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G7-GipfelBildung von Mädchen in Krisen- und Konfliktgebieten

Was folgt aus dem G7-Gipfel für die Bildung von Mädchen in Krisen- und Konfliktgebieten? Dazu hatten Claudia Roth und Ottmar von Holtz für die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen am 27. Juni 2018 zu einem Fachgespräch nach Berlin eingeladen.

04.07.2018 - Barbara Geier

Mädchen- und Frauenbildung als übergreifender Politikschwerpunkt
Dass das Fachgespräch zeitgleich in Hörweite zur Fanmeile des Fußballspiels Deutschland gegen Mexiko stattfand, tat der Intensität und Qualität der Veranstaltung keinen Abbruch. Jennifer May, Gesandte der kanadischen Botschaft, erläuterte nicht nur die G7 Erklärung von Charlevoix zur Bildung von Mädchen, Jugendlichen und Frauen in Entwicklungsländern, sondern auch die Vorgabe der kanadischen Regierung, Bildung von Mädchen und Frauen als übergreifendes Thema bei allen wichtigen Themen wie Zukunft der Arbeit, Klimawandel oder Sicherheitsproblematik zu berücksichtigen.

Internationaler Rat zur Geschlechtergleichstellung
Der von der kanadischen G7 Präsidentschaft hierzu ins Leben gerufene Gender Equality Council besteht aus 25 Personen, neben Mitgliedern aus den G7-Staaten auch Wissenschaftler*innen, Vertreter*innen von NGOs, der Zivilgesellschaft und der kanadischen Botschafterin in Paris. Als nächster Vorsitzender und Gastgeber des G7-Gipfels hat Frankreichs Präsident Macron zugesagt, diesen Schwerpunkt fortzusetzen und weiter voranzutreiben. Ob ein anderes G7-Land dem Beispiel Kanadas folgt, bis 2020 sein Entwicklungshilfeprogramm so umzugestalten, dass 25 Prozent des Etats in Projekte zur Gleichstellung von Mädchen und Frauen fließen, ist jedoch offen.

Weltweit dreißig Millionen Kinder und Jugendliche auf der Flucht
Was besagt die Erklärung von Charlevoix? Angesichts von über dreißig Millionen geflüchteten Kindern und Jugendlichen - weltweit etwa die Hälfte der Menschen, die in ihrem Heimatland oder außerhalb ihres Landes auf der Flucht sind - ist der Zugang zu Bildung für Viele nicht nur erschwert, sondern unmöglich. Besonders betroffen sind Mädchen. Ihr Risiko, nicht zur Schule zu gehen, ist zweieinhalb Mal größer als das von Jungen. Die Unterzeichner der Charlevoix-Erklärung verpflichten sich,

  • die Lücke im Zugang zu Bildung in Krisen- und Konfliktgebieten zu schließen und die Lernbedingungen zu verbessern
  • die Koordination zwischen humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zu verbessern
  • Frauen auf Zukunftsberufe vorzubereiten
  • die Erhebung von Geschlechts- und Alters- bezogenen Daten zu fördern, besonders im Hinblick auf die Agenda 2030 (SDG)-Ziele 4,5 und 8.
  • Betroffene Länder zu unterstützen, um Bildung für alle zu gewährleisten. Das bedeutet, Schule als sicheren und gut zugänglichen Lernort zu schaffen, der emotionalen und physischen Schutz inmitten eines chaotischen Umfelds bietet
  • Innovative Bildungswege zu unterstützen
  • Den Zugang zu mindestens zwölf Jahren sicherer und guter Bildung zu garantieren und Mädchen die gleichen Möglichkeiten wie Jungen zu geben, die Sekundarstufe zu beenden
  • Hindernisse zu beseitigen, die der Geschlechtergleichberechtigung und guter Primar- und Sekundarschulbildung im Wege stehen

Sexualisierte Gewalt
Wie stark Mädchen und Frauen aufgrund ihres Geschlechts Risiken, Gefahren, Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt sind, wurde in allen Beiträgen deutlich. Übergriffe, Vergewaltigung auf dem Schulweg und in der Schule, Behinderung, mangelnde Hygiene, fehlende Aufklärung, Teenagerschwangerschaften, Zwangsheirat, Menstruation als Stigma, das zum Fernbleiben vom Unterricht oder gar zum Schulabbruch führt, sind einige der Gründe, die Mädchen den Schulbesuch erschweren. In bewaffneten Konflikten sind Mädchen und Frauen besonders schutzlos sexueller Gewalt ausgesetzt. Jeanette Boehme von Medica Mondiale und Katrin Erlingsen von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung gaben hierzu beeindruckende Beispiele sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt aus ihrer Arbeit mit traumatisierten Mädchen und Frauen. Sie leisten hier viel Aufklärungs- und Lobbyarbeit vor Ort sowie bei nationalen Regierungsstellen und internationalen Gremien. In der Charlevoix -Erklärung fehlt allerdings das Recht auf Aufklärung von sexueller und reproduktiver Gesundheit. Hier wird nur allgemein von Gesundheitserziehung gesprochen.  

Aufklärung und Zugang zu Verhütungsmitteln
Um die Agenda 2030 der Vereinten Nationen zum Erfolg zu bringen, müssen sowohl der Multilateralismus gestärkt werden, aber auch bilaterale Projekte wie der Zugang zu Verhütungsmitteln, wie ihn die deutsche halbstaatliche GIZ in Ostafrika unterstützt, weiter gefördert und ausgebaut werden. Auch in Deutschland bedarf es in den Aufnahmelagern für Geflüchtete  Mindeststandards zum Schutz von Mädchen und Frauen ebenso wie freien Zugang zu Aufklärung, Verhütungs-und Hygieneartikeln. Sonja Birnbaum von PLAN Deutschland unterstrich die Wichtigkeit der Schule als wirklichen Schutzraum und verwies auf eine Studie von PLAN aus Ostafrika, in der 26% der befragten Mädchen aufgrund ihrer ausweglosen Situation schon Selbstmordgedanken hatten.

Zu wenig Geld für Bildung
Sandra Dvorack von Oxfam Deutschland und Sprecherin der Globalen Bildungskampagne (GBK) rückte besonders die mangelnde Bildungsfinanzierung und die vagen Zusagen einzelner Länder, besonders der Bundesrepublik in den Mittelpunkt. Weltweit klafft in der internationalen Bildungsfinanzierung eine Lücke  von jährlich 39 Mrd. US$, für Bildung in Krisen- und Konfliktgebieten fehlen 8,5 Mrd US$. Bildung macht gerade zwei Prozent der humanitären Hilfe aus. Begrüßenswert ist das Engagement Deutschlands in dem Fonds Education Cannot Wait (ECW) und in der Global Partnership for Education (GPE).

Kanada geht mit gutem Beispiel voran
Der deutsche Beitrag entspricht jedoch bei weitem nicht dem, was der Größe unseres Landes und seinem BIP angemessen wäre. Die in Kanada gemachte Ankündigung von 75 Mio. € blieben sehr vage. Beispielhaft ist hier die Zusage der kanadischen Regierung 400 Mio kanadische Dollar für Mädchenbildung bereitzustellen. Alle Teilnehmer*innen waren sich einig, wie wichtig es ist, in einem solchen Fachgespräch politische Akteure,  NGOs und unterschiedliche Gruppen der Zivilgesellschaft zusammenzubringen. Mit Nachdruck müsse gemeinsam an der Verwirklichung der Erklärung von Charlevoix und dem Durchsetzen der Ziele der Agenda 2030 gearbeitet werden.

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