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Ergometer-KlasseBewegter Unterricht

In einer Bremer Oberschule bringen Fahrrad-Ergometer und ein Laufband die Schülerinnen und Schüler auch während des Unterrichts in Bewegung. Die Erfahrungen nach gut zwei Jahren Praxistest sind durchweg positiv.

17.07.2019 - Anne-Katrin Wehrmann, freie Journalistin

Die 7b der Oberschule an der Ronzelenstraße in Bremen ist keine „normale“ Klasse: Das wird beim Betreten des Klassenzimmers sofort deutlich. In einer Ecke des Raums stehen vier mit Tischen und Buchhalterungen ausgestattete Ergometer, in einer anderen ist seit Kurzem ein Laufband aufgestellt – und alle fünf Geräte sind während des Unterrichts permanent in Gebrauch. Einer von denen, die sich üblicherweise als Erste melden, wenn die Klassenleitung nach Interessierten fragt, ist Bjarne Klepsch. „Ich finde das ganz cool, weil man nicht immer auf den normalen Stühlen sitzen muss“, sagt der 13-Jährige, der gerade auf einem der Ergometer strampelnd seine Grammatik-Aufgaben durcharbeitet. „Wenn ich hibbelig bin, kann ich mich auspowern und dabei lernen. Danach bin ich wieder ruhiger und kann mich besser konzentrieren.“

Genau das hatte Projektleiter und Sportkoordinator Harald Wolf im Sinn, als er vor gut zwei Jahren die ersten Ergometer in die Schule holte. Die 7b, damals noch die 5b, war von Anfang an mit im Boot und wurde zur Pilotklasse. Inzwischen sind alle sechs Inklusionsklassen (Förderschwerpunkte „Wahrnehmung und Entwicklung“ sowie „Lernen, Sprache, Verhalten“) der Stufen 5 bis 7 mit insgesamt 20 Ergometern ausgestattet. „Wir beobachten, dass die Konzentrationsfähigkeit durch die Ergometer zunimmt, und dass es im Unterricht ruhiger ist als vorher“, berichtet der Pädagoge. Zudem seien positive Auswirkungen auf das Sozialverhalten der Jugendlichen erkennbar: „Es ist faszinierend zu sehen, wie respektvoll sie mit dem Material und miteinander umgehen.“

„Die inklusiven Schülerinnen und Schüler fühlen sich sehr wertgeschätzt, weil sie Teil des normalen Prozesses sind und wie alle anderen auch die Ergometer nutzen können.“ (Harald Wolf)

Als sportbetonte Schule hat die Bremer Oberschule in den vergangenen Jahren schon viele erfolgreiche Leistungssportler hervorgebracht, aktuell bewirbt sie sich um das Prädikat „Eliteschule des Sports“. Die Ergometer-Klassen sollen dazu beitragen, die drei Säulen Lernen, Bewegung und Sport noch stärker miteinander zu vernetzen. „Wir wollen so viel Bewegung wie möglich in den Schulalltag bringen, sodass möglichst viele daran partizipieren können“, macht Wolf deutlich. Das komme gerade auch bei den Inklusionsschülern und deren Eltern gut an. „Die inklusiven Schülerinnen und Schüler fühlen sich sehr wertgeschätzt, weil sie Teil des normalen Prozesses sind und wie alle anderen auch die Ergometer nutzen können“, hat Wolf beobachtet.

Bei seinen Kollegen musste der Projektleiter nicht lange Überzeugungsarbeit leisten. „Wir haben sofort gemerkt, dass die Jugendlichen tatsächlich auf den Ergometern lernen, und dass die Geräte ein gutes Hilfsmittel für ruhiges Arbeiten sind“, berichtet Dirk Baumgartner, Klassenlehrer der 7b. Klassenlehrerin Ursula Böning empfindet das Projekt ebenfalls als Bereicherung für den Unterricht: „Das ist immer wieder eine gute Möglichkeit, den Platz zu wechseln und Unruhe abzubauen.“

Die ursprüngliche Idee zur Ergometer-Klasse stammt aus Wien, wo der österreichische Sportwissenschaftler Martin Jorde 2007 das erste Projekt dieser Art umsetzte. In Deutschland war ein Gymnasium in Aschaffenburg 2016 die erste Schule, die Ergometer in den Klassenraum brachte. Projektleiter Wolf aus Bremen hat mittlerweile nach eigenen Angaben schon mehr als 50 Anfragen von anderen Schulen im gesamten Bundesgebiet beantwortet, mehrere davon hätten kürzlich vergleichbare Projekte auf den Weg gebracht. Auch zwei Masterarbeiten haben jüngst die positiven Effekte des bewegten Unterrichts bestätigt: So stellt Stephanie Goddard von der Universität Oldenburg in ihrer Abschlussarbeit fest, dass die Ergometer beim Abbau von Stress helfen können und das soziale Miteinander fördern. Und Sabrina Pöpping von der Universität Bremen kommt zu dem Ergebnis, dass der Einsatz der Geräte signifikante Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler habe.

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