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Aktuelle Schulbücher unter der Lupe

Menschen mit dunkler Hautfarbe werden oft marginalisiert, Geschlechterstereotype wiederholt, und das zweigeschlechtliche Bild wird nur selten aufgebrochen: Die GEW-AG LSBT*I* hat aktuelle Schulbücher unter die Lupe genommen.

28.05.2018 - Marcus Heyn

Die AG Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter* der GEW hat zwölf aktuelle Schulbücher der Fächer Geschichte, Englisch, Politik/Gesellschaftslehre und Biologie mit Blick auf Diversität analysiert. Bewertet wurden fünf Aspekte: die Vielfalt der Bildsprache, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, die Darstellung von Familien- und Rollenbildern, die Sichtbarkeit ethnischer Vielfalt, die Thematisierung von Diskriminierung und Gewalt sowie der Umgang mit HIV. Die Untersuchung ist indes nicht repräsentativ, da nur die Verlagsgruppe Westermann und der Cornelsen Verlag auf die Anfrage eingingen und ausgewählte Lehrmittel zur Verfügung stellten.

Ein Ergebnis: Die Verlage bemühen sich zunehmend, einer vielfaltssensibleren Bildsprache nachzukommen. Indes gelingt dies noch zu selten. So werden beispielsweise in „Erlebnis Biologie“für die Jahrgangsstufen 7/8 in Baden-Württemberg (Westermann) frühere Methoden der Nahrungsbeschaffung mit dunkelhäutigen Menschen im Lendenschurz bebildert, der heutige Supermarktbesuch hingegen wird mit weißen Menschen illustriert.  Die Englischbücher „Headlight 6“ und „Lighthouse 3“ (Cornelsen) stellen ethnische Vielfalt bildlich dar. Sie wird vereinzelt durch die Darstellung von Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung ergänzt. Es wäre allerdings wünschenswert, diesen Aspekt nicht allein auf das Stereotyp des im Rollstuhl sitzenden Menschen zu beschränken. Trans*-Personen tauchen in nur zwei Biologiebüchern in Text und Bild auf: in „Fachwerk Biologie“7-9 für Baden-Württemberg (Cornelsen) und in „Erlebnis Biologie“7/8 für Baden-Württemberg (Westermann).

Stereotype werden reproduziert

Mit Blick auf die Darstellung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt hob die AG LSBT*I*   zudem „Biologie heute“für die Jahrgangsstufen 9/10 für Niedersachsen (Westermann)  positiv hervor: Heterosexualität, Bisexualität und Homosexualität werden definiert, biologisches Geschlecht (Sex) und psychisches Geschlecht (Gender) differenziert, Intersexualität und Transsexualität genannt. Fragwürdig ist eine Verknüpfung in der Behandlung des Themas „Homosexualität“ im Ethik-Buch „Respekt 2“ für die Klassenstufen 7/8 in Berlin (Cornelsen)  : Gleichgeschlechtliche Liebe wird dort neben einem Romanauszug anhand der „verbotenen Liebe von Delphinen“ besprochen. Der Verweis auf Homosexualität im Tierreich mag mit dem Vorurteil aufräumen, sie sei lediglich eine (menschliche) Einstellungs- oder Entscheidungsfrage. Es bleibt jedoch zu bezweifeln, ob tierische Verhaltensmuster dienlich sind, um zur Kriminalisierung und Pathologisierung von Homosexualität überzuleiten.

Alle untersuchten Politik- und Gesellschaftskundebücher widmen sich derweil real gelebter Familienvielfalt, setzen sich mit Rollenvorstellungen in Familien auseinander und fordern Respekt gegenüber „neueren“ Familienformen. Das gelingt indes unterschiedlich: In „Menschen Zeiten Räume“für die Jahrgangsstufe 6 in Berlin und Brandenburg (Cornelsen) etwa wird soziale Vielfalt in der Gesellschaft  thematisiert. Geschlechterstereotype werden dennoch reproduziert. Regenbogenfamilien beispielsweise werden benannt, aber von Eltern-Kind-Familien abgegrenzt. Leider erscheint auch ein differenzierter Umgang mit HIV noch immer nicht selbstverständlich, bilanziert die AG LSBT*I*. Noch immer würden Angst generierende Bilder verbreitet, die einen sensiblen Umgang mit HIV erschweren und HIV-positive Menschen nicht aus der Stigmatisierung befreien.

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