GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Berg Fidel: „Man darf Fehler machen“

Interview mit Reinhard ­Stähling, Leiter der Grundschule Berg Fidel in Münster

05.11.2012 - Thomas Gesterkamp

E&W: „Berg Fidel – Eine Schule für alle“ heißt ein Kinofilm, der aus der Perspektive der Kinder den Alltag an Ihrer Grundschule dokumentiert (s. S. 32). Was genau heißt „Schule für alle”?
Reinhard Stähling: Kein Kind wird ausgeschlossen oder geht verloren. In Berg Fidel nehmen wir jedes Kind aus dem Wohngebiet auf. Jedes Kind bleibt auf unserer Schule, keines geht auf eine Förderschule.

E&W: Welche Kinder besuchen Ihre Schule? Wie ist das Wohnumfeld?
Stähling: 60 Prozent der Familien stammen aus dem Ausland. Ich finde das sehr bereichernd und habe immer das Gefühl, in 30 Ländern gleichzeitig zu Besuch zu sein. Unsere Grundschule ist die einzige im Stadtteil. Dadurch, dass wir jedes Kind aufnehmen, ist es hier tatsächlich friedlicher geworden. Keiner fühlt sich an den Rand gedrängt.

E&W: In die Förderschulen gehen Kinder, die als lernbehindert gelten. Sie setzen dem das Konzept der Inklusion entgegen. Warum?
Stähling: Um Frieden zu schaffen. Wenn sich jede Familie durch die Schule angenommen fühlt, gibt es keine Konflikte, die zu lösen wären. Wenn die Kinder jedoch aus ihrem Umfeld herausgerissen werden, verlieren sie leicht den Draht zu ihren ehemaligen Kindergartenfreunden. Dann kehren sie nachmittags in den Stadtteil zurück und klauen anderen die Jacken ...

E&W: Was machen Sie und das Kollegium konkret anders im Unterricht?
Stähling: Wir richten uns nach den Kindern, wie es unsere Aufgabe als gute Lehrkräfte ist. Sie bestimmen selbst ihr individuelles Lerntempo, nicht die Lehrpläne! Den Stress tun wir niemandem an. Es würde zudem gegen Erkenntnisse aus der Lernpsychologie verstoßen, wenn wir den Schülern zu schwierige oder auch zu leichte Aufgaben gäben. Am einfachsten ist das im Unterricht zu verwirklichen, wenn man in jeder Klasse alle Jahrgänge von eins bis vier mischt.

E&W: Was ist in der Praxis schwierig?
Stähling: Ein inklusiver Unterricht muss sich immer gegen die Auslese von Kindern wehren, die durch das mehrgliedrige Schulsystem gefördert wird. Man kann schnell ein Kind für lernschwach erklären und es trotzdem ständig überfordern. Dann folgt oft das Sitzenbleiben. Der Abstieg beginnt bereits in der Grundschule. Mit verheerenden Ergebnissen: Fast ein Viertel der 15-Jährigen in Deutschland kann kaum lesen! Warum? Weil sie abgestuft wurden, das Vertrauen verloren haben. In der Regel übernimmt dafür niemand die Verantwortung. Es ist die Folge von Aussonderungen, die die Gesellschaft als völlig normal ansieht. Wenn man sich dagegen wehrt, lebt man allerdings als Pädagoge entspannter, die Kinder lernen besser, aber man muss mit Angriffen rechnen.

E&W: Was ist in Berg Fidel anders in den Augen der Schüler und Eltern?
Stähling: Man darf Fehler machen und man lernt daraus – wie kann humanes Lernen besser beschrieben werden? Das ist leider noch nicht weit verbreitet in unseren Schulen. Ein einziger Fehler kann einem die Schullaufbahn versauen.

E&W: Wie holt man skeptische Eltern ins Boot, die vielleicht besorgt sind, wenn ihr Kind mit Behinderten in eine Klasse gehen soll?
Stähling: Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen. Brauchen wir auch nicht, es sei denn, wir sprechen von den zusätzlichen Lehrerstellen, die Kinder mit Handicaps in der Schule benötigen. Sind wir nicht alle auf die Hilfe anderer angewiesen? Warum soll das anders mit behinderten Menschen sein? Jedes Kind lernt von und mit den anderen. Das ist unser Verständnis eines inklusiven, kooperativen Unterrichts.

E&W: Wie sind die Reaktionen auf den Film über Ihre Schule?
Stähling: Überwältigend. In der ersten Woche ist der Dokumentarfilm über unsere Kinder allein in Münster von 1500 Menschen gesehen worden. In der Kinorangliste der meist gesehenen Filme war das Platz 2. Wir sehnen uns alle wohl danach, eine mutige humane Schule für unsere Kinder zu finden, wo sie so sein dürfen, wie sie nun mal sind.

Zurück