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Bildungsausgaben: verschleiern statt erhöhen

Die deutschen Bildungsausgaben gelten im internationalen Vergleich als unterdurchschnittlich. Die Antwort der Bundesrepublik auf die national wie international vorgetragene Kritik war die Einberufung von Bildungsgipfeln. Doch wie tragfähig ist das Fundament der ausgerufenen „Bildungsrepublik Deutschland“? Im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung analysiert Dr. Cornelia Heintze in einer aktuellen Studie die „Aussagekraft und Steuerungsrelevanz alternativer Indikatoren der Bildungsstatistik“. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Anspruch und Wirklichkeit im deutschen Bildungssystem nach wie vor weit auseinander klaffen.

05.04.2012

Als „europäischer Musterschüler“ sollen in Deutschland einerseits Spitzenleistungen in Wissenschaft und Forschung erbracht werden, andererseits bleiben die Ausgaben für Bildung unverändert hinter den angekündigten Steigerungen zurück. An die Stelle realer Erhöhungen setzen die politisch Verantwortlichen Begriffsdefinitionen, die dazu dienen, die Realitäten zu verschleiern, lautet das Fazit der Studie.

Dr. Cornelia Heintze analysiert ein System von Bildungsfinanzindikatoren, bei dem die öffentlichen Ausgaben für Bildung nach Personen und nicht nach Einrichtungen des Bildungswesens ermittelt werden. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass diese Art der Berechnung einer Pro-Kopf-Finanzierung statt einer Institutionenfinanzierung die dahinter steckende soziale Ungleichheit verschleiere. Die Darstellung der Pro-Kopf-Ausgaben bediene zudem das Interesse an einer weiteren Privatisierung von Bildungsausgaben.

Auch die Höhe der Bildungsausgaben für sich genommen sei nicht aussagekräftig. Es gelte genauer zu differenzieren: In „Bildungsstaaten“ (z.B. Dänemark, Island) werde in alle Bildungsbereiche und deren Institutionen investiert. Dies garantiere eine größere Chancengleichheit. Dagegen läge in „Bildungsmarktstaaten“ (Chile, Korea, USA) die institutionelle Förderung vor allem in der Primar- und Sekundarbildung. Ansonsten sei Bildung in diesen Staaten stark kommerzialisiert. Öffentliche Investitionen würden häufig genutzt, um Nachteile für ein einzelnes Individuum bei einem eventuellen Marktversagen zu kompensieren.

Von Seiten der Politik und Wirtschaft werde behauptet, das deutsche Bildungssystem sei nicht unterfinanziert, sondern „untererfasst“. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie widerlegen diese Annahme: Es besteht eine tatsächliche Unterfinanzierung als Folge zu geringer öffentlicher Bildungsausgaben.

Ebenso verhalte es sich mit der These einer „demografische Rendite“, welche das Problem der Unterfinanzierung abschwächen solle. Die Möglichkeit, vorhandene Ressourcen bei sinkenden Schülerzahlen umzuschichten, werde überschätzt. Der Bedarf an zukünftigen Investitionen in das Bildungssystem dagegen unterschätzt.

Wer hinter die Zahlen und Indikatoren blicken möchte und fundierte Argumentationshilfen für die notwendige und tatsächliche Erhöhung der Bildungsausgaben sucht, dem sei die Lektüre dieser Untersuchung empfohlen.

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