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Auf dem Weg zum Traumjob Wissenschaft?

Schlechte Arbeitsbedingungen in Schwedens Hochschulen, erste Fortschritte in deutschen Bundesländern und ein wissenschaftspolitisches Zwischenfazit nach 100 Tagen großer Koalition. Der 5. Follow-up-Kongress zum Templiner Manifest hatte ein volles Programm.

02.04.2014

Fotos: Kay Herschelmann

"Schlechte Arbeitsbedingungen lassen Schweden den Anschluss an die Spitzenforschung verlieren" – so titelte kürzlich eine große schwedische Zeitung. Dahinter steckte in diesem Fall keine Gewerkschaft, sondern die Royal Academy of Sciences. Die Arbeitsbedingungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern stehen spätestens damit auch in Schweden auf der Agenda. Dies ist nicht zuletzt ein Erfolg der schwedischen Hochschulgewerkschaft Sveriges universitetslärarförbund (SULF), deren Generalsekretärin Dr. Git Claesson Pipping auf dem 5. Follow-up-Kongress zum Templiner Manifest zu Gast ist.

Kettenbefristung in der Wissenschaft: Nicht nur in Deutschland ein Problem

Auch in Schweden reiht sich an den Hochschulen oft ein befristeter Arbeitsvertrag an den anderen. Nacheinander kann dies einen Berufsweg von der Promotion bis zur Professur von typischerweise 15 Jahren mit befristeten Verträgen bedeuten, wie die schwedische Gewerkschafterin berichtet. Warum gehen Hochschulen und Forschungseinrichtungen so mit jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern um? Die Antwort von Claesson Pipping ist klar: "Weil sie es können." Noch jedenfalls; aber auch in Schweden wird der Protest gegen diese Praxis lauter. "In Deutschland ist oft das Problem, dass Gelder für Forschungsprojekte nur für einen kurzen Zeitraum bewilligt werden – und eben deshalb auch nur kurz befristete Verträge vergeben werden", erläutert eine Kollegin aus dem Publikum. "Das ist in Schweden auch so", erwidert Claesson Pipping, "und Universitäten nutzen das häufig, um kurze Verträge zu rechtfertigen. Aber das ist eine Ausrede: In der Privatwirtschaft gibt es auch befristete Aufträge und trotzdem auch feste Arbeitsverträge."

"Wir sind auf dem Weg, diese Dinge anzupacken"

Es ist also nicht überraschend, dass die meisten schwedischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach der Promotion das Wissenschaftssystem verlassen. Die fehlende Planbarkeit gerade in der Lebensphase der Familiengründung lässt vor allem viele Frauen vor einer Tätigkeit in der Wissenschaft zurückschrecken, so berichtet Git Claesson Pipping. Aber sie ist optimistisch: "Wir sind auf dem Weg, diese Dinge in der schwedischen Wissenschaft anzupacken – und ich glaube, Sie sind das in Deutschland auch." Ihr Vortrag auf dem Follow-up-Kongress ist der Beitrag der GEW zur weltweiten Kampagne Unite for Quality Education der Dachorganisation der Bildungsgewerkschaften Education International. Dr. Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der GEW und Vizepräsident des Europäischen Dachverbands der Bildungsgewerkschaften, kündigte auch für die Zukunft eine enge Zusammenarbeit von GEW und SULF an. Denn die Bildungsgewerkschaften in Schweden und Deutschland sind sich einig: Gute Wissenschaft und gute Arbeit sind zwei Seiten einer Medaille.

