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"Berufswunsch: Wissenschaftler ohne Existenzangst"

Dr. Andreas Keller im Gespräch mit Dr. Roland Bloch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

28.09.2015

Andreas Keller: Roland, bist du zufrieden mit deiner Arbeit?

Roland Bloch: Inhaltlich bin mit meiner Arbeit sehr zufrieden: spannende Themen, hohe Arbeitsautonomie, relativ wenig Hierarchien. Weniger zufrieden bin ich mit den Rahmenbedingungen - dass meine Beschäftigung immer auf die Laufzeit des Projekts befristet ist. Seit 2002 hatte ich insgesamt 13 Arbeitsverträge! Es gibt einfach keine entfristeten Stellen für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler.

Und wie wirkt sich diese Situation für dich aus?

Meine berufliche Zukunft ist immer unsicher - und ich werde ja auch nicht jünger. Als vierzigjähriger Postdoktorand ist mein Grundgefühl, immer nur mit einem Bein im Job zu sein. Letztendlich hofft man, eine Professur zu erreichen, weil es keine Alternative dazu gibt. Die fehlende Karriereperspektive wird total ausgeblendet, sonst könnte man die Arbeit auch gar nicht machen. Zudem bin ich neben der laufenden Forschungsarbeit eigentlich ständig mit der Beschaffung von Drittmitteln beschäftigt, um Anschlussprojekte zu ermöglichen.  Das kostet viel Zeit und lenkt von anderen Aufgaben ab.

Also ist Befristung nicht nur ein individuelles Problem?

Nein, sie gefährdet die Qualität der Forschung und Lehre insgesamt. Wenn man den Großteil der Lehre von befristetem Personal erbringen lässt, ist eine Kontinuität nicht gegeben. Die Leidtragenden sind die Studierenden, die von einem Semester zum anderen ihre Ansprechpartner verlieren und nicht gefördert werden können, ganz zu schweigen von der Systematik des Curriculums.

Warum halten die Hochschulen dennoch an den befristeten Verträgen fest?

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelten immer noch als Teil der Lehrstuhlausstattung. Wenn neue Professorinnen und Professoren berufen werden, wollen sie ihre eigenen Leute mitbringen. Und die Hochschule will nicht auf einem Haufen wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sitzenbleiben. Es geht dabei nicht um Einzelschicksale, sondern um eine "Verfügungsmasse", die die Universitäten - vermeintlich - benötigen Außerdem ist die Ansicht weit verbreitet, dass wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur unter Druck Höchstleistungen erbringen, dass wir auf entfristeten Stellen nicht mehr "performen". Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Entfristung ist die Voraussetzung für eine gute Qualität von Forschung und Lehre - wenn man nämlich nicht permanent neue Projekte entwerfen muss, sondern sich ganz auf die gegenwärtige Forschungsarbeit konzentrieren kann.

Was muss sich ändern?

Grundsätzlich ist das deutsche System mit einer großen öffentlich finanzierten Wissenschaft ja gut, Wissenschaft gehört nicht in einen privaten oder gar profitorientierten Bereich. Aber das Verhältnis zwischen unbefristeten Professuren einerseits und befristeten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern andererseits ist vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Gute Wissenschaft kann nicht mit dem Preis schlechter Beschäftigungsbedingungen erkauft werden.

Es müsste also Perspektiven neben der Professur geben.

Genau, und der akademische Mittelbau muss von den Professuren unabhängig gemacht werden. In anderen Ländern gibt es Kategorien neben der Professur, die entfristet sind, wie Lecturer in Großbritannien oder Maître de conférences in Frankreich. Dort behandelt man diese auch nicht wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zweiter Klasse. Bei uns gibt es mit den Lehrkräften für besondere Aufgaben ja manchmal auch unbefristete Positionen unterhalb der Professur. Aber die haben meist ein so hohes Lehrdeputat, dass sie der Forschung verloren gehen - und nicht als vollständige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wahrgenommen werden.

Nach wie vor ist der Zugang zur Professur ein Nadelöhr. Der Weg dorthin muss ein anderer werden. Nach der Promotion sollte verbindlich festgelegt werden, zu welchen Bedingungen man eine Professur bekommt. Tenure Track-Programme oder Überlegungen für einen Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs sind hier gute Ansätze.

Ein Blick in die Zukunft: Was erwartest du, was wünschst du dir?

Trotz allem arbeite ich gern als Wissenschaftler und ich denke, dass ich gute Arbeit leiste. Mein größter Wunsch ist eine Professur. Aber ich würde auch auf einer anderen Position in Forschung und Lehre arbeiten, das jedoch in Festanstellung. Drittmittel würde ich trotzdem weiter einwerben, um Projektideen zu verwirklichen. Mit dem Antragswesen bin ich ja gut vertraut und ich mach das sogar gerne - aber noch lieber ohne Existenzangst!

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