurrenz-Logik ein und schaute, wer angeblich auf seine Kosten lebt. Er hat nach unten getreten, dabei sind es natürlich ganz andere Leute, die auf seine Kosten leben, garantiert nicht die „Ausländer“, die angeblich nicht arbeiten wollen. Mein Vater war politisch apathisch, er hat nicht rechtsradikal gewählt, sondern ging gar nicht wählen. Mein Vater hatte das Gefühl, dass in der Politik niemand seine Sprache spricht. Das liegt auch daran, dass es dort kaum noch aktive Gewerkschafter oder Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen gibt. Das Versprechen der repräsentativen Demokratie bleibt da hohl.

E&W: Und das linke Milieu …

Baron: … das ebenfalls stark akademisiert ist …

E&W: … debattiert lieber über politisch korrekte Sprache als über ein gerechtes Leben.

Baron: Ohne das eine gegen das andere ausspielen zu wollen, weil ich beides für wichtige Anliegen halte – da wo ich herkomme, interessieren Gendersternchen niemanden. Ich bin davon überzeugt, dass auch dem transsexuellen Lohnarbeiter, der Opfer von Diskriminierung ist, ein höherer Lohn wichtiger ist. Das ist übrigens auch ein Defizit in den Medien. Meine Tante sagt: „Die sollen doch mal schreiben, wie es ist, als Putzhilfe in Kurzarbeit zu sein und nicht zu wissen, wie man die Miete zahlen soll.“

E&W: Kennt Ihre Tante denn außer Ihnen noch andere Journalisten?

Baron: Natürlich nicht. Die Milieus werden immer homogener. Es gibt in Berlin Gymnasien, die Brennpunktschulen sind, weil die Segregation von den Eltern aktiv vorgenommen wird, die ihre Kinder in andere Stadtteile zur Schule fahren. So müssen Migrantenkinder unter sich die Probleme aushandeln, die sie immer schon hatten. Auch im Prenzlauer Berg, wo auch die Kinder aus Tempelhof hingehen, ist man unter sich. Es wird darum gehen, den nächsten Generationen die Erfahrung von Empathie zu ermöglichen. Das hat eine ähnliche Dringlichkeit wie die Klimapolitik, weil sich hier entscheidet, auf welche Gesellschaft wir zusteuern.