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Sanierungsstau in BildungseinrichtungenAlt und doch neu, neu und doch alt

Ein Stadtteil, zwei Welten: In einer Plattenbauschule in Leipzig-Grünau läuft das Wasser von den Wänden – doch wenige Straßen weiter glänzt eine frisch sanierte Oberschule im Bauhausstil mit allem, was sich Lehrkräfte wünschen.

06.09.2019 - Sven Heitkamp, freier Journalist

In der 100. Grundschule in Leipzig-Grünau haben sie ihren Humor nicht verloren, trotz allem: An einem warmen Sommertag ist Musikstunde im dritten Stock des Plattenbaus, die Luft ist heiß und drückend. Der kleine Lüfter schafft kaum mehr als eine Geräuschkulisse. Also guckt die Klasse einen Film. Die Schneekönigin! „Zur Abkühlung“, scherzt die Musiklehrerin.

Unter den rund 130 Schulen in Leipzig ist die 100. Grundschule eines der Stiefkinder. Gebaut 1985, hat sich bis heute wenig geändert. Eine Sanierung fand nicht statt, denn die Schule sollte 2012 geschlossen werden. Doch dann wuchsen die Schülerzahlen, der Standort wurde gebraucht – auch wenn er sich kaum noch dafür eignet: Die uralten Holzfenster sind undicht, im Sommer heizen sich die Räume im Nu auf, im Winter zieht es kalt herein. Tapeten und Putz bröckeln, der PVC-Bodenbelag wellt sich. Die orangen Vorhänge im DDR-Stil spotten jeder Brandschutzverordnung, und die 35 Jahre alten Schränke sollte man nicht rücken, weil sie sonst auseinanderfallen. Immerhin die Toiletten des Schulgebäudes wurden gerade neu gemacht. Aber in den Retro-Umkleiden der Sporthalle kann man noch riechen, wie der Ursprungszustand war. Im Keller hat es reingeregnet, das Fallrohr ist undicht.

„Die baulichen Aufgaben halten mich ständig von der pädagogischen Arbeit ab.“ (Franziska Horn)

Dass die Zimmer und Flure trotzdem in knalligen Farben leuchten, ist nur dem Engagement der stellvertretenden Schulleiterin Grit Trepte zu verdanken, die sich in ihrer Freizeit mit Farbeimern und Freunden auf die Leiter stellt. Zusammen mit Schulleiterin Franziska Horn bildet sie ein Team, das gelernt hat, den Kopf nicht hängenzulassen. „Natürlich stelle ich ständig Anträge“, sagt Horn und zeigt einen dicken Ordner mit allen Grundrissen. Darin sind für jedes Zimmer der vierzügigen Grundschule die größten Probleme und die kleinsten Reparaturen farblich eingezeichnet. „Sonst verliere ich ja den Überblick“, scherzt die 37-Jährige mit Galgenhumor. Derzeit werden immerhin einige neue Fußböden gelegt. Aber die Lamellen für den Sonnenschutz fehlen immer noch – obwohl Horn sie seit 2017 beantragt. „Die baulichen Aufgaben“, sagt sie, „halten mich ständig von der pädagogischen Arbeit ab.“

Seit 2011 ist Horn hier Lehrerin, seit 2013 Schulleiterin. In den ersten Jahren war die dritte Etage gesperrt, aber der Platz reichte nicht aus. Auch das Kunstzimmer musste sie wieder in einen Klassenraum verwandeln. Für kleine Anschaffungen sammeln die mehr als 300 Kinder Altpapier. Vier Tonnen waren es voriges Schuljahr – bringt etwa 1.000 Euro für ein Schulfest und ein wenig neues Material. Während andere Schulen neue Anschaffungen aus den Mitteln des Digitalpakts planen, braucht die 100. Grundschule erstmal eine ordentliche Internetleitung. Während andere Schulen interaktive Whiteboards nutzen, stammen hier die meisten grünen Tafeln aus DDR-Zeiten. Doch mit ihrem kleinen Etat kann die Schule nicht mehr als Löcher stopfen. „Ich hätte gern einen strukturierten Plan, wie es weitergehen soll“, sagt die Schulleiterin. „Aber unsere Perspektive ist gleich null.“

„Bei etwa 60 Schulen laufen derzeit Sanierungen; etwa ein Drittel befindet sich im Bau, bei zwei Dritteln laufen die Planungen.“ (Nicolas Tsapos)

