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Besuch in New York: „Wir kämpfen den Kampf unseres Lebens“

Die New Yorker Lehrergewerkschaft UFT widersetzt sich dem Druck mächtiger Interessengruppen, die eine Deregulierung des Erziehungsbereichs erreichen wollen - mit privat gemanagten Schulen, die als Geschäft betrieben werden und gewerkschaftsfrei sind.

04.10.2010 - Cornelia Girndt

Foto: M. Brinkmann

Es ist paradox. Wenige Gewerkschaften auf der Welt haben so umfangreiche Ressourcen wie die New Yorker Lehrergewerkschaft „United Federation of Teachers" (UFT) und doch kämpfen die Giganten derzeit mit dem Rücken zur Wand. Die UFT hat in den öffentlichen Schulen New Yorks 95 Prozent der Lehrer organisiert, sie hat 206 000 Mitglieder, von denen jeder jährlich rund 900 Dollar an die Gewerkschaft zahlt – ein automatischer Pflichtbeitrag, der auf eine Vereinbarung aus den 1970er-Jahren zurückgeht. Und wovon die UFT rund 1000 Hauptamtliche im Staat New York beschäftigt.
Elli Engler ist Personalverantwortliche der UFT, sie hat am Sonntag, den 2. Oktober, ab 5 Uhr morgens vom UFT-Headquarter in Downtown Manhattan aus die Demonstration auch ihrer Gewerkschaft in Washington koordiniert. Mit 21 Bussen und einem Sonderzug sind sie hingefahren, haben gemeinsam mit 100.000 anderen für Fulltime-Jobs demonstriert und als Gewerkschaften Flagge gezeigt. „Wir sind sehr enttäuscht über Obama“, erklärt Engler den deutschen GEW-Kollegen bei einer Stadtrundfahrt durch Manhattan. Denn Obama sei ein Befürworter der privat gemanagten Charter Schools. Für deren Betreiber aber sind Gewerkschaften wie die UFT mit ihrem 190-Seiten dicken Tarifvertrag Sand im Getriebe ihrer Geschäftsinteressen. „Das Charter School Movement glaubt, dass Schüler besser ausgebildet werden, wenn dort keine gewerkschaftlich aktiven Lehrer sind“, sagt Engler.

Die privat gemanagten (und öffentlich finanzierten) Charter Schools sind gewerkschaftsfreie Zonen. Die Schulgründer stellen junge Lehrer ein, diese arbeiten mehr, sind billiger und verstehen ihren Lehrerberuf eher als Job mit ständigen Wechseln. Kulturell ist ihnen das System der UFT, mit ihren Pflichtbeiträgen und flächendeckend präsenten Gewerkschaftsvertretern, in allen öffentlichen Schulen fremd geblieben. Das macht der UFT Sorgen. Muss ihr auch. Fühlt man sich doch an die US-Autoindustrie erinnert, die in den 1990er-Jahren im Süden der USA neue, gewerkschaftsfreie Fabriken eröffnete, in denen deutlich geringere Löhne gezahlt wurden als in den alten Autostädten Detroit und Michigan im Norden.

Gerade ist der Film „Waiting for Superman“ angelaufen, ein Pro-Charter und Anti-Gewerkschaftsstreifen durch und durch. „Sie machen uns Gewerkschaften fertig in der Presse, sie schimpfen über die alten Lehrer, über Löhne nach Senioritätsprinzip und unsere Tarifverträge. Das hier wird der Kampf meines Lebens“, sagt Elli Engler. So tourt auch Randi Weingarten, die nationale Vorsitzende der „American Federation of Teachers" (AFT) – derzeit die größte US-Gewerkschaft – durch die Talkshows, und klärt darüber auf, dass Erziehung sowie das Engagement von Lehrern pädagogische Arbeit darstellt und nicht wie ein Geschäftsmodell funktioniert. Gerade kommt sie von einer Fernsehsendung, um in der Lobby des Millenium Hilton Hotels in Downtown Manhattan den GEW-Vorsitzenden Ulrich Thöne zu treffen.

Die deutschen GEW-Kollegen wohnen während ihres Besuches direkt neben der wichtigsten Baustelle der USA am Ground Zero. Sie sind Augen- und Ohrenzeugen des Wiederaufbaus, so will es ihr Gastgeber, die UFT. Von den Zimmern überblickt man die Becken, die die Türme des World Trade Centers markieren und hört Tag und Nacht das Hämmern und Schlagen von der Baustelle, auf der ein neuer Wolkenkratzer hochgezogen werden.

