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Brennpunktschulen„Aus dem System gekippt“

Niedersachsen diskutiert über den Umgang mit Brennpunktschulen. Mehr als nur ein zögerlich anlaufendes Landesförderprogramm für 20 ausgewählte Schulen fordern Expertinnen und Experten aus Praxis, Wissenschaft und Politik.

13.02.2019 - Esther Geißlinger, freie Journalistin

Es brennt. Und das ist an der Peter-Ustinov-Schule in Hannover ganz wörtlich gemeint: Qualm dringt aus der Mädchentoilette, der nicht nur von Zigarettenrauch stammt. Vielleicht ein Versehen, vielleicht auch Brandstiftung, sagt Schulleiterin Katrin Haller, die von dem Vorfall an ihrer Oberschule berichtet: „Wir haben mit Jugendlichen mit einem extremen Sozialverhalten zu tun.“ Haller gehört zu einer Reihe von Schulleitungen in der niedersächsischen Landeshauptstadt, die bereits vor einem Jahr Alarm schlug, weil in ihren Klassen kaum mehr normaler Unterricht möglich sei. „Und die Lage hat sich noch weiter zugespitzt“, sagt die Pädagogin. Die Politik sucht nach Methoden, um Schulen mit außerordentlichen Belastungen zu helfen. Einen radikalen Ansatz schlägt der Bildungsforscher Manfred Bönsch vor: Er will in extremen Fällen „mit den archaischen Strukturen der Schule brechen“.

Es geht um Schulen, in denen kaum ein Kind mit deutscher Muttersprache sitzt. Mädchen und Jungen, die durch Krieg und Flucht traumatisiert sind, stoßen auf Kinder, deren Eltern bis mittags schlafen und mit Schule wenig anfangen können. Es geht um halbwüchsige Jungen, die keinen Respekt vor Lehrkräften kennen, schon gar nicht vor weiblichen. „Diese Kinder sind aus dem System gekippt“, sagt Haller. Viele erscheinen kaum mehr im Unterricht. Ein Abschluss scheint für sie kaum denkbar.

„An Schulen spiegeln sich gesamtgesellschaftliche Missstände besonders stark wider.“ (Laura Pooth)

Nach den Hilferufen der Schulen versprach Niedersachsens Bildungsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) Abhilfe: Bei einem Besuch in der Peter-Ustinov-Schule stellte er das Programm „Schule PLUS“ vor. Dazu zählen mehr Lehr- und sozialpädagogische Kräfte, die an 20 ausgewählten Schulen des Landes das Kollegium unterstützen sollen, sowie ein flexiblerer Umgang mit den Lehrplänen, die in Brennpunktschulen ohnehin kaum umgesetzt werden können: Da es den Kindern an Sprachkenntnissen fehlt, sind komplizierte Matheaufgaben oder Aufsätze für sie nicht zu leisten.

„Schule PLUS“ brauchte lange, um in Gang zu kommen. Ende September war „noch nicht viel passiert“, berichtete Schulleiterin Haller. Erst Mitte Oktober lud das Land zu einer „Kick-off-Veranstaltung“, bei der das sechs Millionen Euro teure Projekt vorgestellt wurde. Unter anderem sollen die Schulen, von denen acht in Hannover, sechs in Salzgitter und je drei in Delmenhorst und Wilhelmshaven liegen, eine Beratung erhalten und sich bei Netzwerktreffen austauschen. Außerdem gibt es für alle gemeinsam 300 Lehrerstunden mehr, die regional auch „kapitalisiert“ und für anderes Personal, etwa aus der Schulsozialarbeit, eingesetzt werden können.

Das Programm sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, sagt Laura Pooth, Vorsitzende der GEW Niedersachsen. Doch um Schulen in sozial benachteiligten Lagen wirklich zu helfen, bedürfe es eines Gesamtkonzepts. Bausteine seien kleinere Lerngruppen und der Ausbau multiprofessioneller Teams. „An Schulen spiegeln sich gesamtgesellschaftliche Missstände besonders stark wider“, betont Pooth. Daher müssten die Städte präventiv planen, um die Konzentration von Problemen in einigen Vierteln zu vermeiden.

