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Nationaler Bildungsbericht 2020Achillesferse des deutschen Bildungswesens

Stockt der Trend zu immer höherer Bildung? Nach Jahren des Anstiegs registriert der Nationale Bildungsbericht erstmals weniger mittlere Abschlüsse und auch weniger Abiturienten – zudem wieder mehr Jugendliche ohne Hauptschulabschluss.

09.10.2020 - Karl-Heinz Reith, freier Journalist

Gemessen am Altersjahrgang ist der Anteil der jungen Menschen, die einen mittleren Bildungsabschluss erzielen, zwischen 2014 und 2018 von 56 auf 51 Prozent geschrumpft. Und auch die Quote derer, die das Abitur oder die Fachhochschulreife erwarben, ging im gleichen Zeitraum zurück – und zwar von 53 auf 51 Prozent*. Gleichzeitig steigt nach Jahren des leichten Rückgangs wieder die Quote der Schülerinnen und Schüler, die die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. 2014 waren dies 5,8 Prozent, 2018 dagegen fast 7 Prozent. Das waren knapp 54.000 junge Menschen, und zwar deutlich mehr Männer als Frauen.

Zugleich stagniert seit Jahren der Anteil der jungen Menschen, die keinen Bildungs- oder Berufsabschluss haben und auch keinen Qualifizierungskurs mehr besuchen. Unter den 20- bis 30-Jährigen sind das in Deutschland mehr als 1,5 Millionen. Während auch hier der Anteil der Frauen an den Ungelernten sinkt, steigt er bei den Männern.

Dabei schließen die Autoren des Nationalen Bildungsberichtes nicht aus, dass sich im Rückgang der Erfolgsquoten mit Blick auf Mittlere Reife sowie Abitur auch die erhöhte Flüchtlings- und Migrationszuwanderung der Jahre 2015 und 2016 statistisch negativ niederschlägt. Gleichwohl reicht ihnen dies als Erklärung allein nicht aus. Denn ungeachtet dessen stieg auch die Zahl der Schulabbrecher mit deutscher Staatsbürgerschaft wieder an.

Der Nationale Bildungsbericht wird alle zwei Jahre im Auftrag von Bund und Ländern von einer Wissenschaftlergruppe unter Federführung des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation erstellt. Bildungsforscher und Studienleiter Kai Maaz bezeichnete den Rückgang bei der Abiturientenquote wie bei der Mittleren Reife als „überraschend“. Gleichwohl sei nach jahrelanger Bildungsexpansion eine „gewisse Sättigung“ zu verzeichnen. Eine Umkehrung der Expansion, also eine Rückkehr zu den früheren niedrigeren Abiturientenzahlen, sei jedoch nicht zu erwarten, so Maaz.

Konservative frohlocken

Konservative Politiker und Verbände frohlockten hingegen und beschworen angesichts der leicht gesunkenen Abiturquote das Ende des „Akademisierungswahns in Deutschland“. Kleinere Hochschulstandorte, vor allem im Osten Deutschlands, sollten sich schon auf den Abbau von Studienplätzen einstellen oder gar auf ihre komplette Schließung.

Dass die angebliche Überakademisierung der Bildung seit Jahren eine rein deutsche Stammtischfiktion konservativer Kreise ist, verdeutlichen folgende Zahlen: Zwischen 2010 und 2018 nahmen jährlich jeweils rund 500.000 junge Menschen ein Studium neu auf, darunter rund 100.000 sogenannte Bildungsausländer, die ihre Hochschulzugangsberechtigung nicht in Deutschland erworben hatten und zum Teil auch nur einige wenige Gastsemester in der Bundesrepublik studieren wollten. Handwerk, Handel, Industrie und Verwaltung schlossen pro Jahr im Schnitt jeweils rund 500.000 neue Lehrverträge ab.

Zudem gab es jährlich zwischen 220.000 und 250.000 Neueintritte in das berufsqualifizierende Schulberufssystem – etwa als vollzeitschulischer Ersatz für fehlende betriebliche Lehrstellen oder auch für Berufsziele wie Krankenschwester, Pfleger, Erzieherin oder pharmazeutisch-technischer Assistent. Diese jungen, ebenfalls berufspraktisch ausgebildeten Menschen, werden in den hitzigen Debatten um eine vermeintliche Überakademisierung der Gesellschaft und beim Streitthema berufliche Bildung versus Studium gern unterschlagen.

