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HochschuleArbeiterkinder aller Hochschulen, vereinigt euch!

Je geringer die finanziellen und kulturellen Familienressourcen sind, desto weniger Menschen schaffen es an eine Hochschule. Gegen diese Diskriminierung haben sich an mehreren Hochschulen sogenannte Anti-Klassismus-Referate gegründet.

19.07.2021 - Joshua Schultheis, Redaktion bbz – Berliner Bildungszeitschrift der GEW Berlin

Als der Soziologie-Student Andreas Kemper mit einigen Gleichgesinnten im Jahr 2003 das Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende (kurz: FikuS) an der Universität Münster gründete, scheute er sich noch, das Wort „Arbeiterkinder“ zu benutzen. Das klinge zu sehr nach Klassenkampf, biete zu viel Angriffsfläche für Attacken von rechts und schrecke selbst viele Linke ab, fürchtete er. Was hinter der Abkürzung steht, war aber von Anfang an klar: eine Interessenvertretung für Studierende mit einer sogenannten niedrigen Bildungsherkunft, oder schlicht und einfach: für Arbeiterkinder.

Bis zur Gründung einer weiteren Interessenvertretung für Arbeiterkinder an einer deutschen Universität sollten mehr als 15 Jahre vergehen. Dann ging es jedoch schnell: In den vergangenen drei Jahren gründeten sich in kurzer Folge an mehreren Hochschulen Anti-Klassismus-Referate, ein Dachverband für den ganzen deutschsprachigen Raum ist im Aufbau. Nach innen sind sie Anlaufstellen für von Klassismus betroffene Studierende, klären diese über ihre Rechte und Möglichkeiten auf, bieten Workshops zu verschiedenen Themen an. Nach außen versuchen sie, durch öffentliche Veranstaltungen und Stellungnahmen auf Missstände und Diskriminierung im Bildungssystem aufmerksam zu machen.

„Leider sind immer noch nicht alle bereit anzuerkennen, dass Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft in diesem Land existiert.“ (Alex Zapf)

Zu dieser neuen Generation studierender Arbeiterkinder gehört Alex Zapf, die 2018 an ihrer Universität in Marburg zusammen mit einem Kommilitonen ein Arbeiterkinder-Referat gründete – erst das zweite in Deutschland. Ganz von vorn mussten die beiden dabei nicht anfangen, denn vor Ort gab es schon einen Arbeitskreis „Antiklassismus“ – und das FikuS in Münster hatte vorgemacht, wie eine institutionalisierte Interessenvertretung für Arbeiterkinder aussehen könnte. Dennoch gestaltete sich die Etablierung des Referats schwierig, gab es Widerstände in der Studierendenvertretung. Bei der entscheidenden Sitzung des Studierendenparlaments musste sich Zapf gegen die typischen Einwände verteidigen: Klassismus gebe es in unserer Leistungsgesellschaft gar nicht, sie selbst sei doch der beste Beweis dafür, dass die soziale Herkunft den Bildungsweg nicht determiniere.

Am Ende wurde das Arbeiterkinder-Referat mit nur einer Stimme Mehrheit angenommen, allerdings unter dem Vorbehalt, dass es jederzeit wieder abgeschafft werden kann. Für Zapf war das ein Teilsieg. Gleichzeitig musste sie konstatieren: „Leider sind immer noch nicht alle bereit anzuerkennen, dass Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft in diesem Land existiert.“

Ein strukturelles Problem

Dabei zeigen die Zahlen überdeutlich, dass der Bildungserfolg eines Kindes in Deutschland stark von den finanziellen und kulturellen Ressourcen der Eltern abhängt. Von 100 Arbeiterkindern nehmen aktuell 21 ein Hochschulstudium auf, nur eines erlangt den Doktorgrad. Von 100 Akademikerkindern gehen dagegen 74 studieren und zehn schaffen es bis zur Promotion. Je höher die Qualifikationsstufe, umso weniger Menschen wird man dort finden, deren Eltern nicht selbst studiert haben. Lange Zeit gab es in der Wissenschaft und der öffentlichen Debatte jedoch keine etablierten Begriffe, um diese Art der Diskriminierung im Bildungssystem zu beschreiben. Das Wort „classism“ wurde zwar schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebraucht, um Benachteiligung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer ökonomischen Klasse zu benennen, eine größere Verbreitung fand es aber nie.

Erst in den vergangenen Jahren hat sich das Bild gewandelt: Mit der Übersetzung von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ ins Deutsche wurde auch hierzulande eine Welle von Publikationen losgetreten, in der sich Bildungsaufsteiger mit ihrer proletarischen Herkunft und mit dem Stigma auseinandersetzen, das damit verbunden ist. Ein Unterstützungsverein für sozial benachteiligte Schülerinnen, Schüler und Studierende, der sich ohne viel Aufhebens „ArbeiterKind.de“ nennt, wird mit Preisen und medialer Aufmerksamkeit überhäuft, und der Begriff „Klassismus“ hat Einzug in die Debattenkultur in Deutschland gefunden.