100-Tage-Bilanz der neuen Bundesregierung

In ihrem Köpenicker Appell hat die GEW bereits im Oktober deutlich gemacht, welche wissenschaftspolitischen Weichen die neue Bundesregierung in ihren ersten 100 Tagen stellen sollte – für eine grundlegende Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG), für eine aktive Vergabepolitik in der öffentlichen Forschungsförderung und für ein Förderprogramm für verlässliche Karrierewege in der Wissenschaft. Die ersten 100 Tage der großen Koalition sind vorbei, und auf dem Follow-up-Kongress wollen wir wissen: Hat der Appell das Berliner Regierungsviertel erreicht, und was hat die neue Bundesregierung angepackt? "Der Köpenicker Appell ist in Berlin Mitte – in der Politik und in jeder Bundestagsfraktion – angekommen", ist sich Tankred Schipanski, Bundestagsabgeordneter der CDU, sicher. Man müsse jetzt allerdings erst einmal die konkreten Handlungsbedarfe ausloten. Einen Erledigungsvermerk gibt es folglich (noch) nicht zu vermelden. "In 100 Tagen war das nicht zu schaffen", wendet auch Ernst-Dieter Rossmann von der SPD-Bundestagsfraktion ein. Gleichzeitig kündigt er an: "Eine Novellierung des WissZeitVG wird es geben, das ist für die Koalition klar." Und: "Beim nächsten Treffen dieser Art müssten wir in der Koalition deutlich weiter sein."

So viel können wir zusagen: Wir werden dann wieder nachfragen.

Die Achillesferse des deutschen Wissenschaftssystems

"Daueraufgaben müssen dauerhaft finanziert und auf Dauerstellen gemacht werden", findet Ralph Lenkert von der Fraktion der Linken. "Heute ist es doch so: Die besten wechseln in die Großunternehmen. Denn in der Wissenschaft weiß man nie, wie es im nächsten Jahr weitergeht. Das schadet der Wissenschaft", so der Abgeordnete. Kai Gehring, Abgeordneter der Grünen, appellierte an die Regierungsfraktionen, nicht länger auf weitere Zahlen und Evaluationen zu warten: "Es ist doch offenkundig, dass die Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses die Achillesferse des deutschen Wissenschaftssystems sind. Bei 89 Prozent Befristungen kann man von Planungssicherheit nicht reden." Gehring fordert daher ein klares Bekenntnis der Politik zu einer grundlegenden Reform des WissZeitVG.

Es bewegt sich was

2010 hat die GEW das Templiner Manifest verabschiedet. Damals schlug ihr eine Welle der Empörung entgegen. Die Umsetzung ihrer Forderungen nach planbaren Berufswegen und verlässlichen Perspektiven käme einer Verstopfung der Karrierewege in Hochschule und Wissenschaft gleich, warnte etwa George Turner, ehemaliger Wissenschaftssenator von Berlin. Seitdem, so macht Andreas Keller deutlich, hat sich einiges verändert. 2014 beklagte auch Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), fehlende Perspektiven für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Und er machte dabei deutlich: Das ist auch ein Problem für die Qualität von Forschung und Lehre. In den Bundesländern haben Gewerkschaften, Mittelbau-Initiativen, Personal- und Betriebsräte die Arbeitsbedingungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf die Agenda gesetzt. Zum Beispiel die Landesarbeitsgemeinschaft wissenschaftliche Beschäftigte und Lehrbeauftragte (LaWiBeL) in Brandenburg – sie hat mit hartnäckigen Gesprächen und vielfältigen Aktionen einige Verbesserungen im Entwurf für ein neues Landeshochschulgesetz durchsetzen können, zum Beispiel dass es im Rahmen von Qualifizierungsstellen künftig garantierte Zeiten für die eigene Qualifizierung geben soll. Dass Daueraufgaben künftig auch mit Dauerstellen erledigt werden sollen, diese Regelung konnte zwar nicht in Brandenburg, dafür aber in Hamburg in den Entwurf für die dortige Hochschulgesetznovelle gebracht werden. Dort hatte die GEW zuvor mit einem Organizing-Projekt an der Universität einigen Staub aufgewirbelt. Brandenburg und Hamburg haben gezeigt, wie man eine Landesregierung in Bewegung bringen kann, stellt Andreas Keller zum Abschluss der Konferenz fest. Eine Reform der Berufswege in der Wissenschaft steht weiter auf der Tagesordnung. "Es ist bemerkenswert, dass wir heute nicht mehr über das Ob, sondern nur noch über das Wie diskutieren", freut sich der stellvertretende GEW-Vorsitzende. Aber es bleibt viel zu tun. Und so viel ist sicher: Die GEW wird mit der Kampagne Templiner Manifest weiter daran mitwirken.

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