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Fachkräftemangel in Schule, Kita, Jugendhilfe und HochschuleAnstoß zum Handeln

Das Tenure-Track-Programm von Bund und Ländern soll einen Kulturwandel an den Hochschulen anstoßen. Ob das gelingt, ist offen. Der Umfang bleibt weit hinter dem Bedarf zurück.

10.11.2020 - Verena Kern, stellvertretende Chefredakteurin des Online-Magazins klimareporter°

Um mehr als 50 Prozent ist die Zahl der Studierenden in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren gestiegen, die der Professuren dagegen nicht einmal um 25 Prozent. Neben der ungünstigen Betreuungsrelation sind auch die Perspektiven und Beschäftigungsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs alles andere als gut. „Bei den drei großen Problemen“, sagt die Hochschulforscherin Anke Burkhardt, „hat sich für den Nachwuchs seit Jahren nichts geändert: Befristung, Teilzeit und ein hoher Anteil von Drittmittelfinanzierung.“

Burkhardt hat 2016 für die GEW eine Studie zum Personalbedarf der Universitäten erstellt. Neben den bestehenden 1.600 Juniorprofessuren sind demnach zusätzlich 5.700 Tenure-Track-Professuren nötig. Diese werden nach sechs Jahren bei positiver Evaluation entfristet. Im Mittelbau müssten 40.000 weitere Dauerstellen für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingerichtet werden. Auch der Wissenschaftsrat, der die Bundesregierung berät, fordert seit langem eine substanzielle Aufstockung unbefristeter Stellen.

Mit dem Tenure-Track-Programm haben Bund und Länder einen ersten Schritt unternommen, um Abhilfe zu schaffen. Das 2017 gestartete Projekt läuft bis 2032. Der Bund stellt dafür eine Milliarde Euro bereit. In den ersten beiden Bewilligungsrunden waren 75 Hochschulen erfolgreich. Insgesamt 1.000 Tenure-Track-Professuren werden so gefördert. Obwohl der Umfang weit hinter dem Bedarf zurückbleibt, geht das Programm für Burkhardt in die richtige Richtung. „Es ist ein Anstoß“, sagt sie, „eine Anregung des Bundes, dass die Länder handeln sollen.“

Die Hochschulen mussten für ihre Bewerbung ein Personalentwicklungskonzept erstellen, und zwar für ihr gesamtes wissenschaftliches Personal. „Das ist neu, dass sich die Hochschulen dazu Gedanken machen müssen“, sagt Burkhardt. Das könne eine gute Entwicklung in Gang setzen.

„Man findet immer wieder die Argumentation, dass es für die Wissenschaft gut sei, wenn das Personal wechselt, da nur so Innovation entstehen könne.“ (Anne Krüger)

„Wegen der sehr hohen Befristungsquote ist das aber auch eine große Herausforderung“, sagt die Soziologin Anne Krüger von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Krüger wertet derzeit die Konzepte aus. 43 der insgesamt 75 Hochschulen stellten ihre Papiere für die Studie zur Verfügung, die Ende November erscheinen soll. Wie Krüger vorab berichtet, sind sich die Hochschulen des Problems bewusst. „Die große Zahl der Befristungen wirft schließlich die Frage auf, wofür man das Personal entwickelt: für die eigene Organisation, für andere Hochschulen und Forschungseinrichtungen oder für die Wirtschaft und Gesellschaft?“ Die Hochschulen haben sich aber offenbar mit dem Zustand arrangiert. „Man findet immer wieder die Argumentation, dass es für die Wissenschaft gut sei, wenn das Personal wechselt, da nur so Innovation entstehen könne“, sagt Krüger.

GEW-Vorstand Andreas Keller sieht auch die Gefahr von Mitnahmeeffekten. „Wenn man sich die Stellenanzeigen für Tenure-Track-Professuren anschaut, zeigt sich, dass oft umfangreiche Erfahrungen vorausgesetzt werden“, sagt Keller. Wenn Nachwuchskräfte eine Tenure-Track-Professur statt einer richtigen Professur bekämen, könne das im schlimmsten Fall sogar den Karriereweg verlängern.

Ob die Tenure-Track-Professur, die nun erstmals breit etabliert wird, zur erhofften „Impulsgeberin für das deutsche Wissenschaftssystem“ wird, ist noch offen. Bei einer Tagung zum Thema in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Ende September ging es unter anderem auch um die Frage, ob 1.000 Professuren reichen oder ob nicht auch Dauerstellenkonzepte neben der Professur wichtig sind. Eine Evaluation des Programms ist für 2023 geplant. „Da Corona-bedingt Besetzungen später als ursprünglich vorgesehen erfolgen dürften, könnte es sein, dass dieser Termin sich aber verschiebt“, sagt Rebekka Kötting von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern.