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Besuch aus Großbritannien

Sechs VertreterInnen der britischen Bildungsgewerkschaft NASUWT waren auf Einladung der GEW vom 14. – 18. September 2014 in Hamburg, um sich über die berufliche Bildung im dualen System zu informieren. Zum Programm gehörte auch ein Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme.

18.09.2014 - Manfred Brinkmann

Fotos: Airbus, Manfred Brinkmann

Auf Einladung des GEW Hauptvorstands und der GEW Hamburg war Mitte September eine Delegation der NASUWT unter Leitung ihres Präsidenten Geoff Branner für vier Tage nach Hamburg gereist. Neben Gesprächen über gewerkschaftliche Themen stand das Kennenlernen des dualen Systems der beruflichen Ausbildung in Hamburger Schulen und Ausbildungsbetrieben im Mittelpunkt des Programms. NASUWT ist die größte Bildungsgewerkschaft in Großbritannien. Wie die GEW ist die NASUWT Mitglied der Bildungsinternationale, einem Dachverband von 400 Bildungsgewerkschaften mit rund 30 Millionen Mitgliedern weltweit.

Besuch bei Airbus

Auf Vermittlung der IG Metall konnten die britischen Gäste – zwei Frauen und vier Männer - den größten europäischen Flugzeugbauer Airbus besuchen. Mit der Elbfähre gelangten die Briten nach Finkenwerder, wo Airbus das Großraumflugzeug A 380 baut. Das Unternehmen gehört nicht nur zu den wichtigsten Arbeitgebern in Hamburg, sondern ist gleichzeitig auch einer der größten Ausbildungsbetriebe der Hansestadt.

Rund fünfhundert Jugendliche erhalten hier eine Berufsausbildung z.B. als FluggerätemechanikerIn, VerfahrensmechanikerIn oder ElektronikerIn. Die Berufsausbildung unterliegt der betrieblichen Mitbestimmung. Betriebsrat und Jugendvertretung achten darauf, dass die Rechte der Auszubildenden gewahrt werden. „Das hat uns überrascht“, meint NASUWT Präsident Branner. „In Großbritannien gibt es keine vergleichbare Kultur der betrieblichen Berufsbildung wie ihr sie in Deutschland habt.“

 

Berufsschulen in Hamburg

Die schulische Seite des dualen Systems konnten die britischen Lehrerinnen und Lehrer in einer gewerblichen und in einer kaufmännischen Berufsschule kennenlernen. Die Gewerbeschule Bautechnik G19 in Hamburg Bergedorf bildet Jugendliche nach den Ausbildungsordnungen der Bauwirtschaft aus und kooperiert dabei mit Betrieben der Bauindustie und des Bauhandwerks.

Zudem werden in speziellen Ausbildungsvorbereitungsklassen Jugendliche auf den Beginn einer Berufsausbildung oder den Einstieg in ein Beschäftigungsverhältnis vorbereitet. Hier erhalten auch solche Jugendliche eine Chance, die anderswo bereits gescheitert sind.

Die berufliche Schule City Süd H9, wo Groß- und Außenhandelskaufleute ausgebildet werden, war die zweite Schule, die die Briten besuchten. Immer mehr Abiturienten, die von den Unternehmen bevorzugt eingestellt werde,n entscheiden sich für eine kaufmännische Berufsausbildung. Besonders für den Beruf des Außenhandelskaufmanns sind gute Englischkenntnisse unabdingbar. Hier bietet die H9 speziellen Fachunterricht in englischer Sprache an.