Besuch in der Bronx

Zusammen mit Bauarbeitern frühstücken die Besucher aus Deutschland am Montag Morgen zwei Straßen weiter im „Stage Door-Restaurant“. Anschließend fahren sie mit der Metro zum Stadtteil-Büro der UFT in der South-Bronx. Es ist einer von fünf New Yorker Stadtteilen, die auf dem Besuchsprogramm stehen. David Kazansky – in blauer Windbluse und Hose sieht er aus wie ein Angestellter der Stadtverwaltung – wartet hinter der Absperrung und umarmt einige der GEW-Kollegen besonders herzlich. Man kennt sich. David, District Representative der UFT in der Bronx, war vor einem Jahr mit dabei in Berlin, als das gegenseitige Besuchsprogramm von GEW und UFT zu „Erziehungssystemen in den Metropolen Berlin und New York“ startete. Jetzt sind er und die UFT-Kollegen die Gastgeber.
Die UFT in der Bronx hat ihren Sitz in einem großen Flachbau. In den kleinen Büros hängen noch vereinzelt Wahlplakate für Obama. Die Bronx ist eine andere Welt als Manhattan. Die UFT-Gewerkschafter haben hispanische, jüdische und afroamerikanische Wurzeln, sie lachen viel, sind ein bisschen schrill, aber ungemein herzlich. Die Bronx ist immer noch kein Stadtteil für Touristen, auch wenn einiges besser geworden ist im Vergleich zu den 1980er-Jahren, als die Gangs das Gebiet kontrollierten und sich kaum noch die Polizei hineintraute.

In der Bronx gibt es 325 öffentliche Schulen und in jeder hat die UFT einen gewählten Vertreter, der über Vorfälle berichtet, erzählt Carol Harrison, auch sie ein District Rep, beim Rundgang. Auch „Education liaison officers“, Gewerkschafter für Erziehungsfragen, hat die UFT. Die trainieren jene Lehrerinnen und Lehrer, die nicht ausreichend gut beurteilt wurden und daher ihre Lehrerlaubnis verlieren würden. „Wir haben über 4.000 Lehrer in New York, denen der Verlust ihrer Lehrerlaubnis droht“, informiert Harrison. Wenn ein fest angestellter Lehrer eine ungenügende Beurteilung bekommt, vielleicht, weil der Schulleiter ihn nicht mag, dann vertritt die UFT ihn oder sie bei den Hearings, die darauf folgen.

Es gibt auch Druck, Leistungentgelte einzuführen, berichtet David. Und, dass ein Lehrer im Bundesstaat New York zwischen 45 000 und 100 000 Dollar jährlich verdient, nach dem Senioritätsprínzip. Carol Harrison öffnet die Tür zum „Phone bank room“. Dort stehen 20 Telefone, die kürzlich heiß liefen, als die Gewerkschaft eine Kampagne für den Senatkandidaten Gustavo Rivera machte. Sie nimmt einen Hörer und macht vor, wie sie ihre Mitglieder zur Unterstützung aufrufen: „Hello Tony, I am calling from UFT, I hope we have your support for Rivera“. Und bei dieser direkten Kommunikation zum Mitglied werden oft auch Probleme und Sorgen angesprochen.

Harrison arbeitet jeden Tag 45 Minuten im Kindergarten, insgesamt einen Tag in der Woche, die anderen vier Tage ist sie für Gewerkschaftsarbeit freigestellt, bekommt aber ihren Lohn vom „Department of Education" plus rund 40 000 Dollar von der Gewerkschaft oben auf. Sie ist heute ständig am Handy, betreut 54 Schulen im Distrikt 11. Andere UFTler, wie ihr Kollege David Kazansky, sind vollständig auf der Payroll der UFT.

Im Sitzungssaal sind alle zusammengekommen zur Montagssitzung. Jeff Huart im schwarzen Anzug, ein „Special Representative" dieser funktional weit ausdifferenzierten Gewerkschaft, leitet die Sitzung über „Grievances“. Jede Beschwerde eines UFT-Mitglieds hat eine Nummer. Der für die Schule verantwortliche Gewerkschaftsvertreter trägt vor, worum es geht, das Team mit den Spitzenfunktionären entscheidet, ob der Fall von der Lehrergewerkschaft UFT vertreten wird oder nicht. Es geht um den Rauswurf einer Lehrerin aus ihrer Klasse und den Vorwurf der Inkompetenz. Oder um Mobbing durch den Schulleiter.

Auf dem Tisch liegt das UFT-Regelwerk über die Arbeits- und Lohnbedingungen, die die machtvolle Gewerkschaft mit dem „Board of Education" von New York City ausgehandelt hat. Es geht auch darum, ob einer der vereinbarten Grundsätze verletzt wurde. Auch bei der Montagssitzung der UFT-Reps in der Bronx kommen die akuten Probleme einer Pflichtmitglied-Gewerkschaft auf den Tisch. Es gibt einen Generationenkonflikt. „Die neuen, jungen Lehrer verstehen die Vorteile des Systems der flächendeckenden Gewerkschaftsvertretung und ihrer erkämpften Standards nicht“, klagt Gewerkschafter Jose Varges. Und die jungen Lehrer anerkennen die UFTler nicht mehr als Meinungsführer in Bildungs- und Erziehungsfragen, sondern nur schlicht als Gewerkschafter. Wo doch die UFT mit dem Slogan „A Union of Professionals“ wirbt.

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