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Gesundheitsschutz in BildungseinrichtungenAm Individuum liegt es nicht

Baden-Württemberg ist bisher das einzige Bundesland, in dem es in allen Schulen Gefährdungsbeurteilungen gibt. Wie die GEW dieses Instrumentarium nutzt, erklärt Jürgen Stahl, Leiter der Fachgruppe Gymnasien im Landesverband.

10.01.2020 - Interview: Jeannette Goddar, freie Journalistin

  • E&W: Die GEW Baden-Württemberg gilt als Vorreiterin in Sachen Lehrkräftegesundheit. Wo sehen Sie die größten Probleme?

Jürgen Stahl: Die Kolleginnen und Kollegen nennen meist vor allem die Arbeitsbelastung und die schwierige Trennung von Arbeits- und Privatleben. Als belastend empfinden sie auch den Lärm, der durch eine lange Nachhallzeit in älteren Schulgebäuden und in besonders extremer Form in Sporthallen entsteht. Immer häufiger hören wir zudem von immenser Wärme- und Hitzebelastung im Sommer. Letztgenannte Probleme werden dadurch verschärft, dass nur wenige Schulen baulich-technisch auf einem aktuellen Stand sind.

  • E&W: Baden-Württemberg ist bisher das einzige Bundesland, in dem es Gefährdungsbeurteilungen in allen Schulen gibt. Wie kam das?

Stahl: 2001 erreichten wir erstmals eine Dienstvereinbarung, die den Arbeits- und Gesundheitsschutz in Schulen zur definierten Aufgabe der Kultusverwaltung erhob; zuvor hatte diese argumentiert, das Arbeitsschutzgesetz (ASG) beziehe sich lediglich auf die Privatwirtschaft. Zwar steht im ASG, in öffentlichen Einrichtungen sei es „gleichartig“ umzusetzen – darüber, was das bedeutet, haben wir ewig diskutiert. Damals gab es den ersten Pilotversuch mit Gefährdungsbeurteilungen, der allerdings zu einem sehr negativen Feedback der Lehrkräfte führte.

  • E&W: Warum?

Stahl: Weil es am Arbeitsplatz Schule mit einer sicherheitstechnischen Begehung nicht getan ist. Eine Analyse spezifischer Gefährdungen muss psychische Belastungen mitbetrachten; inzwischen steht das auch so im ASG, aber damals nicht. Davon ausgehend entwickelte die Freiburger Forschungsstelle für Arbeits- und Sozialmedizin auf der Grundlage eines Kopenhagener Vorbilds namens COPSOQ überhaupt erst einmal einen geeigneten Fragebogen. Dieser ist inzwischen zweimal, 2009 und 2016, in allen Schulen in Baden-Württemberg eingesetzt worden.

  • E&W: Kam dort das heraus, was Sie eingangs sagten?

Stahl: Unter anderem. Positiv ausgedrückt gilt: Lehrkräfte fühlen sich wenig belastet, wenn Führungsqualität und Gemeinschaftsgefühl stimmen, die Arbeit als bedeutend angesehen wird, der Work-Privacy-Konflikt gut zu lösen ist und Maßnahmen gegen Lärm ergriffen wurden. Leider ist all das an vielen Schulen nicht so und führt zu Belastungen. Als weitere Gefährdungsmomente wurden hohe emotionale Anforderungen, Stress, Konflikte im Kollegium sowie Mobbing genannt.

  • E&W: Hatte sich denn bei der zweiten Befragung die Gesundheit der Lehrkräfte verbessert?

Stahl: Das ist ein wunder Punkt: Es wurde den Schulen überlassen, die Ergebnisse zu interpretieren und einen Maßnahmenkatalog zu erstellen. Dafür fehlen häufig die Kenntnisse. Auch kam es vor, dass Schulleitungen die Ergebnisse schlicht ignorierten. Generell zeigt sich auch hier, welch große Rolle die Führungsqualität spielt. Und eine Reihe Probleme ist eben nicht pädagogisch oder psychologisch zu lösen, sondern nur baulich-technisch. Das gelingt wegen einer bürokratischen Hürde aber so gut wie nie: Zwar ist das Schulministerium beim Thema Lehrkräftegesundheit dank langer Kämpfe im Boot – Trägerinnen der Schulen sind allerdings die Kommunen.

  • E&W: Wie geht die GEW Baden-Württemberg damit um?

Stahl: Im Grunde fordern wir bis heute in Briefen an – wechselnde – Ministerinnen und Minister, dass den Gefährdungsbeurteilungen flächendeckende Maßnahmen folgen müssen. Weit gekommen sind wir damit nicht. Erreicht haben wir allerdings, dass die gesundheitsfördernden Angebote mit Unterstützung des Kultusministeriums deutlich ausgebaut wurden.

  • E&W: Zum Beispiel?

Stahl: Eine von zehn Maßnahmen ist, dass sich Lehrkräfte zu Coaching-Gruppen nach dem Freiburger Modell anmelden können, das der Neurowissenschaftler Prof. Joachim Bauer entwickelt hat. An sechs Terminen und mit psychologischer Begleitung wird die Stärkung der Beziehungskompetenz gegenüber Schülerinnen und Schülern, Eltern, Kollegium und Vorgesetzten in den Blick genommen. Die Kolleginnen und Kollegen treffen sich in Regionalgruppen und tauschen sich aus. Für Führungskräfte gibt es spezielle Gruppen. Wir schätzen, dass bisher rund 10.000 Lehrkräfte dieses Programm durchlaufen haben.

  • E&W: Gibt es auch Maßnahmen, die sich an Kollegien richten, sodass eine ganze Schule ihre Strukturen in den Blick nehmen kann?

Stahl: Nun ja. Einmal im Jahr darf jede Schule zu einem Gesundheitstag Expertinnen und Experten einladen. Zudem kann die Auswertung der Gefährdungsbeurteilungen seit dem zweiten Durchlauf von einem Schulpsychologen moderiert werden. Kollegien, die die Ergebnisse prozesshaft begleiten lassen wollen, können sich zusätzlich für ein eineinhalbtägiges Seminar an einer Akademie anmelden. Weitere Maßnahmen sind, dass neue Schulleitungen in ihrer Einführungswoche ein wenig über Arbeits- und Gesundheitsschutz hören. Die Begleitung der Berufsanfänger wurde gestärkt. Und es gibt ein Trainingsmodell, in dem Kolleginnen und Kollegen Tandems bilden und wechselseitig im Unterricht hospitieren. Auch das wird von einem Schulpsychologen begleitet. Das ist übrigens die einzige Maßnahme, für die es eine Anrechnungsstunde gibt.

  • E&W: Welche Bilanz ziehen Sie nach 20 Jahren Engagement?

Stahl: Einerseits haben wir als GEW viel erreicht, auch systemisch. Andererseits: Wenn Sie die Lehrkräfte fragen, antworten die meisten weiterhin: Entlasten würden sie vor allem kleinere Klassen und weniger Unterrichtsverpflichtung. Arbeits- und Gesundheitsschutz wird bislang kaum als positive Stärkung der Berufslaufbahn erlebt. Das ist aber auch ein Zeichen dafür, dass Gesundheit nicht in erster Linie mit dem individuellen Verhalten, sondern mit den Verhältnissen zusammenhängt. Diese geraten bisher kaum in den Blick. Bis zu einem gesundheitsgerechten Arbeitsplatz Schule ist es noch ein weiter Weg.

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