Den Gästen bot sich die Gelegenheit zur Teilnahme an einer Unterrichtsstunde in Wirtschaftskunde und zum Gespräch mit Schülerinnen und Schülern in ihrer englischen Muttersprache. „Ich bin sehr beeindruckt von den Sprachkenntnissen der Jugendlichen“, so die NASUWT Vizepräsidentin Kathy Wallis, „und auch davon, dass im Wirtschaftskundeunterricht über Themen wie nachhaltiges Wachstum und gerechte Einkommensverteilung gesprochen wird.“

 

Akademisierung statt beruflicher Bildung

Wenig Gutes hatten die Gäste über die Situation im eigenen Land zu berichten. Eine Zusammenarbeit von staatlichen Schulen, Unternehmen und Gewerkschaften in der Berufsbildung wie in Deutschland existiert nicht im Vereinigten Königreich. „Die Betriebe sehen sich nicht in der Verantwortung für die Berufsausbildung“, beklagt Branner. Doch auch die Regierung zeige kein Interesse an beruflicher Bildung und verfolge statt dessen eine Politik der Akademisierung, ohne für entsprechende Arbeitsplätze zu sorgen: „Es gibt ein Überangebot an Akademikern. Viele junge Menschen mit Hochschulabschluss finden heute keine Beschäftigung mehr. Stattdessen fehlt es an qualifizierten Handwerkern und Facharbeitern.“

Ein wenig Wasser in den Wein müsse sie schon schütten, meinte die Hamburger GEW Vorsitzende Anja Bensinger-Stolze, damit das positive Bild der britischen Gäste von der dualen Berufsausbildung in Deutschland in ein rechtes Licht gerückt wird. Die Zahl der Unternehmen, die Ausbildungsplätze anbieten, geht zurück und bei weitem nicht alle Ausbildungsbetriebe und Schulen bieten so gute Bedingungen wie der Airbus-Konzern und die zwei von den Briten besuchten Hamburger Berufsschulen. Auch in Deutschland streben immer mehr junge Menschen das Abitur und ein Studium an und nur noch eine Minderheit entscheidet sich für eine Ausbildung im dualen System.

 


Privatisierung von Bildung

Während einer Abendveranstaltung in der Hamburger GEW-Geschäftsstelle berichteten die Gäste über die fortschreitende Privatisierung im britischen Bildungssystem. Was in Deutschland bisher noch unvorstellbar ist, ist im Vereinigten Königreich heute traurige Realität: Die Mehrheit der britischen Sekundarschulen – rund sechzig Prozent - wird privat betrieben, meist als sogenannte Akademien. Die Privatisierung im britischen Bildungswesen begann unter der Labour Regierung von Tony Blair und wird von der konservativen Regierung unter David Cameron forciert fortgesetzt.

Bei den Akademien handelt es sich um Privatschulen, die öffentlich finanziert werden. Sie unterliegen weder den nationalen Curricula, noch der Verpflichtung, professionell ausgebildete Lehrkräfte für den Unterricht zu beschäftigen. „Bildung wird zur Ware“, erklärt der ehemalige NASUWT-Präsident Mick Lyons. „Das britische Bildungssystem ist im Niedergang. Es geht nicht mehr um Bildungsstandards, sondern nur noch um Profit. Leidtragende sind die Schülerinnen und Schüler und natürlich auch die Lehrkräfte, deren Profession bedroht ist.“


Aus der Geschichte lernen

Auf Wunsch der Briten fand zum Abschluss des Programms noch ein Besuch in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme statt. Hier wurden deutsche und ausländische Häftlinge von 1938 bis 1945 gezwungen, Ziegelsteine herzustellen, die für den Häuserbau in Hamburg verwendet wurden. Obwohl das KZ-Neuengamme kein klassisches Vernichtungslager wie Ausschwitz war, überlebte doch nur eine Minderheit der Häftlinge die Lagerhaft und die mörderischen Arbeitsbedingungen.

„Für mich war es das erste Mal, dass ich ein Konzentrationslager besuchen konnte“, berichtet die NASUWT-Bildungssekretärin Jennifer Moses, deren Eltern aus der Karibik nach Großbritannien eingewandert waren. „So etwas darf nie wieder passieren. Wir müssen wachsam sein, denn Rassismus und Fremdenhass sind auch heute noch eine Gefahr, die uns bedroht.“

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