Die Leute in der Schulverwaltung wissen um die Misere, man ist ja ständig im Gespräch. Doch Leipzig leidet massiv unter Wachstumsschmerzen. Die Bevölkerung ist in den vergangenen acht Jahren um rund 80.000 Menschen auf annähernd 600.000 Einwohner gewachsen, die Schülerzahlen stiegen mit. Eine Herkulesaufgabe: Von den aktuell 132 Schulen der Stadt sind in den vergangenen fünf Jahren sieben Schulen neu gebaut und etwa 40 komplett saniert worden. „Bei etwa 60 Schulen laufen derzeit Sanierungen; etwa ein Drittel befindet sich im Bau, bei zwei Dritteln laufen die Planungen“, sagt Nicolas Tsapos, Leipzigs Amtsleiter für Jugend, Familie und Bildung. Unter dem Strich bedeutet das aber auch: 25 Schulen müssen noch saniert werden. Für Tsapos ist damit jedoch absehbar, „dass man in naher Zukunft davon ausgehen kann, dass alle Schulen der Stadt Leipzig saniert sind“. Dieses Jahr plant die Stadt immerhin mit 150 Millionen Euro für Neubauten, Sanierungen und Brandschutz. Weitere 23 Millionen sind für Instandhaltungen und kleinere Teilsanierungen geplant. Schon 2018 hatte die Stadt ein Sofortbauprogramm für Schulen mit 150 Millionen Euro bis 2022 aufgelegt.

Kritiker werfen dem Rathaus allerdings vor, rechtzeitige Planungen lange versäumt zu haben, weil man auf wachsende Geburtenzahlen und den positiven Wanderungssaldo zu spät reagiert habe. „Von der Geburt bis zur Einschulung vergehen sechs Jahre. Da hätte man trotz langer Genehmigungsverfahren frühzeitiger reagieren können“, sagt Fabian Wolff, Vorsitzender des GEW-Bezirksvorstands. Inzwischen reagiere die Stadt aber und investiere sehr viel. Doch ein Ende des Bedarfs ist nicht abzusehen: Die Stadt selbst rechnet bis 2030 mit einem Zuwachs von mindestens 20.000 Schülern.

„Die traumhafte Ausstattung erleichtert natürlich das Arbeiten deutlich.“ (Christiane Brielmann)

Wie schön eine sanierte Schule sein kann, ist nur ein paar Straßen von der 100. Grundschule entfernt zu bestaunen: Die neue Oberschule Ratzelstraße ist schon äußerlich ein architektonisches Schmuckstück. Der ockerfarbene Bau mit den langen Reihen weißer Sprossenfenster strahlt auf Besucher eine besondere Ruhe aus. Beim Gang durch die lichtdurchfluteten Räume zeigt Christiane Brielmann, wie Schulalltag funktionieren kann. „Baulich ist fast alles perfekt“, sagt die Schulleiterin. „Hier gibt es nichts, das nicht neu wäre.“

Der Idealzustand ist besonders in den Fachkabinetten zu sehen: Für Informatik, Chemie, Bio und Physik sind gut ausgestattete Lehrräume mit vielen Materialien entstanden. Der Werkraum samt Sägetisch mit Absauganlage lässt Handwerker neidisch werden. In der großen Lehrküche kann man sogar die Höhe der Dunstabzugshauben elektrisch verstellen. Mehr als 15 Millionen Euro haben Stadt und Freistaat für die denkmalgerechte Sanierung ausgegeben, bevor die 1929 gebaute Schule voriges Jahr wiedereröffnet wurde. Bei ihrer Gründung vor 90 Jahren galt sie als eine der kinderfreundlichsten Volksschulen. Auch heute sind Gebäudehülle und Klassenzimmer wieder makellos. In die Wände auf den Fluren sind historische Schränke eingelassen, in einem Atrium zum hinteren Hof befindet sich die Schülermensa mit Ausgabeküche. Heizung, Elektrik, Sanitärräume, Treppenhäuser und zwei Aufzüge sind nagelneu und barrierefrei, ebenso die Pausen- und Sportflächen. „Die traumhafte Ausstattung erleichtert natürlich das Arbeiten deutlich“, sagt Brielmann.

„Die Kinder lieben ihre Schule. Es herrscht eine große Verbundenheit, die auch ein gutes Lernklima schafft.“

Die 56-jährige Deutschlehrerin hat schon an verschiedenen Positionen in Sachsens Schullandschaft gearbeitet, auch als Schulleiterin. Nun genießt sie den allmählichen Aufwuchs der Schule. Seit diesem Jahr sind vorerst gut 340 Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 8 aufgenommen. Bis in zwei Jahren alle Klassenstufen vorhanden sind, bietet das offene Haus daher noch Ausweichräume für andere Standorte, die gerade saniert werden. Auch das Team wächst mit, es sind vor allem junge Kolleginnen und Kollegen. Schwierigkeiten mit Lehrkräftemangel oder zu wenigen Schülern haben sie in der Ratzelstraße nicht – im Gegenteil. Die Bewerberzahlen gehören zu den höchsten im Freistaat. „Die Kinder lieben ihre Schule. Es herrscht eine große Verbundenheit, die auch ein gutes Lernklima schafft“, sagt Brielmann.

Nur ein Vorzug der Schule hat sich zugleich als Fluch erwiesen: Die 850 Fenster und die hellen Gänge haben das Gebäude im Hitze-Sommer fast in ein tropisches Gewächshaus verwandelt. Schon morgens herrschten 30 Grad, Unterricht wurde verkürzt und in die Höfe verlegt. „Ich hoffe, dass den Bau-Experten noch eine Lösung für eine bessere Beschattung oder Lüftung einfällt“, sagt die Schulleiterin.

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