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Ängste werden instrumentalisiert – Geschlecht mit Rassismus verknüpft

Die Vielfalt unserer Gesellschaft wird immer sichtbarer. Doch es gibt auch Stimmen, die ein ultrakonservatives Familienbild propagieren. Geschlechterforscherin Ilse Lenz spricht über Ursachen des neuen Antifeminismus und zeigt Gegenstrategien auf.

17.06.2016

Worin sehen Sie die Ursachen für diesen „neuen“ Antifeminismus?

Es gibt eine tiefe Verunsicherung durch die zunehmende Globalisierung und Prekarisierung. Diese Veränderungen führen zu Ängsten vor einer unsicheren Zukunft. Die neu-rechten Kreise sprechen diese Ängste mit einer Panikmache vor ‚Überfremdung’ an und instrumentalisieren sie damit auch. Verbreitet ist dabei die Verknüpfung von Geschlecht und Rassismus.

Ein Beispiel: Nach der sexuellen Gewalt in Köln lief eine Kampagne an, die die Opfer vor allem als ‚deutsche’ Frauen ansprach und die Täter als desintegrierte junge Männer rassifizierte. Statt Gewalt gegen Frauen allgemein zu sanktionieren, wurden hier unter dem Leitwort „deutsche Frauen zu beschützen“ rassistische Stereotypen verbreitet. Hinzu kommt, dass Frauen als Schutzobjekte wieder in die Ecke des „schwachen Geschlechts“ gerückt werden. Im Ergebnis wird ihre Freiheit eingeschränkt anstatt für eine gewaltfreie Umgebung zu sorgen. Aber Frauen können sich auch mehr Sicherheit verschaffen, in dem sie zum Beispiel Selbstverteidigung lernen und gemeinsam ausgehen.

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Wie sind die guten Wahlergebnisse rechtspopulistischer Parteien unter dem Aspekt des neuen Antifeminismus einzuordnen? Welche Entwicklungen zeichnen sich ab, sind zu befürchten?

Die Wahlerfolge gehen vor allem auf die Position zur Flüchtlingspolitik zurück. Aber die Alternative für Deutschland (AfD) lehnt klar Geschlechterpolitik ab und fordert deren Rückbau. Dabei vertritt sie die Meinung einer Minderheit, auch wenn sie teils so tut, also ob sie für die Mehrheit spricht. Laut Untersuchungen will die große Mehrheit der Bevölkerung Geschlechtergleichheit: Nur 14 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer sind für das traditionelle Alleinernährermodell. Knapp ein Fünftel der Männer und ein Drittel der Frauen wollen volle Gleichheit und der Rest balanciert dazwischen.

Den Rechtspopulisten geht es um den Kampf um die Köpfe: Sie sprechen sich für ein retraditionalisiertes Familienbild und gegen sexuelle Vielfalt aus. Da baue ich auf Argumentieren und Aufklären darüber, was sich aus den Forderungen zum Beispiel der AfD ergeben würde, wenn sie denn umgesetzt würden. Frauen sollen zurück an den Herd und Männer allein die Familie ernähren, obwohl kaum mehr jemand auf lebenslange Beschäftigung zählen kann. Menschen werden ‚biologische’ traditionelle Geschlechtsrollen gepredigt. Aber die Biologie ist keine Zwangsnorm, sondern wird in verschiedenen Gesellschaften sehr unterschiedlich aufgenommen und gestaltet. Wer sie zum Zwang umdefiniert, macht aus dem Geschlecht ein stahlhartes Gehäuse statt vielfältiger Chancen, sich selbst zu entfalten. Die AfD kritisiert die straffreie Abtreibung, doch Bestrafungen würden die Frauen wieder aus Not zu hochgefährlichen illegalen Methoden treiben. Sie beschwört zwar das Bild des freien Bürgers, steht geschlechterpolitisch aber für Verbote und Abschaffung, zum Beispiel der Sexualaufklärung und Geschlechterforschung.

Wie bewerten Sie die Debatten und Auseinandersetzungen aus der Sicht einer Gewerkschafterin?