Auch in dem aktuellen Bericht „Bildung auf einen Blick 2020“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird auf diesen erfolgreichen Teil der beruflichen Qualifizierung in Deutschland kaum eingegangen. Erstmals vergleicht die OECD die Berufsbildungssysteme der 30 wichtigsten Industrienationen. Es geht um Zahlen, um Quantität – nicht um Qualität und Inhalte. Zugleich ist die OECD voll des Lobes für deutsche duale Ausbildungsgänge mit ihrem Zusammenspiel von Betrieb und Berufsschule. Die OECD fordert zwar mehr „Digitalisierung und Modernisierung“, damit „Deutschlands traditionsreiche Berufsbildung auch im 21. Jahrhundert stark bleibt“.

Ansonsten findet sich kaum Kritisches, allenfalls am Rande. Etwa kein Wort dazu, dass von den rund 2,2 Millionen Betrieben heute nicht einmal mehr jeder Fünfte Auszubildende einstellt und dass ausreichend Lehrstellenangebote in den attraktiven, hochqualifizierenden Ausbildungswegen fehlen, wie in den Rechts- und Verwaltungsberufen, im Metall- und Elektrobereich und im Maschinenbau. Dagegen gibt es ein Überangebot in Berufen mit ungünstigen Arbeitsbedingungen und schlechter Bezahlung, etwa in der Lebensmittelherstellung oder im Hotel- und Gaststättengewerbe.

„Der Fachkräftemangel, den die Bundesländer zu verantworten haben, erweist sich zunehmend als Achillesferse des deutschen Bildungswesens.“ (Marlis Tepe)

Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe hielt zudem der OECD vor, in ihrem jüngsten Bildungsbericht den dramatischen Fachkräftemangel an Schulen und Kitas in Deutschland auszublenden: „Der Fachkräftemangel, den die Bundesländer zu verantworten haben, erweist sich zunehmend als Achillesferse des deutschen Bildungswesens.“

Dazu enthält der Nationale Bildungsbericht einige interessante Zahlen: So hat in einigen Bundesländern mehr als ein Viertel aller jährlich Neueingestellten in den Schuldienst keine grundständige Lehramtsausbildung mehr absolviert. Bundesweit hat sich der Anteil der Quer- und Seiteneinsteiger seit 2012 auf 13 Prozent aller neueingestellten Lehrkräfte vervierfacht. Hinzu kommt, dass immer mehr Lehrkräfte fachfremd eingesetzt werden, um Unterrichtsausfall zu reduzieren. Als problematisch stellt der Bericht fest, dass Quer- und Seiteneinsteiger sowie fachfremd unterrichtende Lehrkräfte ausgerechnet vermehrt in Schularten und -klassen mit einem hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund, niedrigem Sozialstatus oder geringen kognitiven Grundfähigkeiten eingesetzt werden.

Das wohlklingende OECD-Loblied auf die berufliche Bildung in Deutschland wirkte politisch bestellt. OECD-Bildungskoordinator Andreas Schleicher, ein Deutscher, galt über viele Jahre hinweg als jemand, der die Trennung zwischen dualer Berufsausbildung und Hochschulbildung kritisierte. Er forderte stets mehr Öffnung hin zu akademischen Ausbildungswegen und beklagte permanent die im internationalen Vergleich für eine Industrienation wie Deutschland extrem niedrigen Studierendenzahlen. Unter anderem legte Schleicher eine Studie über die vermeintlich geringe Flexibilität beruflich Ausgebildeter bei plötzlichem Arbeitsplatzverlust vor – alles sehr zum Missbehagen deutscher Bildungspolitiker.

Gesinnungswandel der OECD

Über die Gründe des OECD-Gesinnungswandels lässt sich nur spekulieren. Doch seit einigen Jahren schon klingt die Kritik der Wirtschaftsorganisation am deutschen Bildungssystem viel moderater als früher. Deutschland ist nicht nur ein wichtiger OECD-Beitragszahler. Die Bundesregierung hat es zudem geschafft, zwei ihrer in Berlin „ausgedienten“, extrem konservativen politischen Top-Beamten jeweils als Vize-Generalsekretäre an der Spitze der Pariser OECD-Zentrale zu etablieren. Der erste war 2014 der neoliberale FDP-Mann Stefan Kapferer, einst beamteter Staatssekretär und rechte Hand des gescheiterten Ex-FDP-Chefs Philipp Rösler. Kapferer ist inzwischen Chef-lobbyist der Energiewirtschaft in Berlin. Ihm folgte auf dem OECD-Vizeposten Ludger Schuknecht, einst Chefvolkswirt unter Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und verantwortlich in der Finanzkrise 2008/09 unter anderem für den sehr harten Sparkurs gegenüber Griechenland.

*Die Zahl der Abgängerinnen und Abgänger bzw. Absolventinnen und Absolventen wird auf die gleichaltrige Wohnbevölkerung bezogen. Es kommt zu zeitversetzten Doppelzählungen, zum Beispiel wenn Personen Schulabschlüsse nachholen oder um einen weiteren Schulabschluss ergänzen.