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GastkommentarAuf den Weg machen

Manchmal fehlt das Personal, manchmal die Sportstätte: Mit dem Hinweis auf die teils dramatischen gesundheitlichen Folgen eines vernachlässigten Sportunterrichts ließen sich jedoch zusätzliche Mittel für mehr Stellen und Sporthallen erstreiten.

05.11.2018 - Andreas Schwarzkopf, Leiter des Ressorts Meinung der Frankfurter Rundschau

Das ist mal ein Ziel: Schule beginnt künftig täglich mit Sport. Schließlich belegen zahlreiche Studien, wie leistungsfördernd es ist, wenn sich Schülerinnen und Schüler bewegen, bevor sie rechnen und schreiben lernen. Sie wären wacher und ausgeglichener, könnten sich besser konzentrieren. Stimmt, davon ist der Sportunterricht hierzulande noch weit entfernt. Es ist aber durchaus möglich, sich auf den Weg zu machen, um dieses Ziel zu erreichen.

Denn beim Sportunterricht hat sich in den vergangenen Jahren einiges bewegt, wenn auch leider noch zu vieles in die falsche Richtung. Wer an Sportunterricht denkt, dem kommen immer noch meist überfüllte alte und miefige Turnhallen in den Sinn sowie überholte autoritäre Lehrmethoden nach dem Vorbild von Turnvater Jahn, die viele Mädchen und Jungen verängstigen, statt sie zu motivieren. Bedauerlicherweise sprechen die wenigsten dann über Staffellauf und Slacklines, Weitsprung und Waveboards. Und auch nicht über kooperativen Gruppenunterricht, bei dem Stärkere und Schwächere zusammen kleine Teams bilden und gemeinsam Strategien entwickeln müssen, wie sie sich spielend bewegen.

An dem eher schlechten Image des Sportunterrichts haben Reformen wenig geändert, auch wenn sie ein Schritt in die richtige Richtung waren. Zwar lässt der geänderte Lehrplan den Lehrerinnen und Lehrern mehr Spielraum. Seither unterteilt man den Sportunterricht nicht mehr in Disziplinen, sondern in Lern- und Erfahrungsfelder. Immerhin wird sich in immer mehr Turnhallen an und mit Geräten bewegt. Anstelle der gefürchteten langen Schlangen vor blauen Matten und Reck gibt es Hindernisparcours, die frei variiert werden.

Doch diese Verbesserungen können nicht überall umgesetzt werden. Manchmal fehlt das Personal, manchmal die Sportstätte, oft auch beides. Viele Kommunen haben beispielsweise in den vergangenen Jahren aus finanziellen Gründen ihre Schwimmhallen geschlossen. Um die wenigen Schwimmbecken konkurrieren nun mancherorts Schulen und Schwimmvereine. Die Folgen sind im wahrsten Sinne des Wortes fatal. Viele beklagen, dass etwa die Hälfte der Kinder am Ende der Grundschulzeit keine sicheren Schwimmerinnen und Schwimmer mehr sind. Das wiederum ist ein Grund, warum allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2018 445 Menschen hierzulande beim Schwimmen ertrunken sind.

Wenn außerdem etwa in Ganztagsschulen der Nachwuchs nicht einfach nur verwahrt, sondern betreut werden soll, kann und muss der Sport eine größere Rolle spielen.

So bitter es ist: Diese schreckliche Zahl könnte dem Schulsport helfen – kombiniert mit einer weiteren Hiobsbotschaft. Denn laut einer aktuellen Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO bewegen sich die Deutschen viel zu wenig. Die Zahl der Übergewichtigen steigt, und damit werden wahrscheinlich immer mehr Menschen eher früher als später krank. Das treibt die Kosten für Behandlungen, etwa von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, nach oben.

Diese beiden Entwicklungen könnten dann dem Schulsport zugutekommen, wenn Politikerinnen und Politiker die richtigen Schlüsse ziehen und weitere Entwicklungen nutzen. Mit dem Hinweis auf die teils dramatischen gesundheitlichen Folgen eines vernachlässigten Sportunterrichts ließen sich zusätzliche Mittel für mehr Stellen und Sporthallen erstreiten.

Wenn außerdem etwa in Ganztagsschulen der Nachwuchs nicht einfach nur verwahrt, sondern betreut werden soll, kann und muss der Sport eine größere Rolle spielen. Womöglich lassen sich auch zusätzliche Hallenkapazitäten und Personal gewinnen, wenn Schulen etwa mit Sportvereinen stärker als bislang kooperieren. Dann würden sie nicht mehr um die Becken in Schwimmhallen konkurrieren, sondern diese gemeinsam nutzen. Schließlich klagen viele Clubs über mangelnden Nachwuchs.

Die Verantwortlichen müssen also kreativ sein und noch viel arbeiten, um den Sportunterricht hierzulande nach vorn zu bringen. Dafür ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf nötig.

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