Im Programm der AfD tauchen Gewerkschaften kaum auf. Nun haben Gewerkschaften die Gleichstellung aktiv gefördert, die GEW sieht zu Recht für eine Pädagogik der Vielfalt als Bildungsauftrag an. Und sie treiben die betriebliche Demokratisierung voran. Gewerkschafter_innen müssen von ihren Zielen her, aber auch aus eigenen Interessen weiter für Freiheit, Solidarität und Geschlechtergerechtigkeit eintreten. Es gilt, auf Kolleginnen und Kollegen zuzugehen und das deutlich zu machen - und dass dies mit einer Partei wie der AfD kaum möglich ist.

Wie macht sich der neue Antifeminismus noch bemerkbar?

Zum einen ganz persönlich: aktive Feministinnen werden öffentlich bedroht, oft übers Internet. Einschüchterungen und Beschimpfungen deutlich zugenommen.

Die AfD fordert, die Geschlechterforschung abzuschaffen. Das bedeutet einen massiven Eingriff in das Grundrecht der Freiheit der Wissenschaft. Weiter würde ein Forschungsbereich stillgelegt, der im heutigen sozialen Wandel wesentlich ist. Wer sollte sonst über Geschlecht und Ungleichheiten forschen? Eine Abschaffung der Geschlechterforschung würde der geschlechtergerechten Erziehung und Bildung die wissenschaftlichen Grundlagen entziehen. Da die Forschungen etwa zur Frauenarmut, der Frauen- und Männergesundheit, den Ungleichheiten im Beruf und der Rente und sexueller Vielfalt entfallen würden, könnte dazu nicht mehr wissenschaftlich fundiert berichtet oder politisch gehandelt werden.

Wie können Frauen sich wehren?

Durch Öffentlichmachen. Die Ermutigung durch andere und Solidarität sind wichtig. Mutig sein, zu sagen, ich möchte über mich selbst entscheiden. Offen über Geschlecht und Gleichheit sprechen und versuchen, mit Humor auch auf Anfeindungen zu reagieren. Die möglichen Ergebnisse der rechtspopulistischen Forderungen für breitere Kreise klarmachen. Und einfach mal sagen: Mir geht es besser so, ich lebe gern so, mir geht es gut dabei, etwa in einer partnerschaftlichen Beziehung zu leben, über mein Leben selbst zu entscheiden und sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Welche Strategien brauchen wir insgesamt und was muss auf der bildungspolitischen Ebene geschehen?

Es gibt defensive und offensive Strategien. Defensiv bedeutet, aufzuzeigen, wofür die rechten und neoliberalen Kreise stehen. Ist das das Leben, das wir wollen? Eine aktive Strategie ist, aufzuzeigen, warum Geschlechtergerechtigkeit, Partizipation und Vielfalt für ein gutes Leben wichtig sind. Was sind unsere Ziele für ein gutes Leben für alle? Das kann spannend ausbuchstabiert werden.

Ganz allgemein muss die Politik wieder verstärkt die Probleme der Menschen in den Blick nehmen. Wie können Kinder und Beruf besser vereinbart werden, wie kann ich für Chancengleichheit für alle sorgen, damit auch ein Hauptschulabschluss wieder eine Perspektive für Jungen und Mädchen bietet. Wesentlich ist zugleich die Vermittlung von Respekt, Toleranz und Anerkennung der Vielfalt unserer Gesellschaft.

Noch eine Frage

Wo liegen die Wurzeln für diesen Antifeminismus?

Zunächst muss man drei Richtungen unterscheiden: 1. Den männlich zentrierten Antifeminismus. Diese Kreise sind seit längerem mit mäßigem Zulauf öffentlich unterwegs. 2. Den ultrareligiösen Antifeminismus, der traditionelle Geschlechterrollen als von Gott gegeben vertritt. 3. Die rechtspopulistischen Strömungen, in denen neoliberale und neurechte Kreise zusammen arbeiten. Sie sind im Netz sehr aktiv (Blogs und Foren) und teils auch in der AfD.

Demgegenüber ist das Bundesforum Männer ein Dachverband von Männerverbänden (u.a. dem DGB und ver.di), die im Genderdialog für eine aktive Geschlechterpolitik eintreten.

Zur Person: Ilse Lenz ist Professorin em. für Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum mit den Forschungsschwerpunkten Geschlecht und soziale Ungleichheiten, Globalisierung, Frauenbewegungen.

Literatur 

Hark, Sabine; Villa, Paula (Hg.) (2015): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld.

Das Interview führte Britta Jagusch.

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