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Bildung braucht Zeit: "Zeitdruck entsteht oft durch Vorgaben von außen"

Wie erleben KollegInnen Zeitnot, Zeitstress, Zeitdruck? Die "E&W" präsentiert Erfahrungen aus einer Grundschule und einer integrierten Gesamtschule in Frankfurt. Ein Tenor: Der 45-Minuten-Takt macht keinen Sinn.

08.02.2017

Johanna Weitzel (32) arbeitet seit rund acht Monaten als Lehrerin an der Grundschule Rebstock in Frankfurt am Main. Vorher war sie an der Waldgrundschule Wehrda in Marburg tätig.

"Als ich in den Beruf gestartet bin, kannte ich Zeitnot vor allem aus dem Referendariat. Da steht man ja fast immer unter Druck. Deshalb bin ich als Lehrerin an meiner ersten Schule im Prinzip gut klargekommen. Das Wichtigste ist, sich selbst eine gute Struktur zu schaffen: Was mache ich wann? Wie lange brauche ich dafür? Das klappt, weil ich selbst recht gut organisiert bin. Ich mache zum Beispiel so genannte 'To-do-Listen'. Das hilft mir bei der Planung.

Trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass die Zeit fürs Unterrichten, für Gespräche mit Kindern, Eltern sowie Kolleginnen und Kollegen nicht ausreicht. Das liegt sicher daran, dass mein Beruf so vielfältig und Vieles nicht vorherzusehen ist. Wenn man in einem Unternehmen arbeitet, schickt der Abteilungsleiter E-Mails mit konkreten Aufträgen oder Terminen für Konferenzen. Damit ist ein Großteil der Arbeit dokumentiert, und als Mitarbeiterin kann ich entscheiden, was jetzt Priorität hat und was nicht.

Ganz anders ist es im Lehrerjob, der ein Situationsberuf ist: Man erfährt etwa auf dem Weg zum Lehrerzimmer, dass eine Kollegin ausfällt, mit einem Kind etwas nicht stimmt oder ich Eltern kontaktieren muss. Diese Tür- und Angelgespräche sind wichtig. Aber die Gefahr besteht, dass man Dinge vergisst, weil permanent etwas Neues dazu kommt. Zeitdruck entsteht bei mir auch vor den Zeugnissen. Positiv könnte man zwar sagen: Gut, dass es diese Deadline gibt. Aber sich darauf vorzubereiten, kostet dennoch immer wieder viel Zeit, die mir an anderer Stelle fehlt.

Was mir sehr hilft, sind unsere Teamstrukturen. Wir haben eigene Teamräume in der Schule mit Druckern, Computern und Telefonen. Dort treffen sich die Kolleginnen und Kollegen eines Jahrgangs. So können wir uns auf kurzem Wege absprechen und Probleme bereden. Gut ist auch die flexible Zeitstruktur in der ersten Klasse, die ich sehr variabel gestalten kann. Gerade wenn die Kinder noch klein sind, ergibt ein 45-Minuten-Takt keinen Sinn.

"Wenn ich mir mehr Zeit wünschen könnte, würde ich sie auf jeden Fall dafür verwenden, Mädchen und Jungen stärker individuell zu fördern."

 

Das Leistungsspektrum in den Klassen ist doch sehr groß. Und wegen des Personalmangels an den Schulen ist es kaum möglich, wirklich allen Schülerinnen und Schülern zu jeder Zeit gerecht zu werden.

Trotz des Zeitdrucks versuche ich, die schulischen Strukturen so zu nutzen, dass möglichst viele Kinder profitieren: Indem ich wenig lehrerzentriert unterrichte, selten frontal, stattdessen mehr in Kleingruppen. Nur dann habe ich eine Chance, auch auf einzelne Mädchen und Jungen einzugehen. Eine doppelte Klassenführung wäre daher eine enorme Entlastung für alle Beteiligten."

Christiane Buß (43) unterrichtet seit 2004 Deutsch, Politik und Wirtschaft an der Integrierten Gesamtschule Carl-von-Weinberg in Frankfurt-Goldstein. Seit 2011 leitet die Lehrerin die gymnasiale Oberstufe an der Schule.

"Wir arbeiten an unserer Schule mit einem 90-Minuten-Konzept. Deshalb gerate ich während des Unterrichtens nur selten in Zeitnot. Nach 45 Minuten müssen wir nicht in den nächsten Klassenraum hetzen. Ich kann stattdessen in Ruhe Unterrichtsmethoden wechseln, etwa Einzelarbeiten variieren mit Gruppenarbeit und die Schülerinnen und Schüler anschließend ihre Ergebnisse präsentieren lassen. Dieses Zeitkonzept gibt Raum für individuelle Förderung. Früher habe ich als Lehrerin im 45-Minuten-Takt unterrichtet. Da wurde es kurz vor Schluss immer hektisch: Hausaufgaben stellen, wichtige Dinge für die nächste Stunde besprechen und so weiter. Unter diesem Druck konnte ich möglicherweise nicht mehr wertschätzen, was die Mädchen und Jungen in dieser Stunde erarbeitet hatten. Das ging dann unter.

Neben den längeren Unterrichtseinheiten helfen mir auch die Teamstrukturen an meiner Schule. Ich habe Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich gemeinsam den Unterricht vorbereiten kann. Wir tauschen uns über fachliche Inhalte aus, aber auch über Schüler-Lehrer-Beziehungen, unterstützen uns gegenseitig mit kollegialen Hospitationen. Das kostet erst einmal Zeit. Aber die ist sinnvoll investiert, weil mir dadurch an anderer Stelle wieder welche geschenkt wird. Das Gleiche gilt für unsere pädagogischen, die wir neben den Zeugniskonferenzen haben: Wir müssen zwar zunächst zusätzliche Zeit investieren, langfristig ist dies aber ein Gewinn für alle.

"Zeitdruck entsteht bei mir vor allem durch Vorgaben von außen - etwa durch das Landesabitur in Hessen."

 

Auf der einen Seite steht die Stundenzahl, die ich in einem Halbjahr zur Verfügung habe. Auf der anderen gibt es die vorgegebene Lektüreliste, die ich während dieses Zeitraums im Fach Deutsch abarbeiten muss. Je nachdem, wie lang ein Halbjahr dauert, gerate ich dabei in Zeitnöte.

Zeit wird auch häufig knapp, wenn ich Ausflüge oder Museumsbesuche zu organisieren habe. Im Prinzip sind das wichtige Erlebnisse und Ergänzungen zum Unterricht, aber oft frage ich mich: Soll ich diese Zeit dafür wirklich investieren? Fehlt sie mir dann nicht an anderer Stelle? Das Dilemma: Entweder beschneide ich damit meinen eigenen Unterricht und/oder den der Kolleginnen und Kollegen. Hektisch wird es auch, wenn eine Klausur die nächste jagt und ich im Korrektur-Marathon bin. Das läuft ja alles parallel zum Unterricht.

Der Artikel von Anja Dilk ist in voller Länge in der Februarausgabe der "E&W" abgedruckt. 

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