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Bildung auf einen Blick 2007

Deutsche Hochschulen bilden nicht genug Hochqualifizierte aus, um den Bedarf von Wirtschaft und Gesellschaft zu decken. Besonders gravierend ist der Absolventenmangel laut dem heute in Berlin vorgestellten OECD-Bericht "Bildung auf einen Blick 2007" bei Pädagogen.

18.09.2007

OECD-Schelte für Deutschlands Akademikerquoten

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat für ihren diesjährigen Bildungsbericht vor allem Hochschulabsolventen unter die Lupe genommen. Wie schon in den Vorjahren in anderen Bereichen des Bildungssystems schneidet Deutschland auch hier im internationalen Vergleich nicht gut ab.

Vor allem für das Bildungswesen hat die OECD bedenkliche Zahlen ermittelt. Auf 100 Pädagoginnen und Pädagogen in der Altersgruppe 55-64 Jahre kommen nur 60 Graduierte der Altersgruppe 25-34 Jahre, während im OECD-Schnitt die aus dem Berufsleben ausscheidenden Pädagogen voll durch junge Akademiker ersetzt werden (100 zu 100).

Schwierig ist die Situation auch bei den Ingenieuren. Hier liegt das Verhältnis bei 100 zu 90. Über alle Fächer gerechnet kommen in Deutschland auf 100 Akademiker im Alter von 55-64 Jahren heute 120 Jungakademiker (25-34 Jahre). Im OECD-Mittel liegt das Verhältnis bei 100 zu 230.

„Eine leistungsfähige tertiäre Ausbildung ist ein strategischer Faktor für wirtschaftliches Wachstum und sozialen Fortschritt. In diesem Bereich gibt die internationale Position Deutschlands einigen Anlass zur Sorge“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría sagte bei der Präsentation der Studie.

Für diejenigen, die hierzulande einen Studienabschluss in der Tasche haben, bieten sich im internationalen Vergleich allerdings gute Zukunftsperspektiven. Wegen des geringen Angebots an Akademikern und der steigenden Nachfrage nach Hochqualifizierten sind die Einkommen relativ hoch. Auch das Risiko, arbetislos zu werden, ist für Akademiker verhältnismäßig gering.

Sorge bereitet nach OECD-Angaben nach wie vor die starke Abhängigkeit der sozialen Herkunft beim Erreichen eines Bildungsabschlusses. Der Anteil von Akademikerkindern an allen Studierenden ist in Deutschland 2,2 mal so hoch wie es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. In Irland hat die akademische Bildung des Vaters laut Bildungsbericht so gut wie keinen Einfluss darauf, ob ein Kind studiert oder nicht.

Reaktionen

"Bildung auf einen Blick 2007" löste bei Politikern und Verbandsvertretern unterschiedlichste Reaktionen aus. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) attestierte bei der Vorstellung der Studie Bund und Ländern trotz der herben OECD-Kritik, "die Weichen richtig gestellt" zu haben. Schavan hob dabei vor allem die "Nationale Qualifizierungsoffensive" hervor, die im Herbst gestartet werden soll und deren Schwerpunkte auf der frühkindlichen Bildung, Integration und der Reduzierung der Schulabbrecherquote liegen. Gemeinsam mit den Ländern wähnt sich die Minsterin damit "auf einem guten Weg".

Nicht einmal die Bundesbildungsministerin ging in ihrer Reaktion auf die Studie allerdings so weit wie Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL). Kraus wetterte, die "falschen Behauptungen und Interpretationen der OECD zum deutschen Bildungswesen" würden maßlos überschätzt. Der Lehrerverbands-Chef wähnt das hiesige Bildungssystem wieder einmal zutiefst unverstanden: Die OECD-Verantwortlichen wollten einfach "nicht verstehen, dass sich die Qualität des deutschen Bildungswesens unter anderem durch eine hochdifferenzierte und anspruchsvolle berufliche Bildung auszeichnet".

Ernster nahmen Vertreter von SPD und Grünen die mahnenden Worte der OECD. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil betonte, "unsere kostbarste Ressource sind Menschen in unserem Land – wir müssen sie mit einer hervorragenden und sozial gerechten Bildungspolitik unterstützen." Heil forderte mehr Investitionen in Bildung und den Abbau finanzieller Hürden, die vor allem junge Menschen aus sozial schwachen Familien vom Studium abschreckten. Darüber hinaus sollten alle Kinder länger gemeinsam lernen, am besten "in einer gemeinsamen Schule bis zur zehnten Klasse".

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN sieht in den Resultaten der OECD-Studie eine "schallende Ohrfeige für die Bildungspolitik der großen Koalition und der Länder". Das Fachkräftetief kann laut den bildungs- und hochschulpolitischen Fraktionssprechern Priska Hinz und Kai Gehring "nur mit dem Studierendenhoch und mehr Ausbildungsplätzen" bekämpft werden. Außerdem müsse mehr in die Weiterbildung von Geringqualifizierten investiert und das frühe Aussortieren von Kindern nach der vierten Klasse abgeschafft werden.

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