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Bewertung von Lehrkräften: Griechenland als Blaupause für Deutschland?

Die griechische Gewerkschaft OLME vertritt Lehrkräfte an den Sekundarschulen des Landes. Auf einem Bildungskongress Mitte Oktober 2016 befasste sie sich mit dem Thema „Evaluation von Lehrkräften“.

11.11.2016 - Kommentar von Peter Baumann

An dem Kongress mit rund 200 griechischen Lehrkräften, der vom 14. – 16. Oktober in Vravrona, einem Ort an der Ägäisküste in der Nähe Athens stattfand, nahmen auch drei Berliner GEW-KollegInnen teil. Hintergrund der Themenwahl war – wie könnte es gegenwärtig anders sein – die ökonomische Situation Griechenlands. Die griechische Regierung hatte ein Gesetz geplant, demzufolge die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer mit dem Ziel bewertet werde sollte, ein Fünftel von ihnen aus dem Dienst zu entfernen. Die Streichung dieser Stellen wurde natürlich als „Sparen“ verkauft.

 

Lehrkräftebeurteilung nach OECD-Kriterien

Zwar wurde der Gesetzentwurf nach heftigen Protesten inzwischen zurückgezogen, doch ist das Thema damit noch nicht endgültig vom Tisch. Was war im Einzelnen geplant, und was hat das Ganze mit Deutschland zu tun? Griechenland ist bekanntermaßen unter der „Aufsicht“ der Troika aus Europäischer Kommission, IWF und EZB, die darüber wachen, ob das Land seine Sparauflagen einhält. Dazu gibt die OECD immer wieder sogenannte Memoranden heraus, die Richtlinien zur Umsetzung dieser Auflagen enthält. Eines dieser Memoranden gab Kriterien vor, nach denen der Unterricht der griechischen Lehrerinnen und Lehrer zu bewerten ist. Solche Kriterien werden als „objektiv“ und ihre Erfüllung als eindeutig messbar verkauft. Sie haben gewisse Ähnlichkeiten mit den Maßstäben bei uns, anhand derer unsere Lehrkräfte beurteilt werden.

 

Schüler sollen Lehrkräfte bewerten

Hinzu sollte aber in Griechenland kommen, dass auch die griechischen Schülerinnen und Schüler ihre Lehrerinnen und Lehrer bewerten. Die Bewertung von  Schülern hätte auf diese Weise einen deutlichen Einfluss darauf bekommen, ob eine Lehrkraft ihren Arbeitsplatz behält oder nicht. Ein solches Vorhaben ist nicht nur fragwürdig, es ist ein Skandal! Völlig übersehen wird dabei nämlich, dass Lehrkräfte nicht nur Wissen zu vermitteln haben, sondern auch Erziehende sind. Wie kann man planen, dass Kinder und Jugendliche, die sich möglicherweise gerade in einem erzieherischen Konflikt mit ihrer Lehrerin oder ihrem Lehrer befinden können, über eine Maßnahme mitentscheiden, deren Tragweite sie nicht beurteilen können? Glaubt man ernsthaft, Kinder und Jugendliche, deren Entscheidungen hauptsächlich von Gefühlen und momentanen Stimmungen abhängen, seien dazu in der Lage?

 

Lernleistung der Schüler spielt keine Rolle

Schon seit längerer Zeit kann man auch in Deutschland beobachten, dass bei der Beurteilung von Unterricht pädagogische Kriterien eine untergeordnete Rolle spielen. Stattdessen wird Unterricht danach beurteilt, ob etwas gelernt wurde oder nicht. Hier hat sich das Denken nach Vorgaben der OECD weitgehend durchgesetzt, wie man bei länderübergreifenden Tests wie PISA oder den regelmäßigen alljährlichen Vergleichsarbeiten wie VERA in Berlin leider feststellen muss. Es spielt überhaupt keine Rolle mehr, wie groß die Lernleistung bei der Schülerin oder beim Schüler – und damit die pädagogische Leistung der Lehrkraft – vorher war, wenn hinterher ein bestimmter Inhalt bekannt ist. Schon gar nicht sind OECD-Kriterien in der Lage, festzustellen, ob eine Schülerin oder ein Schüler zu demokratischem Denken erzogen worden ist oder nicht.

 

Lehrkräfte sind vor allem auch Erziehende

Genauso wenig darf eine Schule zum Beispiel nach der Durchschnittsnote ihres Abiturjahrgangs beurteilt werden. Hinter einem schlechteren Abiturdurchschnitt verbirgt sich nur allzu oft die weitaus größere pädagogische Leistung der Lehrerinnen und Lehrer. So betrachtet, sagt das in der Öffentlichkeit immer wieder bemühte Kriterium „nachgefragte Schule“ nichts über die Qualität der pädagogischen und der Erziehungsarbeit aus. Beide Länder, Griechenland und Deutschland, gehören der OECD an. In Griechenland wollte man die fragwürdigen Beurteilungskriterien für die Leistung von Lehrerinnen und Lehrern anwenden, und dort sogar mit dem Ziel, das pädagogische Personal an den Schulen zu dezimieren. In Deutschland ist es noch nicht soweit. Gleichwohl sollten wir alle in unserem beruflichen Ethos mehr in den Vordergrund rücken, dass wir zwar auch Lehrende, aber in allererster Linie Erziehende sind.

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