Immer mehr Arbeiterkind-Referate

Diese Veränderung spürt auch Richard Dietrich, der seit 2017 das FikuS in Münster leitet. Während seiner Amtszeit häuften sich die Anfragen von Studierenden, die an ihrer Uni ebenfalls ein Arbeiterkind-Referat gründen wollten. Nach Marburg folgten Köln und München, weitere sind in Berlin, Frankfurt am Main, Hildesheim und anderen Städten in Planung. Dietrich nahm gerne die Gelegenheit wahr, anderen Betroffenen zu helfen und sein Wissen darüber zu teilen, wie man den Antrag für ein Referat durch die verschiedenen Uni-Gremien bekommt, wie eine Satzung dafür aussehen sollte, wen man für Vorträge und Workshops über Klassismus gewinnen könnte.

Er ist froh, dass an deutschen Universitäten nun einiges in Bewegung kommt. Seine eigenen frühen Studienerfahrungen waren von Befremden und dem Gefühl des eigenen Ungenügens geprägt. Sein Wunsch: „So vielen Betroffenen wie möglich klarmachen, dass die Hürden und die Ablehnung, die sie im Bildungssystem erleben, kein Individualversagen sind, sondern ein strukturelles Problem.“

Sprachlosigkeit überwinden

Auch sein Vorgänger Kemper engagiert sich nach fast 20 Jahren noch für die Belange der Arbeiterkinder an Hochschulen. In diesem Jahr hat er erlebt, wie der unter seiner Beteiligung entstandene deutschlandweite Verein zum Abbau von Bildungsbarrieren seine Arbeit aufnahm. Das Projekt wurde bereits 2010 ins Leben gerufen, schlief damals aber wegen zu geringen Interesses schnell wieder ein. Jetzt wurde es, getragen von den vielen neuen Arbeiterkinder-Referaten, wieder aktiviert. Der Verein fungiert als ein Dachverband für die unterschiedlichen, jeweils an ihren Unis gewählten Referentinnen und Referenten, die wiederum auch den Vorstand im Verband stellen. Damit bleiben die demokratische Legitimation und der Anschluss an die Basis gewahrt.

Das erste gemeinsame Projekt, das sich der Verein vorgenommen hat, ist die Herausgabe der Zeitschrift „Dishwasher“, die im ganzen deutschsprachigen Raum erscheinen soll. Bisher gab es sie nur an der Uni Münster. Dieses „Magazin von und für Arbeiter*innenkinder“ dient der Selbstverständigung der von klassistischer Diskriminierung Betroffenen, denen bei ihrem Eintritt in die akademische Welt oft die Worte fehlen, um die manchmal unsichtbaren Barrieren zu beschreiben, auf die sie stoßen. Im „Dishwasher“ sollen Erfahrungen und theoretisches wie praktisches Rüstzeug geteilt werden, um dieser Sprachlosigkeit etwas entgegenzusetzen. Noch fehlt allerdings das Geld, um das Magazin in großer Auflage zu drucken. Der Verein hat daher einen Spendenaufruf gestartet. Danach hofft man, dass sich das Magazin durch die Erlöse selbst -tragen kann.

„Die Corona-Pandemie hat erneut eindrücklich gezeigt, wie sehr Klassenunterschiede nach wie vor unsere Gesellschaft und unser Bildungssystem prägen.“ (Laura Beische)

Vorstandsvorsitzende des Vereins ist neben Dietrich aus Münster die Kölner Biologiestudentin Laura Beische. 2019 hatte sie mit ein paar Mitstreiterinnen und Mitstreitern an ihrer Uni das Autonome Referat für antiklassistisches Empowerment ins Leben gerufen. Der unverblümt kämpferische Name des Referats zeigt, wie viel selbstbewusster heute von Klassismus betroffene Studierende ihr Anliegen vortragen können. Beische glaubt, der Trend zu immer sichtbarer werdendem antiklassistischem Engagement werde auch in Zukunft anhalten.

Der Dachverband, dem sie vorsitzt, soll dabei in Zukunft eine wichtige Rolle bekommen: Er soll die verschiedenen Initiativen und Gruppen, die sich für mehr Bildungschancen von Arbeiterkindern einsetzen, miteinander vernetzen und ihnen finanziell unter die Arme greifen. „Diese Arbeit ist heute so wichtig wie eh und je“, findet Beische, „die Corona-Pandemie hat erneut eindrücklich gezeigt, wie sehr Klassenunterschiede nach wie vor unsere Gesellschaft und unser Bildungssystem prägen.“

Spenden: Verein zum Abbau von Bildungs-barrieren e. V., Sparkasse Münsterland Ost, DE93 4005 0150 0000 5117 09, WELADED1MST