„Abschlüsse sind erwünscht, nur der Weg dahin muss anders trassiert werden.“ (Manfred Bönsch)

Schulleiterin Haller ist positiv überrascht: „Unsere Probleme werden ernst genommen“, sagt sie nach ersten Gesprächen mit den Experten, die über das PLUS-Programm in die Schule kommen. Es sei geplant, nicht nur die innerschulischen Prozesse anzuschauen, sondern auch im Außensystem etwas zu ändern, dazu werden unter anderem Schulträger und Elternschaft einbezogen. Ein ähnlicher Rat war vom niedersächsischen Bildungsforscher Manfred Bönsch gekommen.

Der emeritierte Professor der Uni Hannover schlägt vor, sich in besonders schwierigen Lagen von den klassischen Unterrichtskonzepten zu lösen: „Wir haben feste Fächer, feste Stunden und sortieren die Kinder nach Jahrgängen ein, wir arbeiten nach Lehrplänen auf Abschlüsse hin – aber wir müssen erst einmal an die Kinder denken“, fasst Bönsch seine Idee zusammen. Statt Klassen könnte es Kleingruppen geben, mit einem Personalschlüssel wie in der Förderpädagogik. Grundschule könnte auch fünf Jahre dauern, bis ein Kind genug Deutsch kann.

Statt Mathe, Bio, Englisch könnte der Unterricht auf „semisprachliche“ Fächer wie Kunst oder Musik setzen. Gleichzeitig dürften die leistungsstarken Kinder nicht vergessen werden, die zwar noch Deutsch lernen müssen, aber in ihrer Muttersprache auf hohem Niveau arbeiten. Lerngruppen sollten daher nicht nach Alter, sondern nach Wissensstand gebildet werden. „Abschlüsse sind erwünscht“, betont der Wissenschaftler, „nur der Weg dahin muss anders trassiert werden.“

„Wir dürfen nicht durch die Hintertür Förderzentren schaffen, die jenseits der Lehrpläne arbeiten.“ (Julia Hamburg)

Bönsch rät Schulen, die Eltern, aber auch Jugendhilfe und Vereine im Viertel stärker einzubeziehen – so wie es jetzt in „Schule PLUS“ offen-bar passieren soll. Das Problem: Schon jetzt arbeiten viele Lehrkräfte am Limit, und weitere Aufgaben bringen das System stärker zum Kippen. Grüne und FDP, die Oppositionsparteien im Landtag, forderten, Schulen künftig nach einem Sozialindex zu bewerten und danach die Personalschlüssel auszurichten. In Hamburg, Bremen und Hessen gibt es bereits ähnliche Modelle. Die niedersächsische Landesregierung ist noch zögerlich. Immerhin hat sich der Landtag mit dem Thema befasst, und der Kultusausschuss plant für Anfang 2019 eine Anhörung.

Julia Hamburg, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, nennt das Modell „Schule PLUS“ einen „Tropfen auf den heißen Stein“. Trotz des Lehrkräftemangels plädiert sie für eine bessere Verteilung der Personalressourcen zugunsten der besonders belasteten Schulen. Das Bönsch-Konzept hält Hamburg, selbst Lehrerin, nur für sehr wenige Schulen mit extremen Bedingungen geeignet. Die wichtigste Frage betreffe die Curricula: „Wir dürfen nicht durch die Hintertür Förderzentren schaffen, die jenseits der Lehrpläne arbeiten“, warnt sie. „Man muss Schulen Freiräume geben, aber am Ende muss ein Ergebnis stehen, mit dem Schüler weitergehen können.“

Dass sein Konzept flächendeckend umgesetzt wird, hält auch Bönsch für unrealistisch. Dennoch würde er sich wünschen, dass weiter geforscht wird. Aktuell sei die Zeit günstig: „Durch den Zuzug vieler Kinder ohne Sprachkenntnisse haben wir eine besondere Situation.“

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